Zeitung Heute : Globale Gleichzeitigkeit

RONALD BERG

Eine Video-Wanderung durch Berliner Galerien Videokunst erleben heißt, sich an einem der wenigen schönen Sommertage in eine Galerie zu begeben wie in eine Gruft, ein Gefängnis oder eine Mönchsklause.Der Schock tritt ein, sobald man die Schwelle überschritten hat und der helle Tag hinter den lichtundurchlässigen Vorhängen verschwindet.Im Dunkeln begegnet man zwei Videoprojektionen, im rechten Winkel zueinander stehend.Die "doppelte Farbvideo Projektion Installation" wie sie in Isabella Kacprzaks Galerie zu sehen ist, ist also viel gewalttätiger, als es ein Bild sein könnte.Sie ersetzt die Welt, zwingt zu sehen, indem sie alles andere ausblendet, und eine Lautstärke zu ertragen, die alles andere übertönt.Der Raum der Galerie ist zum "Breathing Space" geworden. In einer etwa zehnminütigen Endlosschleife führt das Video vor, wie Mann und Frau, auf einem Bett liegend, unter einer Plastiktüte atmen. Jedes Atemholen deformiert die Tüten über ihren Köpfen, läßt das Zerknittern des Materials als ein lautes Gebrüll oder ein Gewitter erschallen, ja manchmal wirkt es wie eine tosende Meeresbrandung.Während die Bilder isolierte Wesen zeigen, mischt sich der nicht synchronisierte Ton im Raum und erzeugt eine Art von gemeinsamem Klangbild, den "Atemraum", den Mann und Frau - und der Besucher - teilen. Die Nähe zur Performance ist bei den beiden Autoren des Video, dem britischen Künstlerpaar Stephanie Smith und Edward Stewart, charakteristisch.Auch das Verhältnis von Mann zu Frau und vice versa ist ein wiederkehrendes Motiv ihrer Arbeiten, denen sie die eigenen Körper leihen. Smith/Stewart waren in der letzten Zeit enorm beschäftigt.Allein in den letzten anderthalb Jahr haben sie mit ihren Videos in über zwei Dutzend Ausstellungen mitgewirkt.Woher der Erfolg? Smith/Stewart scheinen mit ihren modellhaft in Szene gesetzten Geschlechterverhältnissen nicht nur ein perennierendes Thema gefunden zu haben, sondern auch eine Sprache, die die Qualitäten des Mediums Video(-installation) als adäquates Ausdrucksmaterial benutzt. Im gleichen Medium operieren der als Fotograf bekannte Thomas Struth und der altgediente Videoartist Klaus vom Bruch.Die befreundeten Künstler haben bei ihrem "Berlin-Projekt" (inklusive Equipment 190 000 Mark) über Jahre hinweg verschiedene Reisen mit der Videokamera begleitet: vier meist simultanen Projektionen mit O-Ton zeigen verschiedene öffentliche Orte aus den unterschiedlichsten Regionen rund um den Globus.In 80 Minuten um die Welt: Santa Fé, Havanna, Santiago de Cuba, Sousse und Nabeul in Tunesien, Rom, Helsinki, Düsseldorf, Köln, Luzern, Hongkong, Berlin und die Seidenstraße im chinesischen Teil der Wüste Gobi sind die Stationen. Waren Smith/Stewart eher ein intimes Kammerspiel, ist schon durch die Dimensionen von Max Hetzlers Galerie eine Art von Environment entstanden.Bei einer Bildgröße von zwei mal vier Metern steht der Besucher mitten drin in den ihn umgebenden Straßen von Tokio oder im Fahrradgewimmel an einer Kreuzung in Shanghai. Orte, ob ein Provinzbahnhof in Santa Fé oder das großstädtische Treiben in den Metropolen, Menschen und Kulturen durchdringen einander.Das Medium simuliert globale Gleichzeitigkeit: eben noch im Museumsdorf der Pueblo-Indianer, rast man im nächsten Augenblick schon mit dem Hochgeschwindigkeitszug durch die ubiquitäre Suburbia Japans.Findet man in einigen Sequenzen schön komponierte Totalen mit Straßenfronten aus bunten Reklametafeln à la Struth, so konzentriert sich der Kamerablick im nächsten Bild auf ein menschliches Gesicht inmitten der Menge.Struth/vom Bruch geben dem Gerede von der "einen Welt" bildlichen Ausdruck.Das reale Hier und Jetzt aber bleibt draußen hinter den lichtundurchlässigen Vorhängen zurück.RONALD BERG Galerie Max Hetzler, Zimmerstr.89, bis 9.August, Dienstag-Sonnabend 11-18 Uhr. Galerie Isabella Kacprzak, Giesebrechtstr.16, bis 31.Juli, Dienstag-Freitag 11-18, Sonnabend 11-16 Uhr.

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