Zeitung Heute : Gewalttoleranz in der Schule ist das Schlimmste

Der Tagesspiegel

Tempelhof-Schöneberg. Das Thema Gewalt in der Schule ist ein Dauerbrenner in Berlin. Manche Bezirke sind davon mehr betroffen als andere. In den letzten Jahren wird der psychischen Gewalt mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Nach Aussagen von Bettina Schubert, der zuständigen Schulreferentin im Landesschulamt, wird jedes dritte Kind in der Schule regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg gemobbt. Im Bezirkselternausschuss Tempelhof-Schöneberg nahm sie am Dienstagabend in der Paul-Klee-Schule Stellung zur Situation.

Nach Angaben von Lehrern und Eltern werden Kinder heute nicht mehr ausschließlich wegen körperlicher Schwächen oder nicht vorhandenen Statussymbolen gehänselt. Die Gründe für die psychische Gewalt sind völlig beliebig. „Meist wird irgendeine Schwäche herausgepickt, um den Betroffenen mürbe zu machen“, so Bettina Schubert. Die Eltern der Opfer erfahren nur in 50 Prozent der Fälle von den Leiden ihrer Kinder. Nur 30 Prozent der Lehrer bekommen mit, was in den Pausen oder auf dem Schulweg passiert. In vielen Fällen trauen sich die Kinder nicht, sich jemandem anzuvertrauen. Sie schämen sich und haben Angst hinterher als Verräter dazustehen.

Wie die physische Gewalt geht auch die körperlose Gewalt häufig von Kindern aus, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Oft greifen Lehrer in solchen Fällen nicht ein, mit der Begründung, dass die Täter selbst in der Opferrolle sind. Auf diese Haltung reagiert Bettina Schubert mit Fassungslosigkeit und sagt: „Gewalttoleranz ist das Schlimmste“.

Eine Mutter berichtete im Ausschuss von einem besonders drastischen Fall. Ein Schüler der 9. Klasse wurde seit Jahren psychisch drangsaliert. Zum Schluss ging es so weit, dass behauptet wurde, er sei schwul. Sogar die Mutter des Kindes, die mit ihrem Sohn allein lebt, wurde in den Terror miteinbezogen: Mitschüler schreckten nicht davor zurück, bei einem Bestattungsunternehmen einen Sarg anzufordern und diesen zur Wohnung der Mutter zu schicken – um den Eindruck zu erwecken, dass sie verstorben sei.

Johanna Hiller

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