Zeitung Heute : Giftiges Mitleid

Er ist Pfleger – und tötet in der Klinik 29 Menschen. Warum? Ab heute sucht ein Gericht die Wahrheit

Matthias Franck

Franz Jäckle besucht zusammen mit seiner Schwester am Nikolaustag 2003 seinen Vater, der tags zuvor mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. Die Stimmung ist gut, der Vater scherzt mit der Krankenschwester, sie gefällt ihm. Es ist, den Umständen entsprechend, alles in Ordnung. Um 17 Uhr verabschiedet man sich, der Sohn will am nächsten Tag wiederkommen. Franz Jäckle geht heim, er liegt schon im Bett, als das Telefon klingelt. Der Vater sei soeben gestorben. Ein Jahr später sagt er: „Ich konnte es nicht glauben.“ Und: „Man denkt ja nicht an Mord.“

Man denkt auch nicht so leicht an Massenmord. Zwischen Berggipfeln, weidenden Kühen und Bauernhäusern steht das Krankenhaus Sonthofen, Franz Jäckles Vater war einer von 29 Patienten, die hier laut Anklageschrift vom Krankenpfleger Stephan L. getötet wurden. Vor ihm waren bereits 17 andere Patienten auf der Station 1 durch Gift gestorben. Lautlos und ahnungslos.

Ab diesem Dienstag steht in Kempten der 27 Jahre alte Stephan L. wegen 16-fachen Mordes, 12-fachen Totschlags und einmal wegen Tötung auf Verlangen vor Gericht. Wie konnte es zu einer solchen Tötungsserie kommen, zumal in einer Klinik, ohne dass es jemandem auffiel?

Marlen S. lebt nur sechs Kilometer entfernt von der Klinik. Am 23. Juni 2004 benachrichtigt sie ihre Geschwister in Dresden, dass es der Mutter Erna H. nicht gut geht. Sie setzen sich ins Auto und erreichen das Krankenhaus gegen 22 Uhr 30. Stephan L. hat sich häufig zu Nachtschichten gemeldet, weil er dort ungestört ist. Marlen S. kennt ihn und ist von seiner Fürsorge beeindruckt, sie glaubt, dass die Mutter gut aufgehoben ist. Als aber an diesem Abend die Geschwister kommen, wird Stephan L. flegelhaft. Er sagt: „Ihr könnt hier nicht so lange bleiben, es sind noch mehr Kranke hier.“ Sie bleiben dennoch. Gegen Mitternacht bittet Marlen S. den Pfleger um ein Schmerzmittel für die Mutter, die viel und klar redet, aber unter Bauchschmerzen leidet.

Stephan L. bittet die Angehörigen kurz hinaus auf den Gang, angeblich will er die andere Patientin im Zimmer der Mutter noch einmal frisch betten. In dieser kurzen Zeit spritzt er, laut Anklageschrift und Gutachten, das zur Muskelerschlaffung führende Mittel Esmeron. Wenige Minuten später treten die Angehörigen wieder an das Bett der Mutter. Marlen S. erinnert sich. „Die Mutter sah plötzlich total entspannt und gelöst aus. Das war ein beruhigender Anblick. Die hat geschlafen, sie sah richtig schön aus.“

Marlen S. ist beruhigt und beschließt, ihre Geschwister kurz nach Hause zu bringen, um dann ins Krankenhaus zurückzufahren. Noch im Auto klingelt ihr Handy. Am Telefon der Krankenpfleger. „Ja, hier ist das Krankenhaus in Sonthofen, der diensthabende Arzt hat gesagt, ich soll sie gleich benachrichtigen. Ihre Mutter hat Herzstillstand.“ Marlen S. gerät in Rage, wenn sie das erzählt, ihr Hals wird rot, weil sie nicht glauben mag, dass der Pfleger gewissermaßen im Beisein der Familie die Mutter getötet hat.

Sie will ihm ins Gesicht sehen. Sie hat sich frei genommen. Sie wird im Gerichtssaal sitzen und die ersten Tage als Zuhörerin dabei sein, bevor sie im März als Zeugin auftreten wird.

Am 29. Juli 2004 wird Stephan L. in seiner Wohnung in Gunzesried verhaftet. Die Polizisten wollen ihn vernehmen, weil er beschuldigt wird, Medikamente und elektronische Geräte, unter anderem ein Faxgerät, aus dem Krankenhaus gestohlen zu haben. Nach kurzer Zeit legt er den Beamten ein handgeschriebenes Geständnis über die Diebstähle vor. Sechs Seiten sind es. Als man ihn fragt, ob er auch die muskellähmenden Mittel Lysthenon und Esmeron gestohlen habe – in der Klinik fehlen große Mengen der todbringenden Medikamente – , bricht es aus ihm heraus und er gesteht, getötet zu haben.

Staatsanwalt Elmar Lechner hat die erste Begegnung mit Stephan L. noch deutlich vor Augen: „Als ich zur Polizei kam, sah ich einen großen, massigen Mann unruhig auf und ab laufen, der mir dann auch im Laufe der Vernehmung sagte, er sei erleichtert, dass er festgenommen worden sei, er sei erleichtert, über diese Taten jetzt sprechen zu können.“

Der Angeklagte gesteht bei seiner ersten Vernehmung zehn Fälle, gibt an, dass sein erstes Opfer eine Frau gewesen sei. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft werden nun 83 Todesfälle überprüft, vom Februar 2003 bis Juli 2004, alle aus der Zeit, in der Stephan L. im Sonthofener Krankenhaus arbeitete. Bei den 38 Menschen, die verbrannt und in Urnen bestattet worden sind, ist das nicht mehr möglich. Doch jene 42 Toten, die erdbestattet waren, werden exhumiert. Der erste von ihnen, gestorben im Februar 2003, war ein Mann. Er hatte Esmeron im Körper.

