Zeitung Heute : Glaube, Hoffnung Hiebe,

Sie war eine Königstochter, sie war reich – und sie ließ sich schlagen. Elisabeth, geboren 1207, landete schließlich in einem Schweinestall. Eine Heilige, die das Vorbild der Barmherzigen wurde.

Heike Bernhardt

Es gibt kaum Frauen des Mittelalters, deren Namen man heute noch kennt. Von dieser einen weiß man viel mehr. Sie ist eine Heilige. Wahrscheinlich ist sie sogar die populärste deutsche Heilige überhaupt. Sie ist Vorbild für die katholische Caritas und für die evangelische Diakonie. Dabei hat es Letztere nicht so mit den Heiligen. Doch selbst Martin Luther, der 300 Jahre nach ihr auf der Wartburg dem Heiligenkult ein radikales Ende setzte, war von dieser Frau beeindruckt.

Elisabeth von Thüringen starb mit 24 Jahren. Nur drei Jahre nach ihrem Tod wurde sie heiliggesprochen ohne die typischen Karrieremerkmale: Sie war weder Jungfrau noch Märtyrerin noch Ordensgründerin.

Elisabeth führte eine Liebesehe, jedenfalls gibt es Indizien, die dafür sprechen. Das ist bemerkenswert, Liebe war als Hochzeitsgrund im Mittelalter gar nicht vorgesehen. Sie gab den Armen mit derart vollen Händen, so dass die Verwandten um das Tafelsilber fürchten mussten. Sie küsste die faulenden Wunden der Aussätzigen, so dass man um Elisabeth selbst fürchten musste. Ihr Verhältnis zu ihrem Beichtvater brachte sie damals schon ins Gerede – Jahrhunderte später wird man von Masochismus reden. Sex und Crime, Mord und Intrige begleiteten ihr Leben. Heute, 800 Jahre später, spricht der Erfurter Bischof Joachim Wanke auch von „befremdlichen Dingen“, die sich im Leben der Elisabeth abspielten.

Die Kranken pilgerten nach ihrem Tod in Scharen ans Marburger Grab, um Erlösung vom Elend zu finden. Und im kommenden Jahr 2007 wird ihr Jahr begangen werden, das Jahr der heiligen Elisabeth.

Es beginnt mit Mord und Totschlag

Elisabeth wird am 7. Juli 1207 als zweites Kind des ungarischen Königspaares geboren. In Deutschland stehen sich zu jener Zeit zwei Clans im Streit um den Thron gegenüber: die Staufer und die Welfen. 1208 wird der Stauferkönig als Gast einer Hochzeitsfeier in Bamberg heimtückisch ermordet. Das Attentat stürzt das Heilige Römische Reich deutscher Nation in Anarchie und Bürgerkrieg. Elisabeths Onkel, der Bischof von Bamberg, gerät unschuldig in Verdacht, in den Mord verwickelt zu sein. Er flieht zu seiner Schwester nach Ungarn. Seine Idee ist es, die Königstochter mit einem einflussreichen Grafen zu verheiraten, mit solchen Familienbanden lässt sich vielleicht eine Partei in diesen unsicheren Zeiten schmieden. Die Wahl fällt auf den Thüringer Landgrafen. Zwar ist die Braut noch ein Kleinkind, aber der Thüringer akzeptiert die Prinzessin als Gemahlin für seinen Sohn. Zu einem loyalen Verbündeten macht ihn der Deal nicht, viermal wird er die Fronten wechseln.

Mit vier Jahren wird Elisabeth nach Thüringen gebracht. Ihre Mitgift beeindruckt die Chronisten. Von einer silbernen Wiege ist die Rede, von Seide und einem silbernen Badekübel, von einem Schatz, so reich, wie er „im Thüringerland nie wieder gesehen“ wurde. Dabei muss der Thüringer Hof sich nicht verstecken, er gilt als großer Musenhof des Mittelalters. Elisabeth wächst im Wettstreit der besten Minnesänger auf, mit Tanz, Fress- und Trinkgelagen. Der Landgraf spart an nichts. Walther von der Vogelweide, berühmtester Sänger seiner Zeit, sagt von ihm: „Der Landgraf ist so gesinnt, dass er mit vielen Helden sein Habe verzehrt. Und kostete ein Fuder Wein tausend Pfund, so stünde doch niemals eines Ritters Becher leer.“

Elisabeth fällt in dieser Runde schon früh auf. Beim Tanzen sagt sie: „Eine Runde genügt mir für die Welt, die andere will ich Gott zuliebe unterlassen.“ So berichten wenigstens später ihre Freundinnen. Vielleicht ein Zeichen für besondere Genügsamkeit. Vielleicht hat die Kleine auch einfach nur keine Lust, vor betrunkenen Erwachsenen zu tanzen. Als Elisabeth sechs Jahre alt ist, erhält sie die Nachricht, dass ihre Mutter in Abwesenheit des Königs von ungarischen Adligen erschlagen wurde. Das Motiv? Sie war als verschwendungs- und herrschsüchtig verschrien.

