Zeitung Heute : Glaube, Clan und Geschäft

Ulrich Ladurner

Um Hadschi Shamsher Khan zu beschreiben, spricht man am besten über den Weg, der zu ihm führt. "Khyber Agency" steht auf einem Schild am Stadtrand von Peschawar und dann: "Zugang für Ausländer verboten." Hier beginnt autonomes Stammesgebiet, es geht nicht weiter. Man muss knapp vor dem Verbotsschild links abbiegen, hinein in ein Gewirr aus Häusern, Marktständen und Gassen. Tief in diesem Durcheinander öffnet sich ein Platz, der von zweistöckigen unverputzten Häusern umgeben ist. Eine durchlaufende Terrasse ohne Geländer verbindet die Gebäude zu einer Einheit. Dort oben, in einer Ecke, stehen zwei Männer mit umgehängten Kalaschnikows. Sie schauen misstrauisch auf den Gast und winken ihn herauf. Im Rücken der Wachen befindet sich ein kleines Büro. An beiden Wänden stehen Sessel, an der Stirnseite ein schmaler Schreibtisch. Ein großer kräftiger Mann müht sich hoch: "Willkommen! Willkommen!" Das ist Hadschi Shamsher Khan, Präsident des Karkhano-Marktes in Peschawar.

In Karkhano wird alles verkauft, was die Welt zu bieten hat: Stoffe, Computer, Lebensmittel, Fernseher, Möbel, und wenn man etwas genauer sucht, Waffen und Drogen, vor allem Opium. Karkhano ist eben auch ein Ort, an dem alles ausgespuckt wird, was der Krieg mit sich bringt - und das seit mehr als 20 Jahren; seit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979 stranden hier Menschen auf der Suche nach einem neuen Leben, einer Zukunft. "70 Prozent der Geschäfstleute hier sind Afghaner", sagt Shamsher Khan. Viele von ihnen sind Flüchtlinge, wenn man sie denn heute noch so nennen kann. 2,5 Millionen kamen bis heute nach Pakistan, Zehntausende neue drängen sich auf der anderen Seite der Grenze, auf der Flucht vor den Bomben amerikanischer und britischer Kampfflieger.

"Gestern sind in dem Dorf gleich hinter der Grenze 100 Menschen getötet worden", sagt Shamsher Khan. Dass das wirklich stimmt, kann er natürlich nicht beweisen, aber die Grenze ist für die Leute hier durchlässig, und in Karkhano werden Gerüchte wie Waren gehandelt. Schließlich bestimmen sie auch die Preise. Die Frage, wie lange sich die Taliban halten könnnen, ist für die Geschäftsleute wichtig. Auch, wer nach ihnen kommen wird. Vor allem aber: Wird es nach der Intervention der USA Frieden geben? Frieden heißt für die Geschäftsleute: offene, sichere Transportwege nach Afghanistan. Karkhano leidet nämlich beträchtlich unter den Folgen des Krieges. "In Karatschi stecken Waren im Wert von 120 Millionen Dollar fest", sagt Shamsher Khan, "in Afghanistan sind es noch einmal 70 Millionen."

Unausgesprochene Drohung

Auch wenn er keine Auskunft über den Gesamtumsatz von Karkhano geben kann oder will, so sind diese Zahlen ein Hinweis auf den Umsatz, der auf diesem Markt erwirtschaftet wird und auf den Schaden, den der Krieg anrichtet. Schlimmer noch ist, dass Männer wie Shamsher Khan nicht mehr übers Geschäft reden wollen, nur noch über Krieg. "Es war George Bush, der von einem Kreuzzug gesprochen hat!", antwortet er auf die Frage, ob er sich als Moslem angegriffen fühle. "Und nun sagen Sie mir, ob wir mit einem Dschihad reagieren sollten?" Die Antwort bleibt offen, wie eine unausgesprochene Drohung.

Shamsher Khans Meinung ist nicht ohne Bedeutung für den Verlauf des Krieges, denn er ist einer der Clanchefs des großen Paschtunenstammes der Afridi. Der Karkhano-Markt liegt an der Grenze zu den "tribal areas", die in so genannte Agencys unterteilt sind. Die für Ausländer gesperrte "Khyber Agency" ist Teil des autonom verwalteten Stammesgebiets. Wer in den "tribal areas" etwas zählt, der nimmt meist eine wichtigere Rolle in Karkhano ein, und wer hier Macht hat, auf den muss die Regierung in Islamabad besonders achten. Männer wie Shamsher Khan sind eine Art Vermittlungsinstanz zwischen der Zentralmacht und den Stammesgebieten, die sich über etwa 1800 Kilometer entlang der Grenze zu Afghanistan ziehen. Wer mit diesem Landesteil zu tun hat, der kommt um die Clanchefs nicht herum - im Frieden wie im Krieg.

In ruhigen Zeiten beispielsweise kommen die Steuerbeamten der Regierung zu Shamsher Khan und handeln mit ihm die Steuersätze aus. In seinem kleinen Büro wird dann geschachert und gehandelt, bis man sich endlich geeinigt hat. "Als die Regierung Musharraf vor zwei Jahren antrat, hat sie ein neues Steuergesetz erlassen, wonach ein fester Prozentsatz auf die umgesetzte Ware bezahlt werden sollte", berichtet Shamsher Khan. "Wir hingegen haben eine einmalige Zahlungssumme für den gesamten Markt vorgeschlagen. Eine freiwillig eingezahlte Summe, die wir selbst eintreiben." Eine endgültige Einigung gibt es bisher nicht.