Staatsanwalt Lechner macht das misstrauisch, ein Mörder erinnert sich an seinen ersten Mord, weiß er. Stephan L. zeigt sich in den folgenden Vernehmungen kooperativ, gibt immer mehr zu. Es gibt Fälle, da kann er die Patienten und deren Situation genau beschreiben, ohne aber die Tötungshandlung zu präzisieren. Er legt Wert auf die Feststellung, dass er Lysthenon oder Esmeron nie ohne vorherige Narkose gespritzt hat.

Elmar Lechner versucht – gemeinsam mit dem Kriminalbeamten Norbert Bernhard – in den Vernehmungen immer wieder den roten Faden in der Tötungsserie zu finden. Hat Stephan L. die Kranken bewusst ausgewählt, ist er planvoll vorgegangen oder willkürlich? Kannte er die Patienten, hatte er eine emotionale Verbindung zu ihnen?

„Ein Schema, das durchgängig ist, das haben wir nicht gefunden“, sagt Lechner. „Weder in der zeitlichen Abfolge noch in der Auswahl der Opfer. Was eklatant ist, dass der Angeklagte zum Schluss hin immer mehr Leute getötet hat. Insbesondere ab dem 28. März 2004, wenn man zwei Urnenbestattungen außer Acht lässt, bei denen ja keine Überprüfung mehr möglich ist, hat er jeden Patienten, der im Krankenhaus in der inneren Station verstorben ist, getötet.“

Warum ist das niemandem aufgefallen? Medikamente fehlten, etliche Ampullen, die nicht verordnet worden sind und dennoch nachbestellt wurden. Ein Pfleger darf ordern, der Arzt aber muss diese Nachbestellung bei der Apotheke unterschreiben. So lief es in Sonthofen.

Warum hat man nicht in Zweifelsfällen eine Obduktion angeordnet? Der Geschäftsführer der Klinik, Andreas Ruland, nimmt, bevor er alle Mitarbeiter zum Schweigen verdonnert hat, im Juli 2004 öffentlich Stellung: „Es handelt sich um viele todkranke Patienten, es handelt sich auch um schwerkranke Patienten, wo einfach ein akutes Ereignis ausreicht, was dann auch zum Tode führen kann. Insofern ist es dem Arzt nicht aufgefallen, weil er selber den Tod des Patienten auch schon einkalkuliert hat.“

Es gibt aber laut Anklageschrift, gestützt auf die gerichtsmedizinischen Untersuchungen, mindestens 16 Tötungen, die als Mord eingestuft werden, weil der Tod eben nicht kurz bevorstand. Damit sind die Merkmale Heimtücke und niedrige Beweggründe erfüllt. Heimtücke, weil Stephan L. die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer ausnutzte, und niedrige Beweggründe, so Staatsanwalt Elmar Lechner, weil er in selbstherrlicher Weise entschieden hat, wer stirbt und wer leben darf. Stephan L. will Herr sein über Leben und Tod. Der Gutachter spricht von Selbstbezogenheit und Größenwahn.

Wer ist Stephan L.? Er wird 1978 in Herdecke geboren, die Eltern lassen sich scheiden, als er zwei Jahre alt ist. Er entwickelt früh eine Essstörung, wiegt bald 145 Kilogramm, macht eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und danach zum Krankenpfleger und lernt dort seine spätere Freundin Daniela A. kennen. Daniela hat eine furchtbare Kindheit hinter sich. Sie leidet unter Panikattacken, Angstzuständen und Ohnmachtsanfällen. Stephan L. will sie therapieren und stiehlt für sie Medikamente. Ihm entgleitet sein Leben. Ihr gesteht er, dass er den Druck im Krankenhaus nicht mehr aushält. Dass er Patienten tötet, davon weiß sie nichts.

Die meisten Serien-Patientenmörder berufen sich auf das Mitleidsmotiv. Auch Stephan L. gibt es als Grund für die Morde an. Außerdem seien für ihn Altenheime Orte des Grauens – er habe nicht gewollt, dass die Menschen dorthin zurückverlegt werden. Mit der schwierigen Frage nach dem Motiv haben sich inzwischen Wissenschaftler, Juristen und Psychologen beschäftigt. Sie sehen eher Selbstmitleid.

Diese Ansicht teilt auch der vom Gericht beauftragte psychiatrische Gutacher Professor Klaus Foerster, der Stephan L. untersucht hat und für voll schuldfähig hält. Er stellt fest, dass der Pfleger die aktive Sterbehilfe befürwortet und eben gerade nicht in der Lage ist, mit anderen Menschen zu leiden. Ihm fehle die Anteilnahme, er sei unfähig, Kranke und möglicherweise Sterbende zu ertragen und zu begleiten.

Einige Patienten hat Stephan L. nicht einmal eine Stunde gekannt, bevor er sie getötet hat. Manche hatten Glück, obwohl sie in seinen Augen durchaus „geeignet gewesen wären“, aber sie hatten keine Infusionskanüle im Ellbogen, die er nutzen wollte, um so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Die Menschen, die davongekommen sind, rettete der Zufall.

Matthias Franck ist Autor der Fernsehdokumentation „Die Todesengel – wenn Pfleger morden“. Am Donnerstag, 23 Uhr 45, wird sie in der ARD gesendet.

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