Zeitung Heute : Gift für den Euro

Scheine, die in der Hand zerbröseln – einem Rätsel auf der Spur

Frank Jansen

In Deutschland sind mehrere Geldscheine aufgetaucht, die sich selbst auflösen, weil sie mit Säure versetzt worden sind. Jetzt ermittelt die Polizei. Was hat es mit diesen Geldscheinen auf sich?


Die Szene könnte ein überdrehter Krimi- autor oder Satiriker erfunden haben. Man will in einem Geschäft mit einem 50-Euro-Schein bezahlen – und zieht aus dem Portemonnaie nur noch einen bröselnden Rest. Die Banknote zersetzt sich. Eine abstruse Vorstellung, doch diese ist Realität. Die Bundesbank hat seit dem Sommer etwa 1500 „brüchige Banknoten unterschiedlicher Stückelung“ festgestellt, wie es am Donnerstag in einer Stellungnahme heißt. „Sie fassen den Schein an, und er zerfällt in mehrere Teile“, beschreibt Rüdiger Bengs, Pressesprecher der Bundesbank, das seltsame Phänomen. Die Polizei untersuche „die Einwirkung von Säuren“. Wer das große Bröseln verursacht hat, kann sich Bengs nicht erklären. „Was wir erleben, ist mysteriös“, sagt er. Der Fall sei einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik.

Die monetäre Zersetzung trifft vor allem Berlin. Nach den Ermittlungen der Polizei kamen hier und im Umland offenbar die meisten Säurescheine in Umlauf. Es handelte sich um Banknoten im Wert zwischen fünf und 100 Euro. Der typische Ablauf, wie ihn Besitzer poröser Noten geschildert haben: Man zieht an einem Geldautomaten mehrere Scheine. Äußerlich ist dem Geld nichts anzusehen. Doch nach einigen Tagen zerbröckelt eine Banknote in der Hand wie angekokeltes Papier. Im Juni wurde in Berlin ein erster kaputter Schein, im Wert von 20 Euro, bei der Landesbank abgegeben. Inzwischen sind deutschlandweit in Filialen der Bundesbank Reste von Banknoten eingegangen. Das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz hat ein Gutachten erstellt, die Berliner Polizeitechniker sind fast fertig. Das Resultat: Auf dem Geld wurde Schwefelsäure festgestellt. Dass die Scheine erst mit Sulfatsalz gepudert wurden und sich durch den Kontakt mit Handschweiß die ätzende Säure bildete, wie ein Chemiker laut „Bild“-Zeitung vermutet, halten Sicherheitsexperten für wenig glaubhaft.

Eine Spur zum möglichen Verursacher gibt es jedoch nicht. Aber reichlich Theorien, wer oder was das Geld ansäuert. So hält der Falschgeldexperte einer Sicherheitsbehörde, der namentlich nicht genannt werden möchte, eine „gezielte Manipulation“ des Geldes für möglich. Dahinter könnte die Absicht stehen, die Bundesbank zu erpressen. Besonders intelligent sei eine solche Methode aber nicht. Der durch die Bröselei entstandene Schaden sei gering. Neue Euro-Scheine, die als Ersatz für die ruinierten ausgegeben werden, kosteten in der Produktion pro Stück zwischen 16 und 18 Cent.

Denkbar sei auch, sagt der Experte, dass Täter aus „religiösem oder politischem Wahn“ Euro-Noten und damit ein Symbol des europäischen Kapitalismus vernichten wollten. Bislang habe sich allerdings, wie in Sicherheitskreisen zu hören ist, weder ein Erpresser gemeldet noch habe sich ein religiöser Fanatiker zu dem Säuereanschlag auf das Geld bekannt.

Eine Beteiligung der Falschgeldmafia schließt der Experte aus. Die brüchigen Scheine seien alle echt. Professionelle Geldfälscher, in letzter Zeit verstärkt aus Osteuropa kommend, brauchten auch für den Druck ihrer Blüten nur wenige Scheine als Vorlage. 1500 Banknoten mit Säure zu verunreinigen, ergebe keinen Sinn. Auch die „Wasch-wasch-Banden“ aus Nigeria, die naiven Opfern schwarze Papierschnipsel als illegal eingeführtes Geld andrehen, das mit einer teuren Chemikalie gereinigt werden müsse, schließt der Experte als Tatverdächtige aus. Den afrikanischen Kriminellen nutzen ramponierte Banknoten so wenig wie den Kollegen aus dem Falschgeldmilieu.

Bleibt noch die Theorie einer Erpressung, von der die Polizei nichts mitbekommen hat und die ungewöhnlich abgelaufen ist: Es wäre vorstellbar, dass ein Erpressungsopfer Geld mit verdünnter Schwefelsäure, wie sie zum Beispiel in Batterien steckt, besprenkelt und dann dem Erpresser die kontaminierten Scheine übergeben hat. Aber auch dieses Denkmodell halten Sicherheitsexperten nur bedingt für tauglich. Dass die Banknoten in Umlauf gekommen seien, bedeute ja, dass der Erpresser das gesäuerte Geld noch ausgeben konnte. Damit wäre die Rache des Erpressungsopfers gescheitert. Außerdem müsste sich das Problem bereits, rein chemisch, erledigt haben. Doch tauchen immer noch neue Säurescheine auf.

Vielleicht also war es eine technische Panne, zum Beispiel bei der Bundesdruckerei? Sie hat nach bisherigen Erkenntnissen die meisten oder vermutlich sogar alle Scheine hergestellt, die beschädigt sind. Auf Anfrage teilte die Bundesdruckerei nur mit, aus Sicherheitsgründen gebe es keine Auskunft. Der Münchner Firma Giesecke & Devrient, die ebenfalls Banknoten produziert, ist nur eine Mini-Stellungnahme zu entlocken: „Ein technisches Versehen ist nicht denkbar“, sagte eine Sprecherin. Könnte es also sein, dass in den Geldautomaten Säure tröpfelt? Oder Reste scharfer Reinigungsmittel die Scheine angegriffen haben? Ein Pressereferent des Konzerns Wincor-Nixdorf, der unter anderem die Berliner Sparkasse mit den Apparaten beliefert hat, sagte lapidar, „an den Geldautomaten liegt es garantiert nicht“. Der Mann wunderte sich, dass er überhaupt angerufen wurde.

Gewiss ist nur eines: Die gesundheitlichen Risiken sind minimal. Nur wenn die Säurekonzentration hoch und ein Schein feucht sei oder „der Körperkontakt mit den Banknoten nicht nur sehr kurzfristig stattfindet“, sei eine Gefährdung möglich, sagt Rüdiger Bengs von der Bundesbank.

Und dann fügt Bengs noch hinzu: In der Eurozone seien 10,5 Milliarden eigene Banknoten im Umlauf. Er halte die Wahrscheinlichkeit, an „problematische Stücke“ zu geraten, „für sehr gering“. Er hätte auch sagen können: Angesichts der riesigen Geldmenge sind 1500 Bröckelscheine doch nur Peanuts.

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