Zeitung Heute : "Ginger" ist in - "Gazza" ist out

MARSEILLE (sid)."Gazza" ist Geschichte, England feiert "Ginger": Nach dem 2:0-Auftaktsieg gegen Tunesien gehörten die Schlagzeilen auf der Insel dem neuen Fußball-Genie Paul Scholes.Der rothaarige Jungstar hat bei der WM die Rolle des ausgemusterten Mittelfeldregisseurs Paul Gascoigne übernommen und seine starke Vorstellung mit einem herrlichen Tor in der Schlußminute gekrönt.

"Scholes setzt die Scheuklappen auf und ist der Ruhepol im Auge des Sturms", titelte der Daily Telegraph in Anspielung auf die schweren Ausschreitungen englischer Hooligans in Marseille.Selbst die seriöse "Times" ließ sich zu einem Wortspiel hinreißen: "Scholes gibt Englands Team Ginger", was umgangssprachlich sowohl "Schärfe" als auch "rote Haare" bedeutet.Auch die Beobachter auf der Tribüne zeigten sich von seiner Leistung beeindruckt.Sein Tor in der Schlußminute war der standesgemäße Abschluß eines großartigen Auftritts."Er hat ein herrliches Tor gemacht und war quirlig und wuselig", sagte DFB-Beobachter Klaus Sammer.

Scholes ist ein Vertreter der "young generation", die England wieder zu altem Ruhm verhelfen soll.Geboren in der Industriestadt Manchester begann er früh mit dem Fußball.Zielstrebig und fleißig arbeitete er an seiner Karriere, durchlief zusammen mit David Beckham, Phil und Gary Neville sowie Nicky Butt die Fußball-Schule von Manchester United und erkämpfte sich früh einen Platz im Meister-Team von "ManU".

Beim ersten WM-Auftritt des Weltmeisters von 1966 nach acht Jahren saß die ganze Nation vor dem Fernseher, Autobahnen und Einkaufsstraßen waren menschenleer.Nur einen interessierte das Match offenbar herzlich wenig: Als Alan Shearer das 1:0 (42.) für England erzielte, brauste Zwangsurlauber Gascoigne gerade auf einem Jet-ski vor den Stränden von Florida herum.Das "Enfant terrible" hätte sicherlich auch wenig Freude gehabt: Sein Nachfolger Scholes ließ den einstigen Publikumsliebling "Gazza" schnell vergessen.Unbekümmert zog der 23jährige von Manchester United die Fäden und sorgte auch selbst für Gefahr vor dem Tor der defensiv eingestellten Tunesier."Paul ist ein toller kleiner Kerl.Wenn er etwas beweisen mußte, hat er es heute getan.Die Leute haben ihn natürlich genau beobachtet, weil er Gascoignes Rolle übernehmen sollte.Das hat er geschafft, und er ist erhobenen Hauptes vom Platz gegangen", lobte EM-Torschützenkönig Shearer das außergewöhnliche Talent.Englands Teammanager Glenn Hoddle setzte sogar noch einen drauf: "Paul kann das Juwel in unserer Krone sein.Er ist der Traum jedes Trainers, denn er redet nicht mit dem Mund, sondern mit den Fußballschuhen."

Etwas unzufrieden war nur einer - Scholes selbst."Ich hätte einen Hattrick machen müssen", meinte "Ginger", der in der ersten Halbzeit zweimal aus kurzer Distanz vergeben hatte, selbstkritisch.Doch selbst der nach außen hin coole Scholes wollte seine Emotionen nicht verbergen: "Das war das Highlight meiner Karriere, der größte Moment meines Lebens.Ein Tor bei einer WM zu schießen, und das gleich im ersten Spiel, das ist brillant.Als Gascoigne-Ersatz stand ich unter dem Druck, ein Tor zu machen."

Schwer lasteten aber auch die Erwartungen auf Torjäger Shearer, wie der nach dem glanzlosen 2:0 zugab."Jeder hat damit gerechnet, daß ich England zum Sieg schieße.Das Tor hat etwas den Druck von mir genommen.Jetzt sind die Leute für einige Spiele ruhig", hoffte der Routinier und grinste sich eins.Für Hoddle war der Fall Shearer klar: "Der Typ ist einfach tödlich."

Der Meinung war auch Tunesiens Nationalcoach Henry Kasperczak: "Die Engländer haben aus drei Gründen gewonnen.Sie hatten das bessere Mittelfeld, das Zusammenspiel zwischen Mittelfeld und Angriff war sehr gut, und sie waren vor unserem Tor mit Shearer und Scholes immer gefährlich.Aber wir haben noch zwei Chancen und können das Achtelfinale erreichen."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben