Zeitung Heute : Glattgeölt flutschig

JÖRG KÖNIGSDORF

Unverfroren, aber gewitzt: German Brass im KammermusiksaalDen Kontrapunkt gegen das drohende Gelehrsamkeits-Übergewicht setzen die Bach-Tage gleich zu Anfang: Die Berliner Formation German Brass schert sich im Kammermusiksaal herzlich wenig um Authentizitätsfragen und geht an die Werke des Thomaskantors mit der gleichen Unverfrorenheit heran wie an Tangos und Bossanovas.Das ist dem Pragmatismus der Barockmeister vielleicht näher als jede musikwissenschaftliche Wahrheitssuche, immerhin können die Blechbläser für ihre Bearbeitungen nicht nur die Traditionslinie von Swingle-Singers und Switched-on-Bach in Anspruch nehmen, sondern auch den Leipziger Meister höchstselbst, der kein Problem darin sah, die populären Concerti der Italiener für seine Tasteninstrumente zu bearbeiten.Mathias Höfs einleitende Bearbeitung einer solchen Bearbeitung eines Vivaldi-Konzerts weist allerdings auch die Grenzen dieses Musikrecyclings auf: Die melodiestützenden Staccato-Akkorde werden durch den samtweichen Bläseransatz zu sehr verwischt, die rhythmischen Grundgerüste zugunsten einer kantablen Stromlinienform geopfert.Auch im dritten Brandenburgischen Konzert wird so das An- und Abschwellen der Dynamik nie aus der thematischen Entwicklung heraus begründet, alles flutscht glattgeölt vorbei.Allein Enrique Crespos Version des Toccata-und-Fuge-Hits überzeugt, die Übertragung der Registerfarben auf einzelne Bläsergruppen tut dem Showdown-Charakter des Stückes keinerlei Abbruch. Ihr eigentliches Potential jenseits technischer Virtuosität entfalten die zehn Bläser aber erst im zweiten Programmteil, einer von dem Hornisten Klaus Wallendorf mit karnevaleskem Schalk moderierten "Musikalischen Weltreise".Klangexperimente wie die staunenswerte Imitation eines italienischen Mandolinenorchesters wären sicher nach dem Herzen von Komponisten wie Telemann (immerhin Autor einer "singenden Geographie") oder Biber gewesen, die ihrerseits keine Möglichkeit ausließen, ihre Hörer mit verblüffenden Klangmalereien und exotischen Rhythmen zu überraschen.Und das ist auf seine Weise viel barocker alse ein ganze Hundertschaft Naturtrompete.JÖRG KÖNIGSDORF

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben