Zeitung Heute : Glitterjahre

Mick Rock fotografierte die Glam-Rock-Ära – hier erzählt er, warum Lou Reed Nagellack trug und David Bowie Frauenkleider.

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Aufgezeichnet von Lars von Törne LOU REED

Der schwarze Nagellack, das war das gemeinsame Erkennungszeichen von Lou Reed, David Bowie und Iggy Pop. Aber den gefährlichen Look wie auf diesem Foto von 1974, den hat Lou am stärksten geprägt. Dazu gehört die Sonnenbrille, die schwarze Lederjacke. All das symbolisierte Dunkelheit, Gefahr, Sexualität. Wie in dem Song von Velvet Underground: „Kiss the boot of shiny, shiny leather, shiny leather in the dark.“ Das waren die Stilelemente, mit denen wir spielten: Dunkelheit, Motorrad, perverser Sex. Da half es, wenn man ein bisschen krank aussah, wie Lou auf dem Bild und wie kurze Zeit später auch die Sex Pistols. Manchmal vermisse ich das wilde Leben jener Jahre. Heute führe ich mit meiner Frau und den Töchtern in New York ein ruhiges Leben. Nur manchmal entdeckt meine Frau eine E-Mail von einer anderen, die sich für die wilde Nacht bedankt – und ich habe ein Problem. Man kommt heute nicht mehr so leicht davon wie damals.

FREDDIE MERCURY

Zeig meine Zähne nicht! Das war die einzige Bedingung von Freddie Mercury, wenn ich Fotos von ihm machte. Er fand seine Zähne zu groß, wenn er lächelte. Ansonsten hatte er viel Spaß bei diesen Aufnahmen, den musste man nicht dirigieren. Seine Posen waren eine Art Kampfsport fürs 21. Jahrhunderts, passend zu seiner Einstellung: We are the Champions. Er hatte ein Verständnis für Körperhaltung, die ist genauso wichtig wie Kleidung. Auch wenn dieser feminin aussehende Poncho 1975 schon nicht mehr ganz so revolutionär war. Bowie hatte bereits den Boden für solche Sachen mit Ziggy Stardust bereitet. Aber radikal war es immer noch, wie auch die Frisur, die Armringe, der Nagellack. Der Umhang, den Freddie hier trägt, ist von Zandra Rhodes, der Lieblingsdesignerin von Queen und später auch vielen anderen Prominenten. Freddie hat die Idee für dieses griechische Outfit mit ihr zusammen entworfen. Manches, was damals Avantgarde war, ist heute allgemein akzeptiert: die Mischung von Stilen aus der ganzen Welt und auch Bowies exotische Hemden und Hosen. Anderes, wie dieses Teil, das Freddie hier trägt, sieht im Rückblick vielleicht albern aus. Schlechter Geschmack ist das trotzdem nicht. Den gab es damals nicht, nur: Rebel Taste.

TIM CURRY

Ein bisschen schwul, ein bisschen gruselig, dazu die Strapse: Das war revolutionär damals, 1974. In der Öffentlichkeit hatte sich wahrscheinlich noch nie ein Mann so gezeigt wie Tim Curry auf diesem Bild, das ich am Rande der Dreharbeiten zu dem Film Rocky Horror Picture Show machte. Dieser Stil führte das Aufbrechen der Geschlechtertrennung noch einen Schritt weiter, für das Bowie in den Jahren zuvor den Weg geebnet hatte. Die Strapse und die Bodys, das war alles von dem großen Pantomimen und Tänzer Lindsay Kemp beeinflusst. Als ich diese Fotos schoss, wusste ich: Das macht die Leute nervös. Und das wollten wir. Auch wenn wir natürlich nicht alle schwul oder bisexuell waren. Ich selbst ging damals auch nie ohne Lidschatten und Rouge aus, wenn ich abends loszog, obwohl ich nicht auf Männer stehe. Wer ein heißes Mädchen kriegen wollte, musste Make-up tragen.

DEBBIE HARRY

Als ich Blondie Anfang der 70er Jahre das erste Mal auf der Bühne sah, spielte sie in einem schmutzigen, schummrigen Laden in New York. Die Gruppe wirkte wie die Parodie einer Band. Aber Debbie Harry, ihre Sängerin, sie strahlte etwas Außergewöhnliches aus. Ihr Gesicht ist fantastisch, vor allem ihre prägnanten Wangenknochen. Bei dieser Session von 1977 inszenierte ich sie als Glam-Punk-Marilyn. Diese Fotos prägten ihr Image mehr als alle anderen Bilder von ihr. Debbie nahm das alles immer mit sehr viel Humor. Den brauchte sie auch: Für Frauen war in der Glam-Rock-Welt nicht viel Platz. Debbie war eine der wenigen, die sich darin behaupteten. Hier trägt sie ein Kleid von einem Modemacher, der auch mit Andy Warhol zusammenarbeitete, Steven Sprouse. Diese Zusammenarbeit von Modedesignern, Rockmusikern, Künstlern war etwas ganz Selbstverständliches. Viele Rockstars hatten einen göttlichen Sinn für Stil, für Selbstdarstellung. Heute machen das höchstens noch Leute wie Marilyn Manson, die anderen bekommen ihre Outfits von der Stange. Ich habe von vielen aktuellen Modemachern gehört, dass meine Bilder aus den frühen 70ern sie auch heute noch sehr beeinflussen. Ich dachte aber gar nicht an Mode, als ich die Bilder aufnahm. Ich dachte an Rock’n’Roll – eben das, was auf meinen Fotos zu sehen ist.

DAVID BOWIE

Bowie borgte sich gerne Klamotten von Freundinnen. Er hatte nur eine Grenze: Niemals Frauenunterwäsche! Ansonsten trug er alles, was die Damenmode hergab. Dieses Spiel mit der Bisexualität war damals, 1972, eine ungeheure Provokation. Heute ist das ja alles fast Mainstream. Aber er war der Erste, der die Grenze zwischen den Geschlechtern so konsequent überschritt. Für diesen Plastik-James-Dean-Look hier trägt er die Hosen und den Nietengürtel von Cirynda Fox, der Glam-Ikone aus dem Umfeld von Andy Warhol. Seine Frisur hatte er sich bei irgendeiner Mädchenzeitschrift abgeguckt, und die Schuhe waren japanisch. Bowie war wie eine Elster. Er sammelte sich seine Sachen aus allen Ecken zusammen, von Freunden und Freundinnen, aber vor allem von vielen berühmten Modemachern. Er hatte 78 verschiedene Outfits zur Verfügung. Es gibt aber auch ein paar Stilelemente, die waren damals cool und sehen heute peinlich aus. Bowie trug eine Zeit lang Bundfaltenhosen mit Ballettschuhen. So etwas will ich nie wieder sehen müssen.

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