Globalisierung : Das Machtbeben

Zweistellige Wachstumsraten, riesige Devisenschätze und ein weltweiter Run auf die Rohstoffe: Der wirtschaftliche Aufstieg von China und den Ölstaaten weckt Ängste in Europa und Amerika. Doch die neuen und die alten Mächte sind auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig. Ein Report über die neue Dimension der Globalisierung – und das Risiko ihres Zusammenbruchs.

Harald Schumann,Christiane Grefe

Juliette ist im Stress und hat eigentlich keine Zeit. Sie muss noch den Produktionsplan für die folgende Woche aufstellen, muss den Kollegen bei der Qualitätsprüfung helfen, muss die Lieferlisten kontrollieren und eine Kalkulation machen. Außerdem gebe es gar nichts zu erzählen aus ihrem Leben, sagt die junge Frau und lächelt verlegen in ihrem engen Büroverschlag neben der Fertigungshalle.

Juliette, 23 Jahre alt und Produktionsleiterin in einer kleinen Fabrik für exklusive Hi-Fi-Anlagen der Firma Candeias Engineering, ist ehrgeizig und intelligent, aber das sind viele andere auch. Doch an diesem Ort ist das Gewöhnliche die Sensation. Denn Juliette heißt in Wahrheit Li Jiao Xa. Sie lebt und arbeitet in Schanghais Shopping- und Finanzdistrikt Pudong, wo es unter jungen Aufsteigern chic ist, sich einen westlichen Zweitnamen zuzulegen. Und es sind die Lebenswege von Leuten wie Juliette, die weltweit genauso viel Zuversicht wie Erschrecken verbreiten.

Gerade mal acht Jahre ist es her, dass sie als 15-Jährige mit einem kleinen Koffer in der Hand ihre Eltern und ihre Heimat verließ. Zuvor hatte sie nur die neunjährige Standardschule und eine anschließende Handwerksklasse besucht, hatte jahrein, jahraus ihren Eltern auf deren winzigen Äckern bei der Feldarbeit geholfen und mit der achtköpfigen Großfamilie in einem kleinen Ziegelbau irgendwo zwischen den Bergen der zentralchinesischen Provinz Sichuan gelebt. Züge, Flugzeuge, Hochhäuser und Autobahnen kannte sie nur aus dem kleinen SchwarzWeiß-Fernseher im Wohnzimmer, dem größten Luxus der Familie. Wasser holte man aus dem Brunnen vor der Tür, die Fußböden waren aus Lehm, die Latrine stand hinterm Haus. Die vier Kilometer zur Schule ging sie zu Fuß, eine Heizung gab es nicht.

So kann sich Juliette nicht einmal erinnern, wann der Beschluss für ihren Auszug und die lange Reise fiel. Der Lehrer sprach ganz selbstverständlich von der Arbeit, die er ihnen vermitteln könne, irgendwo im Osten, in der großen Stadt. „Alle gingen dahin, da konnte man eigenes Geld verdienen, also bin ich auch in den Bus gestiegen, der uns zu den Fabriken brachte“, erzählt Juliette.

Mehr als 2000 Kilometer reisten sie bis in die Sonderwirtschaftszone der Provinz Guangdong, die Ankunft war eine bittere Enttäuschung. Statt der glitzernden Stadt erwartete die Jugendlichen nur ein ödes Fabrikareal, das in allen Richtungen bis zum Horizont reichte. Zudem wollten die Fabrikchefs sie nicht einmal anstellen, weil sie noch zu jung war. Also verdingte sich Juliette gegen Kost und Logis zunächst bei einem kleinen Hersteller für billigen Modeschmuck.

Erst einige Monate später gelang der Wechsel in die Elektronikfabrik. An sechs Tagen und 60 Stunden pro Woche füllte sie Bauteile in die Magazine einer Maschine, die automatisch elektronische Leiterplatten bestückte. Manchmal musste sie auch 80 Stunden arbeiten. Widerspruch wurde nicht geduldet, einen Vertrag gab es nicht. Die spärliche Freizeit verbrachte Juliette meist in der Kantine oder dem Schlafsaal, wo sie und ihre Kolleginnen in wackeligen Doppelstockbetten ohne jede Privatsphäre untergebracht waren. 430 Yuan hat sie im Monat dafür bekommen, nach Kaufkraft gemessen etwa 140 Euro.

Aber sie lernte schnell.