Liebe in liebloser Zeit

1216 stirbt Elisabeths Verlobter. Dessen Bruder Ludwig wird gefragt, ob er sie heiraten möchte. Ludwig, gerade mal 16, soll auf den höchsten Berg Thüringens gezeigt und geantwortet haben: „Wäre der Berg aus purem Gold, so wäre er mein, und doch würde ich meine liebe Buhle Elisabeth vorziehen.“ Möglich, dass sie sich wirklich lieben, immerhin sind die beiden zusammen aufgewachsen. Ludwig und Elisabeth heiraten 1221. Sie bekommen drei Kinder. Elisabeth betet nachts auf dem kalten Boden und lässt sich von den Dienerinnen schlagen. Warum diese religiösen Selbstbestrafungen? „Ich möchte meinem Fleisch doch die Gewalt antun, dass ich mich von meinem heißgeliebten Gemahl losreiße“, soll sie gesagt haben. Im Traum erscheint ihr die Mutter und bittet Elisabeth, für ihr Seelenheil zu beten.

Eine Revolution von oben

In Italien sagt sich Franz von Assisi vom Besitz seiner wohlhabenden Familie los und lebt die Revolution von oben: Der Mensch müsse die Leiden Christi durch freiwillige Übernahme dieser wieder ausgleichen. Ziel ist, wie Jesus zu werden. Franziskus fordert die radikale Barmherzigkeit. Elisabeth siedelt die Bettelmönche dieses neuen Ordens, die sich Franziskaner nennen, am Fuße der Wartburg an. Die große Not des Winters 1226/27 wird ihre Herausforderung. Sie ist jetzt 19 Jahre alt und öffnet den Hof der Wartburg für die Hungernden. Täglich verteilt sie mit ihren Dienerinnen Speisen. Sie pflegt die Kranken in dem von ihr gegründeten Hospital und wendet sich den Schwächsten, den Aussätzigen und den Kindern zu. Sie wäscht eitrige Wunden, spricht Trost zu. Sie besucht Gebärende in ihren Hütten, lässt Kinder taufen und bettet die Toten. Dass eine Frau aus dem Hochadel sich so persönlich den Armen zuwendet, ist moralische Kühnheit, lebender Vorwurf und Angriff auf die eigene Kaste. Aus dem glänzendsten deutschen Fürstenhof wird ein Armenhaus, eine Stätte christlicher Hilfsbereitschaft. Ein schwerer Konflikt mit der landgräflichen Familie zeichnet sich ab, noch kann ihr Mann sie schützen.

Der Sturz ins Elend

Der Wanderprediger und Magister Konrad von Marburg kommt nach Thüringen. Konrad entstammt dem Kleinadel und hat studiert. Er rekrutiert Ritter für einen neuen Kreuzzug nach Jerusalem. Außerdem hat er vom Papst den Auftrag, Ketzer zu verfolgen. Ein Mann, der sich berufen fühlt, im rechten Glauben zu streiten und in diesem Streit erbarmungslos vorzugehen. Elisabeth überzeugt seine selbst gewählte Armut. Sie wählt ihn zu ihrem Beichtvater. Ihr Mann Ludwig lässt sich zum Kreuzzug werben. Ein Kreuzzug, der zum Fiasko wird. Noch in Italien rafft eine Seuche die Ritter dahin. Unter den Toten ist auch Ludwig.

In Thüringen bricht der Konflikt mit der Familie nun offen aus. Elisabeth und ihre Kinder werden von der Wartburg vertrieben, das Witwengut und damit der Versorgungsanspruch werden ihr verweigert. Mittellos steht Elisabeth in Eisenach auf der Straße. Eine Frau ihres Standes geht in dieser Situation ins Kloster. Doch sie begreift ihre Situation als Herausforderung im Sinne Franz von Assisis. Sie wohnt in einem ehemaligen Schweinestall. Ein Wunder, dass sie den Winter überlebt. Die Familie ihrer Mutter greift ein. Ihrem Onkel, dem Bischof von Bamberg, schwebt eine neue Ehe vor, sie soll einen Fürsten, vielleicht sogar den Kaiser heiraten. Elisabeth jedoch hat für den Fall ihrer Witwenschaft Keuschheit gelobt. „Ich werde mit Herz und Mund Widerstand leisten!“, droht sie und drastischer: „Dann schneid ich mir die Nase ab!“

Die große Leidende

Elisabeths Beichtvater Konrad zwingt mit Unterstützung des Papstes die Landgrafenfamilie zur Auszahlung des Witwenteils. Elisabeths Güter liegen im hessischen Marburg, wohin sie mit vier Gefährtinnen und ihrer kleinsten Tochter zieht. Konrad erfüllt ihren Wunsch und lässt in Marburg ein Hospital bauen.

