Gilad Schalit : Rückkehr eines Lebenden

27.10.2011 13:21 UhrVon Carles A. Landsmann
Zurück zum Dienst. Gilad Schalit salutiert nach seiner Freilassung dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Foto: Reuters Foto: REUTERS
Zurück zum Dienst. Gilad Schalit salutiert nach seiner Freilassung dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Foto: Reuters - Foto: REUTERS

"Wie gut, dass du heimgekommen bist." Mit diesen Worten begrüßte Benjamin Netanjahu den aus fünfjähriger Gefangenschaft befreiten Gilad Schalit. Der Tag der Übergabe folgte einer strengen Dramaturgie. Es war die Dramaturgie des Misstrauens.

An diesem Tag werden sich viele Türen öffnen. Aber der, der durch sie hindurchgehen soll, hat kaum die Kraft dazu. Da ist die Seitentür des gepanzerten Truppentransporters, durch die Gilad Schalit wie durch eine Luke klettert, gekleidet in ein blauweiß-kariertes Hemd. Da ist die Tür einer Containerbaracke am Militärstützpunkt Kerem Schalom, durch die er sich kurz darauf tastet, neu eingekleidet in Uniform und fünf Jahre, nachdem seine Verschleppung in den Gazastreifen eben hier begonnen hat. Und da ist schließlich die Heckrampe des Militärhubschraubers, auf der der Freigelassene auf dem Luftwaffenstützpunkt Tel Nof seinem Ministerpräsidenten begegnet.

Und jedes Mal tritt ein junger Mann ins Freie, bleich, auf wackligen Beinen, scheu lächelnd, als habe er sehr lange nicht mehr auf diesen Beinen gestanden und wisse nicht, wie weit sie ihn tragen.

Niemand weiß das an diesem Tag. Überall stützende Hände. Aber dann steht Gilad Schalit da, drückt das Kreuz durch und salutiert dem Mann, der ihn freigekauft hat, Regierungschef Benjamin Netanjahu.

„Wie gut, dass du heimgekommen bist“, mit diesen Worten begrüßt Netanjahu den Jungen in Uniform. Es sind Worte eines alten israelischen Schlagers, geschrieben hat ihn Arik Einstein. Nun sind sie auch auf den T-Shirts zu lesen, die die Nachbarn der Familie Schalit im kleinen galiläischen Dörfchen Hila an diesem Tag tragen. Erst am späten Nachmittag können die Menschen auch hier jubeln, als Schalit zuhause ankommt.

Der Gefangenenaustausch zwischen Israel, das erstmals wieder einen lebenden Soldaten aus den Händen der Gegner zurück erhält, und den Palästinensern folgt an diesem Dienstag einer strengen Dramaturgie. Es ist die Dramaturgie des Misstrauens. Keine Seite darf der anderen einen Schritt voraus sein.

Bis zur letzten Sekunde, bis in die frühen Morgenstunden, ist sich Familie Schalit mit ihren tausenden Unterstützern im Land nicht sicher, ob es wirklich zu einem Wiedersehen kommen würde. Bei der Hamas hingegen befürchtet man zur gleichen Zeit eine Geiselbefreiungsaktion der Israelis. Sie verheimlicht deshalb Ort und Zeitpunkt, an dem Gilad Schalit an ägyptische Kräfte übergeben werden soll. Dann ist es ausgerechnet Ahmad Jabari, Chef des „militärischen Arms“ der Hamas, Terrorist Nummer 1 aus israelischer Sicht, radikaler Widersacher jedes Kompromisses, der sein Faustpfand, beschützt durch die eigene bewaffnete Leibgarde, an die Grenze zum Sinai bringt. Repräsentanten des Roten Kreuzes identifizierten den Freigelassenen, melden: „Er ist in guter Verfassung“.