Bei einer Auftragsproduktion für die europäisch-japanische Firma Candeias vertraute man ihr kompliziertere Arbeiten an. Der Auftraggeber war zufrieden und stellte sie für die eigene Herstellung ein – ein Schritt zum beiderseitigen Vorteil. Ihr neuer Chef bekam eine flexible, lernfähige Arbeitskraft, sie die Chance ihres Lebens. Als das Unternehmen nach Schanghai umzog, ging sie mit. Nun gut 2700 Kilometer von ihrem Heimatdorf entfernt, war sie alsbald die Arbeiterin mit der größten Erfahrung. Erst übernahm sie die Qualitätskontrolle, jetzt leitet sie schon die gesamte Herstellung. 40 junge Frauen und Männer hören auf ihre Anweisungen.

Statt 140 Euro im Monat verdient sie nun das Zehnfache. Sie lebt mit ihrem Mann in einer eigenen Wohnung, guckt sich gerade nach einem Gebrauchtwagen um und plant ihre erste Auslandsreise. Nach der Arbeit hat sie in Abendkursen Englisch gelernt und vertritt ihren Chef schon mal bei dessen ausländischen Besuchern. Wenn sie das Tempo beibehalte, sagt er, könne sie irgendwann auch die Geschäftsführung übernehmen.

So hat die junge Frau in nur acht Jahren einen Weg zurückgelegt, für den Europa einst drei Generationen benötigte. Geboren wurde sie als Kind einer armen Bauernfamilie, die sich, ausgestattet mit ein paar Flecken Land, gerade so von ihrer Hände Arbeit ernähren und kleiden konnte. Nun, mit erst 23 Jahren, ist Li Jiao Xa bereits Mitglied der globalen Verbraucherklasse. Sie hat die gleichen Hoffnungen und Wünsche wie ihre Altersgenossen in Tokio oder London und lebt in einer bunt glitzernden Industrie- und Handelsmetropole mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern. Statistisch gesehen verbraucht die Aufsteigerin als Bürgerin von Schanghai nun etwa ein Hundertfaches der Menge an Energie und Ressourcen, die ihren Eltern noch genügt hat.

Juliette ist besonders erfolgreich, aber keine Ausnahme. Es gibt zig Millionen solcher Geschichten in China, und sie sind der Stoff, der eine unüberhörbare Botschaft noch bis in die letzte Hütte trägt: Der Aufstieg ins Paradies der Konsumenten ist möglich.

In der Folge vollzieht sich in China die größte Völkerwanderung aller Zeiten. Seit nun schon gut zwei Jahrzehnten machen sich jedes Jahr 10 bis 15 Millionen Chinesen – die genauen Zahlen kennt niemand – aus ihren Dörfern auf den Weg in die boomenden Städte, um wenn nicht für sich, dann doch für ihre Kinder ein Leben zu erreichen, wie es vor dem nur in den westlichen Wohlstandsländern möglich war. Ihre kollektive Hoffnung, ihre Anstrengung erzeugen eine unbändige Kraft, die weltweit zu spüren ist.

Das große Wirtschaftswunder, das selbst vielen Chinesen zuweilen unwirklich erscheint, verdanken sie vor allem den Einsichten eines alten Mannes: Deng Xiaoping. Der langjährige unerklärte Chef von Chinas Staatspartei war schon 75 Jahre alt, als er die weltgrößte Wirtschaftsrevolution lostrat. Deng, geboren im Jahr 1904, hatte in Frankreich studiert, hatte an der Seite von Mao für die Revolution gekämpft, verlor während der Wirren der Kulturrevolution alle seine Ämter und stieg im hohen Alter noch zum mächtigsten Mann Asiens auf. Er erwies sich als einer der kühnsten und skrupellosesten politischen Köpfe des 20. Jahrhunderts. Er befreite zig Millionen aus der Armut – doch er ließ Menschen unerbittlich erschießen und einkerkern, wenn sie wie 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking zur wirtschaftlichen auch die politische Freiheit forderten.

Deng hatte lange vor den kommunistischen Freundfeinden in Moskau erkannt, dass die Planwirtschaft dem Fortschritt im Wege stand. Darum ließ er zunächst vier Sonderwirtschaftszonen nahe den Küstenstädten einrichten, wo Staatsunternehmen und ausländische Investoren mit Marktwirtschaft und Welthandel experimentierten. Der Versuch verlief erfolgreich, und so konzipierten Deng und seine Regierung schließlich eine Form von gelenktem Kapitalismus, der japanische, amerikanische und sehr chinesische Elemente kombinierte und heute – zweieinhalb Jahrzehnte später – die Weltwirtschaft aus den Angeln hebt.

