Zeitung Heute : Glashaus mit Schlupflöchern

FALK JAEGER

Neues Bauen in Berlin: Renzo Pianos Debis-Hauptverwaltung am Potsdamer PlatzVON FALK JAEGERBerlins PR-Impresario Volker Hassemer wird es bedauern: Am Potsdamer Platz ist der erste Bürokomplex aus den Gerüsten gepellt und bezogen, die weiteren werden folgen und damit Berlin um die Touristenattraktion der neunziger Jahre ärmer machen, die "größte innerstädtische Baustelle Europas".Denn daß die fertigen Bauten das Publikum gleichermaßen anlocken werden wie das Ballett der Baukräne, ist ungewiß.Über die städtebaulichen Großtaten am Potsdamer Platz wird man erst in zwei Jahren urteilen können, doch die ersten 40 000 Quadratmeter Architektur können besichtigt werden.600 Mitarbeiter der Daimler-Benz InterService AG debis sind begeistert und freuen sich über "eine tolle Arbeitsatmosphäre", jubiliert die Hauszeitung. Die Freude ist beim Gang durch das Gebäude nicht so recht nachvollziehbar, denn Atmosphäre hat die neue Arbeitswelt nun wirklich nicht.Flure und Büroräume, die Ausstattung vom Fußboden bis zur Decke, Türen, Möbel und Beleuchtung sind von einer überraschenden Schlichtheit, nicht gerade unansehnlich, doch ohne Anmutung und Inspiration.Die Qualitäten des Baus liegen sicher auf anderem Gebiet.Offenheit und Transparenz waren die Leitbegriffe für den Architekten Renzo Piano, die "Arroganz der Macht" wollte er bewußt meiden.So dominiert das Gebäude nicht als selbstbewußtes Ausrufezeichen am Landwehrkanal, sondern verästelt sich in feinen Strukturen.Der Büroturm, immerhin 85 Meter hoch, blickt mit seiner gläsernen Fassadenscheine nach Westen, aber er verleugnet geradezu sein Volumen durch Zergliederung seiner Süd- und Ostseite in ein Bündel vertikaler Scheiben und Stangen, die in verschiedenen Höhen reichen, gleich dem eingefrorenen Zieleinlauf eines Wettlaufs.Sieger mit 101 Metern ist der Abluftkanal des Tiergartentunnels, bekrönt vom ausnehmend plump geratenen Firmenlogo. Drei angehängte flachere Baukörper folgen dem Turm wie die Waggons der Lokomotive.Der achtgeschossige Langbau birgt eine glasgedeckte Passage von sakraler Aura."So groß wie der Innenraum von Notre Dame", heißt es bei Debis stolz.Eine "Notre Dame des Affaires" sozusagen, dieses strahlend helle Atrium, Schmuck- und Herzstück des Gebäude, das auch für Festlichkeiten, Konzerte, Betriebsversammlungen, für "events" aller Art genutzt werden wird.Eine Arbeit von Jean Tinguely "die letzte, die zu bekommen war", knarzt und quietscht - wenn sie dem angestellt ist.Die aus Sperrmüll gebastelte, nutzlose, lustige Maschine als herrlich ironischer Kommentar zum auf Seriosität bedachten Perfektionismus des schwäbischen Konzerns, ein wunderbarer Einfall des Architekten, der mit dem Künstler befreundet war.Der Kunst-Kurator des Konzerns hatte eine glückliche Hand, denn ein weiteres Kunstwerk beherrscht den flirrenden Raum und kommentiert ihn auf subtile Weise.François Morellet hat sein Neon-Lichtbögen im Atrium an Wänden und Fußboden aufgespannt, die nun wie der schweifende Blick den Raum nachzeichnen.Cafeteria, Reisebüro und einige Läden sollen für Begängnis sorgen.Noch läßt das Publikum auf sich warten, nehmen gelangweilte Wachleute jeden Passanten einzeln in Augenschein.Laufkundschaft ist wohl nur aus den oberen Stockwerken zu erwarten, mangelt es der Passage doch an einem wesentlichen Element, dem freien Zugang.Türen wie Schlupflöcher laden nicht zum Eintritt, zudem bietet die Passage keine Durchwegung des Gebäudes, sondern ist im Süden durch eine Glaswand und unüberwindbare Wasserbecken abgesperrt. Großartig hingegen, eine attraktive Erscheinung wenn nicht in der Fernsicht, so doch sicherlich aus der Nähe, ist das Fassadenkleid des Debis-Komplexes.Piano hat sich einen ingeniösen Baukasten von Terrakottaelementen ausgedacht, die, zu einer lederfarbenen Fassade geklöppelt, wie ein Spitzengewebe vor der eigentlichen Glasfassade hängen.Eigentlich sind es eher Keramikteile von großer Präzision, manche gegossen, manch extrudiert, ein "wiederentdeckte historisches Material", wie der Architekt es ausdrückt, nur eben auf neuartige, hochtechnische Weise entwickelt und realisiert.Nicht kühle Technik, nicht die grauen, freudlosen Berliner Natursteinfassaden, sondern freundliche Töne sollen Pianos Bauten bestimmen: "Architektur soll fröhlich sein", sagt der Architekt mit Bestimmtheit und sieht sich in gewisser Opposition zu vorherrschenden Berliner Tendenzen. Und eine andere Überzeugung bestimmt sein Schaffen: Renzo Piano nimmt die Verantwortung des Architekten für Natur und Umwelt ernst und stellt als weltweit engagierter Architekt unter Beweis, daß man es auch mit einer solchen Einstellung zum internationalen Stararchitekten bringen kann.Beim Thema "Nachhaltigkeit" verweist er ebenfalls auf die Terrakotta-Fassade, denn das Material ist hochfest, über Jahrzehnte witterungsbeständig, also langlebig und hat geringe Verschmutzungsneigung, ist also pflegeleicht. Den Debis-Turm hat er mit einer aktiven Doppelglasfassade mit beweglichen Lamellensystemen ausgerüstet, die auf Wind und Sonne reagiert.Die Fenster des Hauses lassen sich individuell öffnen, Klimatisierung gibt es nicht, nur die Anlage aus Wärme- und Kühlwasserleitungen zur Milderung der Temperaturspitzen.Die intelligenten Fassaden sind Teil des umweltfreundlichen ökologischen Gesamtkonzets für Bauweise, Konstruktion und Betrieb ("facility management" auf Debis-Deutsch), das Piano seit langem verfolgt, und das sich Daimler-Benz auf die Fahnen geschrieben hat, nicht ohne dieses in der Öffentlichkeit vernehmlich kund zu tun.Vom Einsatz pflanzlichen Rapsöls als Gleit- und Trennmittel beim Betonieren bis zur Nutzung des Regens als Brauchwasser für die WC-Spülung, der Architekt und die Bauökologen Drees & Sommer bemühten sich auf vielfältige Weise um "meßbaren Nutzen für die Umwelt".Der Mobilienkonzern erwartet beim CO2-Ausstoß seiner Immobilien Einsparungen von 70 Prozent verglichen mit herkömmlichem Bürobau.Zumindest in dieser Hinsicht hat das Debis-Gebäude Vorbildfunktion, gerade in Berlin, wo die Architekten formale Fragestellungen für weltbewegender halten als die Probleme unserer Umwelt.

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