Elisabeth widmet sich ganz den Kranken und Armen. Sie hat ihrem Beichtvater vollkommenen Gehorsam gelobt, was zunehmend zu einer quälenden Verstrickung wird. In den Unterlagen der Heiligsprechung finden sich Belege zahlreicher Grausamkeiten Konrads. So sagt eine Dienerin aus: „Und Schwester Irmingard musste sich zusammen mit der Heiligen Elisabeth hinstrecken und dem Bruder Gerhard wurde befohlen, dass er sie beide mit einer recht groben und langen Gerte züchtige. Während der Zeit stimmte Magister Konrad ein ‚Herr, erbarme dich unser‘ an. Und Irmingard hat noch nach drei Wochen die Spuren der Schläge an sich gehabt und noch länger die Heilige Elisabeth, weil diese noch heftiger als sie gezüchtigt worden war.“

Elisabeth hält schon aus den Zeiten auf der Wartburg ein strenges Speisegesetz, das Konrad ihr befohlen hat. Oft muss sie hungern. Gleichzeitig verausgabt sich Elisabeth in der Unterstützung der Hilfesuchenden, die in ihr Hospital strömen. Sie geht zu einem Arzt und fragt, wie viel man hungern darf, wenn man pflegen will. Konrad kappt alle Beziehungen Elisabeths. Er nimmt ihr die Begleiterinnen. Auch die anderthalbjährige Tochter soll sie weggeben. Die Liebe zur Tochter dürfe sie nicht am Dienst Gottes hindern, sagt Konrad. Elisabeth fügt sich: „Ich liebe nichts als Gott ganz allein“, soll sie gesagt haben.

Es endet mit Totschlag und Mord

Elisabeth stirbt am 16. November 1231 in ihrem Hospital in Marburg. Ihre Lebenskräfte sind verbraucht durch härteste körperliche Züchtigung, seelische Qualen, Hunger und Arbeit. Konrad setzt sich sofort beim Papst für ihre Heiligsprechung ein. Zeitgleich fordert der Papst die Ausrottung der Ketzer und betraut Konrad mit außerordentlichen Befugnissen. Konrad ist Ankläger, Richter und Vollstrecker. „Hundert Unschuldige will ich verbrennen, wenn nur ein Schuldiger darunter ist“, soll er gesagt haben. Er wird ein Schrecken im Reich. Der Papst preist Konrad als „Diener des Lichts und Spürhund des Herrn“, verweigert ihm aber die Heiligsprechung seines Beichtkindes. Da greift Konrad zu hoch, er bezichtigt Adlige der Ketzerei, legt sich mit einem rheinischen Grafen an. Sechs Berittene erwischen ihn am30. Juli 1233 auf freiem Feld.

Durch Politik zur Heiligkeit

Die Thüringer Grafenfamilie und der Deutsche Ritterorden übernehmen nach Konrads Tod die Verhandlungen mit dem Papst. Von einer Hausheiligen können sie sich Macht- und Prestigegewinn versprechen. Jetzt steht der Hochadel hinter dem Anliegen. Elisabeth wird am 27. Mai 1235 heiliggesprochen. Die Cleversten haben ihr schon auf dem Totenbett die Brustwarzen abgeschnitten und die Ohren gestutzt. Körperteile von Heiligen sind im Mittelalter nicht mit Gold aufzuwiegen. Die Pilgerströme werden zur großen Geldquelle des Deutschen Ordens, der über dem Marburger Grab die älteste rein gotische Kirche Deutschlands errichtet.