Was für die Steuersätze des Marktes gilt, das gilt auch für das Verhalten Pakistans zum Krieg. Das Muster ist dasselbe: Es gibt mehrere Machtzentren in Pakistan, die permanent in latentem Konflikt miteinander stehen. Kürzlich haben sich in den Stammesgebieten im Norden Pakistans rund 5000 Bewaffnete versammelt. Sie wollen unter der Führung ihres Chefs Sufi Mohammed über die Grenze, um den Taliban in ihrem "Heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen beizustehen. Doch obwohl die Taliban ihre pakistanischen Glaubensbrüder willkommen heißen, ließen sie verlauten, die pakistanischen Krieger würden einstweilen nicht gebraucht. Die Regierung Musharraf hat offiziell gegen den Aufmarsch pakistanischer Dschihadkämpfer Stellung bezogen. Aber konkrete Maßnahmen, um den Kriegszug der 5000 zu stoppen, hat sie noch nicht ergriffen. Frieden gibt es nur dann, wenn es eine sorgfältige Austarierung zwischen den Mächten im Land gibt. Dieses mühsame und täglich neu hergestellte Gleichgewicht Pakistans hat die US-geführte Intervention vorerst zerschlagen.

Shamsher Khan spricht jedenfalls von "Hunderttausenden Kämpfern, die in den Stammesgebieten mobilisiert werden können". Ob er selbst seine Gefolgsleute zum Kampf aufrufen wird, hängt vom Ausgang eines ganz persönlichen Loyalitätskonfliktes ab: Shamsher Khan ist Bürger Pakistans, er ist Clanchef, er ist Geschäftsmann, und er ist ein gläubiger Muslim. Wohin wird das Pendel ausschlagen? "Wir würden", antwortet er, "natürlich gerne sehen, dass die Religion als Erstes kommt. Sie ist das Wichtigste."

Shamsher Khan ist aber nur eine Stimme unter vielen. Es gibt Clanchefs auf dem Karkhano-Markt, die sich anders entschieden haben. Al Hadsch Khazali Khan Shinwari ist einer von ihnen: "Dieser Krieg hat gar nichts mit einem Heiligen Krieg zu tun, das ist ein innerafghanischer Machtkampf zwischen verschiedenen Gruppierungen. Es geht dabei gar nicht um Religion." Khazali Khan hat stets ein Lächeln im Gesicht, er sieht aus wie ein in Frieden mit sich selbst gealterter Mann. Seit 40 Jahren verkauft er aus seinem Lager englische Stoffe. Er bietet Englands Ware feil, obwohl er als ehemaliger Untertan des Empires sagt: "Die Engländer haben uns nicht wie Menschen behandelt." Aber das feine Tuch aus dem Land der Kolonialherren ist für ihn "einfach das beste". Dieser Pragmatismus Khazali Khans täuscht. Er ist auch ein Mann, der aus eigener Erfahrung den Dschihad kennt: Zweimal hat er zu den Waffen gegriffen. 1947 und 1965, in zwei Kriegen gegen Indien. 1947 zog Khazali Khan als 19-Jähriger zusammen mit seinem Vater nach Kaschmir in den Kampf gegen die indische Armee. 1965 führte er dann selbst 400 Männer in den zweiten Krieg. "Wir haben diese Männer mit Waffen, Uniformen, Essen - mit allem ausgestattet, was sie brauchten."

Diese Kriege waren für Khazali Khan gerecht, und dafür hat er alles gegeben: Geld, Männer, und wenn es nötig gewesen wäre, auch das eigene Leben. "Das war Dschihad", sagt Khazali Khan, "ebenso ist der Kampf der Palästinenser ein Dschihad, denn sie kämpfen für die Befreiung von der israelischen Besatzungsmacht." Und der Krieg in Afghanistan: "Ich unterstütze die USA. Sie sind angegriffen worden, und sie haben das Recht, sich zu wehren."

Wann ist die Zeit zum Dschihad?

Diese klare, differenzierte Haltung Khazali Khans mag auch dem Wunsch entspringen, die rückständigen Stammesgebiete zu emanzipieren - eine unter Clanchefs relativ seltene Haltung. Khazali Khan hat bereits in den 70er Jahren eine eigene Partei gegründet. Sie hat nur zwei Ziele: Freihandel für die Stammesgebiete und die Abschaffung der so genannten "Frontier Crimes Regulation" (FCR). Die FCR stammt aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Demnach kann ein Stamm für das Delikt eines ihrer Mitglieder verantwortlich gemacht werden - eine Maßnahme der britischen Kolonialherren, mit der sie die unruhigen Stämme niederhielten; ein Knüppel, den die Zentralmacht in Islamabad bis heute einsetzt. "Die FCR", sagt Khazali Khan, "ist eine Schande. Sie muss abgeschafft werden." Denn erst dann könnten auch in den Stammesgebieten Kräfte freigesetzt werden, die aus Untertanen mündige Bürger machten, die frei über ihr Leben entscheiden können. Sie würden befreit von Manipulationen der Honoratioren, seien es Clanchefs oder religiöse Führer. Sie würden besser erkennen können, wann für einen Muslim die Zeit des Dschihad gekommen ist und wann nicht.

In seiner eigenen Familie hat Khazali Khan dafür bereits gesorgt, dass aus Untertanen mündige Bürger werden. Zwei seiner Söhne studieren in den USA Informatik. "Es sind die Ersten aus den Stammesgebieten." Er arbeitet dafür, dass es nicht die letzten sein werden.

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