Zeitung Heute : Glam und Kapitalismuskritik

Wie eine Partygängerin Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Besser als James Last, Harald Juhnke und Kraftwerk zusammen – so versprechen es uns die Veranstalter. Gemeint ist der heutige Auftritt des Underground-Phänomens Rocko Schamoni im Big Eden. Mit Kraftwerk hat Schamoni musikalisch zwar nicht viel zu tun, aber als Entertainer ist er bereit, die gesellschaftliche Lücke Juhnke füllen. Schamoni liest und singt sich mit Seitenscheitelfrisur und viel Charme durch den Abend, bringt dabei aber Parolen wie „Wehre Dich gegen den Staat!“ vor und rät zum allgemeinen Drogenkonsum. So jedenfalls beim Tourauftakt in Frankfurt letzte Woche. Im Augenblick ist er mit einer Art Werkschau in den deutschen Clubs unterwegs, Musik aus zwei Jahrzehnten wie er sie kürzlich auf einer Best-Of-CD veröffentlicht hat.

Schamoni ist Dreh- und Angelpunkt der linken deutschen Popkultur. Begonnen hat er als rebellischer Punk von der Ostsee, Ende der 80er veröffentlichte er seine erste Platte. Er musizierte früh im Umfeld der Toten Hosen, später in der Hamburger Hafenstraßenszene und im Pudel Club, mit den Goldenen Zitronen zum Beispiel. Dann brachte er als erster Anzug und Easy-Listening-Sound in die Punkszene. Mit der Zeit entwickelte sich Schamoni dann zum eloquenten Conferencier, der jedem Punk den Wind aus den Segeln nimmt. Mit Texten voller subversiven Humors näherte er sich musikalisch immer mehr der Schlagermusik, so wie später ja auch die Hamburger „Diskursrocker“ Blumfeld.

Heute Nacht wird Schamoni zusammen mit seiner Zwei-Mann-Band „Little Machine“ und einer Groovebox auftreten. Das Ganze klingt dann ein wenig nach Easy-Listening, Dub und Barry White, wobei Schamoni nach eigener Aussage stimmlich eher zwischen Stefan Remmler und Manfred Krug liegt.

In welcher Szene der Entertainer Schamoni gehört wird, wird durch das Begleit- und musikalische Kontrastprogramm deutlich: der Sound der Berliner Digital-Hardcore-Fraktion, am bekanntesten vertreten durch „Atari Teenage Riot“, wird Liebhaber des zeitlosen Chansons verschrecken. Unter anderem werden Gina Dório vom weiblichen Anarcho-Duo „Cobra Killer“ und Patrick Catani, Mitglied der „Puppetmastaz“, den Rest des Abends bestreiten. Eine musikalische Bandbreite, die durch linke Spaßkultur zusammengehalten wird.

Und der ist im Augenblick nirgendwo besser aufgehoben als im Big Eden, dem ehemaligen Champagner-Club, der im letzten Jahr nach Rolf Edens Übergang in den Ruhestand von der Underground-Kultur erobert wurde. In den 80er Jahren hätte niemand gedacht, dass einmal Leute wie Alexander Hacke von den „Einstürzenden Neubauten“ oder die „Fehlfarben“ hier auftreten würden.

Manchmal verlaufen sich übrigens im Big Eden noch Leute mit gestärkten Hemden, denen die Codes der Undergroundkultur ein Rätsel sind. Vielleicht haben sie bei der Musik von Rocko Schamoni ja wenigstens für einen Moment das Gefühl, im richtigen Club zu sein.

Heute ab 23 Uhr: Rocko Schamoni live (Best-Of-Tour 2003), Landerschier Jones, Tex Matthias Strzoda & A-Class alias Patrick Catani, Gina Dório, DJ Peach im Big Eden, Kurfürstendamm 202.

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