Zeitung Heute : Gib dem Affen Zucker Potenz: Was Medikamente leisten können – und wo sie scheitern.

Daniel Erk

Fünf Jahre beherrschte Viagra den Markt für Potenzmittel praktisch allein, bis jetzt. Im März brachte der Bayer-Konzern sein „levitra“ erst in Deutschland auf den Markt, im Herbst folgte die Zulassung in den USA.

Die Vereinigten Staaten sind für Potenzhilfen noch immer der wichtigste Markt, und dafür, dass dort auch Levitra eine Erfolgsgeschichte wird, stehen die Chancen gut: Das Geschäft mit der reparierten Manneskraft boomt noch immer – und wird es weiter tun. Denn auch wenn die meisten nur ungern über sich und ihre Potenz im Besonderen sprechen: Betroffen sind von Potenzstörungen, medizinisch „erektile Dysfunktion“, immer mehr Männer.

In einer umfassenden Studie, bei der Umfragen und medizinische Untersuchungen an über 1700 amerikanischen Paaren im Großraum Boston vorgenommen wurden, hatten 52 Prozent aller Männer zwischen 40 und 70 Erektionsprobleme. Davon klagten 10 Prozent über komplette Impotenz, weitere 25 Prozent über erhebliche und nochmals 17 Prozent über geringfügige Potenzprobleme. Zahlen, die für Deutschland zwar so nie erhoben worden sind, aber wohl als Vergleichswerte angesehen werden dürfen. Ältere Studien des Berliner Zentrums für Sexualwissenschaften gehen von 150 000 Berlinern aus, die mit Potenzproblemen zu kämpfen haben, rechnet man die von der Abteilung für das Gesundheitswesen des Sozialmedizinischen Dienst Charlottenburg erfasste Zahl hoch, läge sie gar bei über 300 000.

Der junge Mann unter 40

Die Dunkelziffer ist hoch, Hartmut Porst, Hamburger Androloge, Spezialist für die Behandlung von Potenzproblemen und Autor des Buches „Die gekaufte Potenz“, geht davon aus, dass lediglich 12 bis 15 Prozent der Betroffenen behandelt würden. Gut die Hälfte kommt auf Druck der Partnerinnen, die durch die Impotenz ihrer Partner auch spürbar an Lebensqualität verlieren: Die Männer selbst neigen offenbar dazu, das Problem zu verdrängen, obwohl sie selbst darunter leiden.

Betroffen von der erektilen Dysfunktion sind vor allem zwei Typen: Der junge Mann unter 40, dem der Stress im Beruf nicht nur auf die Seele, sondern auch auf den Schwellkörper drückt, der nicht über seine Probleme im Arbeitsleben oder in der Beziehung spricht, so seinen Kopf nicht frei bekommt und auch im Bett gehemmt bleibt. Er leidet zunehmend auch an einer Depression – wobei oft nicht zu klären ist, ob sie Folge oder Ursache der Potenzschwäche ist. Er zieht sich immer mehr aus seiner Beziehung und seinem Sexualleben zurück, aus Angst, das Gesicht auch noch vor seiner Partnerin zu verlieren.

Und es gibt den Mann über 40, der zu wenig Bewegung hat, vielleicht übergewichtig ist, raucht, sich unausgewogen ernährt oder sonstigen Raubbau an seinem Körper betrieben hat. Die Konsequenzen für ihn: Neben Bluthochdruck, Erkrankungen der Herzkranzgefäße, erhöhten Blutfettwerten, lässt seine Potenz nach – manchmal auch eine Folge der Medikamente, die dieser Mann zu sich nehmen muss.

Doch auch fünf Jahre nach der Markteinführung von Viagra bleibt noch immer ein Großteil der Betroffenen unbehandelt – nicht zuletzt, weil sie den Schritt zum Arzt nicht wagen. Zu sehr kratzt das Eingeständnis der Impotenz am eigenen Selbstbild.

Keine Liebesdroge

Seit jeher ist das Thema an das männliche Selbstverständnis geknüpft: Höhlenmalereien in Frankreich belegen, schon in der Steinzeit verbanden die Menschen Stärke mit sexueller Fähigkeit. Je erfolgreicher der Jäger, desto größer war sein Penis dargestellt. Und was man sich im alten Rom erzählte, greift der Volksmund heute gern auf: Ein Schlappschwanz ist einer, der nichts kann. Es fehlt ihm an der potencia – an Macht und Kraft. Denn das, was den Mann potent, also mächtig, stark und einflussreich macht, das hat mehrere Dimensionen: Die Physische, die Psychische und die Gesellschaftliche.

Am archaischen Männerbild der Steinzeit hat sich im Prinzip so viel nicht geändert. Impotenz ist noch immer ein Tabu, und das, obwohl das Thema Sex sich tagtäglich auf dutzenden Titelseiten findet. Vielleicht gerade deshalb, denn in einer Gesellschaft, in der Sex zum Leistungssport gerät, in der – vorgeblich – jeder immer kann und will, sehen sich die Männer eher einem zunehmend größeren Druck ausgesetzt. Den sachlichen Umgang mit der sexuellen Potenz macht das nicht eben leichter.

Vielleicht erklärt das, warum sich hartnäckig das Gerücht hält, bei Viagra und Co handele es sich um Aphrodisiaka, eine Art Liebesdroge. Die medizinischen Fakten sprechen dagegen. Denn Viagra, Levitra und Cialis unterstützen lediglich biochemische Vorgänge, sie im gesunden Körper auch ohne Medikamente stattfinden. Bei gesunden Männern bleiben sie ohne Effekt. Und ohne erotischen Impuls können sie auch nichts ausrichten.

Deshalb gilt, für Männer mit erektiler Dysfunktion können Medikamente wie Viagra eine echte Hilfe sein. Für ein befriedigendes Sexualleben braucht es aber mehr als immer neuere, bessere Pillen.

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