Zeitung Heute : Glänzend ausgewählt, aber nicht geglänzt

MATTHIAS MEIFERT

Das Auswahlverfahren eines Unternehmens ist seine Visitenkarte.Es dient nicht nur der Selektion von Bewerbern, sondern gewährt Außenstehenden einen mehr oder minder tiefen Blick in die Unternehmens- und Führungskultur des potentiellen Arbeitgebers.So verstanden, ist das Auswahlverfahren auch Teil der Öffentlichkeitsarbeit.Will heißen: Es bestimmt auch das Unternehmensimage.

Große Unterschiede gibt es hier zwischen den Firmen.Das zeigen zwei Beispiele.Ein internationaler Consultant sucht Change-Management Berater; und die Akademie eines Spitzenverbandes der Kreditwirtschaft hat die Stelle des Leiters Studiengänge ausgeschrieben.Die Bewerbungsmappe ist schnell zusammengestellt und abgesandt.Prompte Reaktion von beiden Unternehmen."Vielen Dank für Ihre Bewerbung.Haben Sie noch ein wenig Geduld."

Bald ein Brief der Unternehmensberater: Sie sind in der engeren Wahl, wir möchten mit Ihnen ein Telefoninterview durchführen.Passiert der Aspirant diese Hürde, wird er zum Stammsitz des Unternehmens eingeladen.Ein Einzel-Assessment-Center soll letzte Klarheit schaffen, ob der Bewerber für den Job geeignet ist.Ein passender Termin wird mit der Personalreferentin des Unternehmens abgesprochen.Neben der obligatorischen Postkorb-Situation hat der Bewerber ein Streßinterview und eine Präsentation vor kritischem Publikum zu absolvieren.Weitere Übungen werden nach Bedarf hinzugenommen.Am Ende des Tages: Rückmeldung über das erreichte Ergebnis sowie eine ausführliche Stärken- und Schwächenanalyse.Läuft es gut, erhält der Bewerber ein konkretes Vertragsangebot.

Nicht so bei besagtem Spitzenverband der Kreditwirtschaft.Montag abend eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: Freitag um 8 Uhr 30 findet das Assessment Center statt."Nichts gegen Spontanität, aber daß der augenblickliche Job feste Termine und Verabredungen verlangt, scheinen die Personalsuchenden wohl zu verkennen", überlegt sich der Job-Interessent.Termin verschieben? Fehlanzeige.Mit Müh und Not läßt sich der Freitagvormittag "freischaufeln".

Am Samstag dann das versäumte Interview mit dem Akademieleiter am Telefon."Wie war ich im AC?" "Ja.Drei Bewerber waren gut." "Was heißt das für mich?" "Wir müssen noch mal überprüfen, welches Persönlichkeitsprofil am besten zu uns paßt." Die konkrete Rückmeldung wird für "Anfang nächster Woche" vereinbart.

Acht Tage vergehen.Der Akademieleiter ist nicht zu erreichen, die Sekretärin zur Auskunft nicht berechtigt und Rückrufzettel bleiben unbeantwortet.Später wird die Sprachlosigkeit damit begründet, daß nicht "jeder" Mitarbeiter am Telefon über vertrauliche Informationen sprechen darf.Es muß ja nicht jeder sein, sondern nur einer, kommt es dem Kandidaten in den Sinn.

Dann der Anruf des zuständigen Mitarbeiters der Akademie."Ob ich nicht wüßte, daß ich nicht in der engeren Wahl wäre?" Er wolle eine Rückmeldung zum AC geben.Leider habe er keine Aufzeichnungen mehr über das AC, nur eine Kurzbeurteilung."Ja.Sie waren gar nicht schlecht, aber andere waren besser." Gut zu wissen.Zehn Tage später bringt der Postbote eine Standardabsage: "Für Ihren weiteren beruflichen Werdegang wünschen wir Ihnen heute alles Gute."

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