Der Austausch kann beginnen. Die Busse mit dem ersten von zwei vereinbarten Gefangenentransporten setzen sich in Bewegung. In Gaza ist es der Chef der radikalislamischen Hamas, Ismail Hanija, der jeden einzelnen der 314 Rückkehrer oder dorthin exilierten palästinensischen Häftlinge persönlich begrüßt. In Ramallah, am Regierungssitz von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geschieht dasselbe. Umarmungen, Händeschütteln, Triumphgesten. Dabei ist Abbas der große politische Verlierer dieses Deals, bei dem es nicht um Frieden, sondern um Mörder, Attentäter, Kämpfer geht.

Doch dann gerät der Ablauf plötzlich ins Stocken. Längst soll Schalit die wenigen Kilometer bis zur ägyptisch-israelischen Grenze zurückgelegt haben. So die Abmachung. Doch das neue Ägypten denkt anders. Das staatliche Kairoer Fernsehen macht ein Interview mit einem, dem das Sprechen sichtlich Mühe bereitet, der schluckt und hilfesuchend zur Seite blickt. Es ist ein peinliches, vielfach surrealistisches Schauspiel, bei dem eine ägyptische Fernsehjournalistin auf Englisch energische Fragen stellt („Wann haben Sie erfahren, dass Sie freikommen werden und wann haben Sie daran geglaubt?“). Übersetzung auf Hebräisch, Antworten auf Hebräisch, Übersetzung auf Arabisch. Doch die Journalistin und der Übersetzer geraten sich lautstark und vor laufender Kamera in die Haare, weil sich die Frau nicht an die vereinbarte Reihenfolge der Fragen hält. Und der Übersetzer wiederum nur die Teile von Schalits höflichen Antworten korrekt wiedergibt, die ihm ins Konzept passen.

Um kurz nach zehn Uhr trifft Gilad Schalit an der Grenze zu Israel ein. Die ersten Autobusse mit freigelassenen Palästinensern verlassen das Land in den Sinai, und Schalit darf wieder Heimatland betreten in Sichtweite der Stellung, aus der er verwundet vor fünf Jahren und vier Monaten in den Gazastreifen verschleppt worden war. Sein Kommandant und ein Soldat, die mit ihm bei dem Einsatz im Panzer saßen, kamen damals ums Leben.

Verschleppt als Korporal, heimgekehrt als Hauptfeldwebel der Reserve. Deshalb wird Schalit sofort in eine frische Uniform mit den entsprechenden Rangabzeichen gesteckt. Sie ist ihm zu groß. Dabei war die Garnitur extra in drei verschiedenen Maßen für ihn angefertigt worden. Ein erstes Telefongespräch mit den Eltern, ärztliche Untersuchungen, eine Brille. Seine alte war während der Entführung zerbrochen. Es gehört zu den kleinen, aber nicht unwesentlichen Details dieser langen Geschichte, dass die Hamas sich geweigert hat, die von Vater Noam Schalit besorgte Ersatzbrille an ihre Geisel zu übergeben.

Ein kleinlicher Sieg. Aber heute geht es der Hamas um die große Show. Die Salah e-Din-Straße, benannt nach Saladin, dem legendären muslimischen Bezwinger der Tempelritter, reicht von Rafah im Süden bis nach Gaza-Stadt im Norden des Hamasreichs. Nun ist sie von Hunderttausenden gesäumt. Alle paar Meter ist ein uniformierter Hamas-Aktivist postiert, als die Autobusse mit den Freigepressten auf ihrer Prozession Ismail Hanija zustreben. Für die Palästinenser ist es ein militärischer Sieg. Seht her, bedeutet Hanija jetzt am nationalen Feiertag, für einen mussten sie uns über 1000 geben! In zwei Monaten sollen die restlichen 550 von Israel ausgewählten Häftlinge freikommen.