Die Reformgarde entließ die Unternehmen, die noch immer zu zwei Dritteln im Staatsbesitz sind, aus der zentralen Lenkung und zwang sie, ihre Produktion und Preise der Nachfrage auf dem Markt im In- und Ausland anzupassen. Gleichzeitig öffneten sie ihr Reich für die Kapitalisten des Westens, die begierig darauf sind, milliardenschwere Investitionen in einem Land zu tätigen, das früher oder später der größte Binnenmarkt der Welt sein wird.

Doch bei aller Liberalisierung hielten die Reformer an einer Ausnahme eisern fest: Die Banken sowie der Kapitalverkehr mit dem Ausland blieben in staatlicher Hand und unterliegen weiterhin der direkten politischen Kontrolle. Diese Trennung des Finanzsektors vom Weltkapitalmarkt erweist sich bis heute als der entscheidende Treibsatz für Chinas Jahrhundertsprung.

Während westliche Konzerne ihren Aktionären und Darlehensgebern teure Dividenden und Zinsen zahlen müssen, können Chinas Unternehmen über das staatlich gelenkte Bankensystem beinahe kostenlos Kapital aufnehmen. Die Staatsbanken vergeben gezielt Kredite zu Zinsen, die nur knapp oberhalb der Inflationsrate liegen. Begünstigt werden vornehmlich solche Unternehmen, die als strategisch notwendig angesehen werden. Und während andere Schwellenländer immer wieder durch schwere Finanzkrisen, schwankende Wechselkurse und Kapitalflucht zurückgeworfen werden, ist China bis heute von alldem stets verschont geblieben. Niemand kann im großen Stil ohne Genehmigung Kapital über die Grenzen verschieben und gegen Chinas Währung, den Renminbi Yuan („Volksgeld“), spekulieren. Den Wechselkurs diktiert die Notenbank. Sie kauft alle Devisen, die über die Exporte ins Land kommen. Und ohne Genehmigung sind Auslandsüberweisungen über größere Summen nicht erlaubt.

Ausgerechnet das von einer kommunistischen Partei regierte China reizt auf diesem Weg das vielleicht wichtigste Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus bis zum Anschlag aus: die freie Schöpfung von Kapital aus dem Nichts – mithilfe der Zentralbank und ihren Billigkrediten. Im Ergebnis ist die Wirtschaftsleistung Chinas von 1980 bis 2005 um mehr als 1000 Prozent gewachsen, hat sich also binnen einer Generation verzehnfacht und wächst weiterhin mit einer Rate von rund zehn Prozent pro Jahr.

So wie Chinas Massen den westlichen Vorbildern nacheifern, so dient China seinerseits anderen asiatischen Nationen als Modell und wirtschaftlicher Anker. Indien, Indonesien, Vietnam und viele weitere asiatische Staaten sind längst auf einem vergleichbaren Entwicklungspfad. In deren Windschatten erfahren auch klassische Rohstoff- und Agrarexportländer in Lateinamerika und Afrika Wachstumsraten wie nie zuvor. Damit sind rund 2,5 Milliarden Menschen auf dem Weg zur Teilnahme am globalen Netzwerk der Arbeitsteilung und des Konsums.

Dieser Vorgang markiert den größten Umbruch der Weltordnung seit dem Ende des Kalten Krieges zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Gemessen an der Zahl der Menschen und der verarbeiteten Ressourcen, übertrifft er sogar die gewaltigen Veränderungen während der Zeit der industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts. Von der Lohnentwicklung bis zur Energieversorgung, von der Machtverteilung in den globalen Institutionen bis zu den Regeln des Welthandels gibt es kaum einen Bereich, der nicht vom Atem des chinesischen Drachens und seiner Nachahmer erfasst wird. Immer dichter verweben sich Unternehmen und Märkte, Politik und Kultur der neuen asiatischen und lateinamerikanischen Wirtschaftsmächte mit jenen der bisherigen Wohlstandsnationen. Wie in einem Mikadospiel, bei dem die ineinandergeworfenen Stäbchen nicht einzeln zu bewegen sind, erzeugt fast jede Bewegung am einen Ende sofort weitere Bewegungen an mehreren anderen Orten. Und längst nicht alle sind vorhersehbar.