Am Ziel

Es gab viele Versuche, Elisabeth zu erklären. Schon zeitgenössisch, wie ein Ritter berichtet, „macht sich das törichte Volk von unedlen Sitten böse Gedanken und redet unziemlich“ über Elisabeth und Konrad. Ihr, die Keuschheit gelobt hat, wird Sex nachgesagt. Ein Altar in der Grabeskirche in Marburg zeigt, wie Konrad sie schlägt. Das 19. Jahrhundert sieht sie vor allem als gütig gebende Landesfürstin. So ist Elisabeth auf der Wartburg verewigt, so wird sie Vorbild für christliche Fürsorge. Das 20. Jahrhundert mit der entstehenden Frauenbewegung und der Psychoanalyse bringt neue Spannung. Die Historikerin Elisabeth BusseWilson erregt 1931 mit einer ElisabethBiografie großes Aufsehen. Sie wagt eine psychologische Deutung, sieht Konrad und Elisabeth als große Sado-MasoBeziehung der deutschen Geschichte. Thomas Mann ist begeistert. Aber es hagelt auch schwere Vorwürfe, Elisabeth wird gar als „Opfer der Psychoanalyse“ gesehen.

Es ist schwer, eine Frau zu verstehen, die vor 800 Jahren gelebt hat. Warum setzt sie sich Erniedrigung und Schmerz aus und übt eine so selbstzerstörerische Askese? Liegt die Erklärung in ihrer inneren Welt, sind Elisabeth und Konrad als eine seelische Einheit zu sehen, oder bieten mittelalterliche Religiosität und Franziskanertum eine Lösung? Der überlieferte Traum, den Elisabeth von ihrer Mutter träumt, scheint zu belegen, dass sie um das Seelenheil ihrer Mutter fürchtet. Indem sie allen Reichtum weggibt, sühnt sie die Verschwendungssucht der Mutter und wiederholt sie gleichzeitig.

Elisabeth ist schon als Kind benutzt worden in der Politik ihrer Zeit. In Demut verzichtet sie auf ihre Macht. Niemand wird Schuldgefühle und eine unentwegte Wiedergutmachung ausschließen können. Aber es ist auch möglich, Elisabeth und ihren Beichtvater als seelische Einheit zu sehen. Sexualität im engen Sinne ist wohl ausgeschlossen, aber sie sind sich in einer selbstzerstörerischen Qualität gegenseitig verfallen. Sie gelobt, auf ihren Willen zu verzichten, er will ihren Willen brechen. Er bestraft sie für Sünden, die möglicherweise bei ihm liegen. Will Konrad eine Heilige schaffen, oder nimmt Elisabeth ihn als Werkzeug auf ihrem Weg zur Heiligkeit? Nach ihrem Tod wird Konrad zum unerbittlichen Mörder. Hat Elisabeth von der Zerstörermacht ihres Beichtvaters geahnt, hat sie diese Kräfte gehalten? Sie war alles andere als eine schwache Frau. Sie hat sich dem Bischof von Bamberg mutig in den Weg gestellt. Und passt die Liebe von Elisabeth zu ihrem Mann Ludwig zum Masochismusvorwurf? Sie hat doch lieben können.

Franz von Assisi werden die Sätze „Jeder Reiche ist ein Dieb oder eines Diebes Erbe“ und „Es ist schwerer, aus dem Palast als aus der Hütte in das Himmelreich zu kommen“ zugeschrieben. In dieser Tradition steht Elisabeth. Teilhabe am Reichtum ist danach ihre Sünde, der sie zu entkommen sucht. Auf ihrem Grab findet sich das Relief „Elisabeths Seele steigt auf in den Himmel“. Die Seele, die über der Toten schwebt, ist eine kleine ungarische Prinzessin mit rotem Kleid und goldener Krone. Nicht das irdische, sondern das Himmelreich ist ihr, nicht das Leben, sondern das Seelenheil ist Elisabeth wichtig. Sie ist die große Tragische des Mittelalters, aber auf dem Relief hat sie ihr Ziel erreicht. Menschen haben nach ihrem Tode an sie geglaubt, sind an ihrem Grab gesund geworden.

Wäre Elisabeth heute eine Heilige?

Josef Ackermann tauscht in der Chefetage der Deutschen Bank seinen Anzug gegen ein Holzfällerhemd. Er lässt in Frankfurt eine Geldverteilung ausrufen. Die Obdachlosen, die Illegalen, die Kranken, die Hartz-IV-Empfänger, alle kommen. Josef küsst schnell einen Aidskranken, noch hat er Angst und öffnet die Safes. Die Bank schmeißt ihn raus. Er geht auf die Mainwiesen, wo die Ärmsten schlafen, wenn sie nicht vertrieben werden. Er verträgt die Kälte nicht. Josef nimmt seine letzte Million und baut den Armen ein Haus. „Krass“ oder „crazy“ würden die Frankfurter flüstern.

Die Autorin ist Ärztin und Psychotherapeutin in Berlin.

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