1000 für einen. Man kann diese Rechnung auch umdrehen. Als Gilad Schalit in dem Helikopter sitzt, der ihn aus dem Süden zur großen Luftwaffenbasis Tel Nof bringt, wird es dem 25-Jährigen zum ersten Mal zu viel. Die Aufregung schwächt ihn noch mehr. Kaum eine Armee der Welt hat so viel Erfahrung mit posttraumatischen Zuständen wie die israelische. Sie haben ihn nicht freibekommen, um ihn jetzt zu opfern. Deshalb hat man Schalit abschirmen und den Schock der plötzlichen Popularität von ihm fern halten wollen. Aber auch Netanjahu braucht die Show. Es ist 13 Uhr, als Schalit auf den am Hubschrauber wartenden Regierungschef zutritt, seine Hand zur Stirn hebt und sagt: „Bedauere, dass ich schwach bin.“

Es folgen die Eltern, Geschwister, der Großvater, unzählige Küsse, endlose Umarmungen, viele Tränen der Freude – nur dokumentiert von zwei, drei offiziellen Fotografen. In diesem Moment fällt eine Anspannung von allen ab, von der Bevölkerung Israels und Millionen Juden im Ausland, die der bewegende Kampf der Eltern Schalit für die Freilassung ihres Sohnes über Jahre aufrechterhalten hatte.

„Bringt unseren Sohn heim“, forderten der aus Frankreich stammende Vater Noam und Mutter Aviva von den Regierungschefs Ehud Olmert und Netanjahu und harrten über ein Jahr im Protestzelt vor der Residenz des Regierungschef aus. Kundgebungen, Happenings, ein Marsch Zehntausender nach Jerusalem, Treffen mit Politikern und Staatschefs – die Schalits schafften es, das Schicksal ihres Sohnes zu einem nationalen Symbol zu machen. Mit dem konnten sich die meisten Israelis identifizieren.

Besonders in Tel Aviv. Hier holen viele nach dem Wehrdienst das nach, was ihnen in den Jahren unter Waffen an Spaß entgangen ist. Man genießt das Leben, das beim nächsten Einsatz der Armeereserve vorbei sein kann. Aber besonders hier, mitten im Herzen des liberalen, hedonistischen Israel, war Schalit immer Thema. Auf den Dachterrassen der Stadt fanden regelmäßig Solidaritätspartys statt. Es war richtig und fühlte sich gut an, zu harten Technobeats zu tanzen und zu wissen, dass ein Obolus der Schalit-Kampagne zugute kam. Dass davon Plakate gedruckt, Veranstaltungsräume gemietet und Proteste organisiert würden. Denn wie Gilad Schalit, so konnte es jederzeit auch einem selbst ergehen. Deshalb glauben selbst regierungskritische Israelis unbeirrt an das ungeschriebene Gesetz, dass die Staatsführung jeden Soldat ins Land zurückholt.

Als Netanjahu sich vor einer Woche zu diesem Entschluss durchrang, räumten die Schalits ihr Zelt, kehrten Heim in die galiläischen Hügel. Vater Noam hisste wieder die israelische Flagge auf dem Hausdach, mähte erstmals nach Jahren den Rasen. Mutter Aviva räumte das Haus auf, richtete Gilads Zimmer her, kochte seine Leibgericht. Dann war es wie immer: Sie warteten.

– Mitarbeit Hannes Heine

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de
Service

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

  • Wer passt zu mir?

    Finden Sie jetzt den passenden Partner. Hier wird jeder 3. fündig!
  • Stellensuche

    Experteer.de: Zugang zu einem exklusiven Headhunternetzwerk und über 80.000 Stellenangebote!
  • Sie möchten einkaufen?

    Hier finden Sie die aktuellen Prospekte der Einzelhändler aus Ihrer Region.
  • Schreiben Sie?

    So kommen Sie zum eigenen Buch.
  • Fotoservice

    Gestalten Sie Ihr individuelles Fotobuch mit dem Tages-spiegel-Fotobuchservice.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...