Schon die Ausweitung der Produktion hat unmittelbar globale Folgen. 70 Prozent aller weltweit verkauften Spielzeuge, 60 Prozent aller Fahrräder und etwa die Hälfte aller Mikrowellenöfen, DVD-Spieler oder Schuhe kommen mittlerweile aus China. Wal-Mart, der größte Einzelhandelskonzern der Welt, bezieht rund zwei Drittel seiner Waren aus dem Reich der Mitte, das voraussichtlich noch im Jahr 2008 Deutschland als weltgrößtes Exportland ablösen wird. Indischen Unternehmen ist es derweil gelungen, Software- und Serviceaufträge im Wert von rund 100 Milliarden Dollar jährlich bei Auftraggebern aus Nordamerika und Europa zu akquirieren.

Die Massenproduktion in staatlich geförderten chinesischen Fabriken mit billigen Arbeitern hat weltweit die Preise für viele Produkte fallen lassen. Auch deshalb erfuhren etwa die Elektronikmärkte einen weltweiten Siegeszug und wurden zu beliebten Freizeitzielen der großstädtischen Jugend. Nur so war es möglich, dass heute die Mehrheit der Haushalte in Deutschland und anderen Wohlstandsstaaten mit zahlreichen hochwertigen Geräten wie Flachbildfernseher und PC ausgestattet sind, die noch vor zehn Jahren nur für Reiche erschwinglich waren.

Gleichzeitig hat die Möglichkeit, in China oder Indien zu produzieren, den Managern vieler Industrieunternehmen auch ein mächtiges Instrument verschafft, um ihre Arbeitnehmer unter Druck zu setzen. Allein die Drohung mit einer möglichen Verlagerung von Arbeit nach Fernost reicht in der Regel aus, um Zugeständnisse bei Löhnen und Arbeitszeiten durchzusetzen.

So stärkt der Aufstieg der Schwellenländer die Kaufkraft der Konsumenten, aber er drückt zugleich die Löhne und Gehälter in den Wohlstandsstaaten. Indirekt forciert die globale Ausdehnung der Produktionsketten so die soziale Spaltung auch in jenen Ländern, in denen die industrielle Entwicklung einst ihren Ausgang nahm. Und alle Nationen müssen gemeinsam dafür zahlen, dass der Verbrauch von Rohstoffen aller Art schnell anwächst.

China ist bereits heute der weltgrößte Verbraucher von Stahl, Aluminium, Kupfer und Kohle. Das hat der Rohstoff- und Metallindustrie sowie den Frachtreedereien einen Boom beschert wie seit den 60er Jahren nicht mehr. Und parallel zum steigenden Einkommen der städtischen Mittelschichten in Asien steigt auch deren Konsum von hochwertigen Nahrungsmitteln wie Fleisch, Milchprodukten oder auch Bier. Weil die Ausdehnung der Anbauflächen nicht Schritt hält, treibt dies wiederum weltweit die Preise für Mais, Weizen und Soja, mit denen die benötigten Nutztiere gemästet werden, nach oben.

All diese Entwicklungen werden aber noch übertroffen von einem Phänomen, das völlig außer Kontrolle geraten ist: die Verbreitung des Traums vom eigenen Auto bei Asiens Milliardenvölkern.

DAS AUTO: TRAUM UND TRAUMA

Die Automobilkonzerne produzierten im Jahr 2006 in China bereits mehr als sieben Millionen Fahrzeuge, über eine Million mehr, als in allen deutschen Autowerken im selben Jahr hergestellt wurden, und fünfmal mehr als zehn Jahre zuvor. Nicht minder schnell wachsen Produktion und Absatz von Automobilen in Indien, wo auch schon anderthalb Millionen Fahrzeuge jährlich vom Band laufen. Tata, der größte indische Hersteller, plant für 2008 sogar ein Familienauto für umgerechnet 1800 Euro, das gleich in Millionenauflage auf den Markt kommen und der unteren Mittelschicht den Anschluss an die Autokultur verschaffen soll.

Noch fahren fast alle Autos mit Benzin oder Diesel. Entsprechend schnell wächst der Ölbedarf. Im Jahr 2006 verbrauchte die Menschheit gut 500 Millionen Tonnen Erdöl mehr als zehn Jahre zuvor. Fast 40 Prozent dieses Zuwachses gehen auf den gestiegenen Bedarf in China und Indien zurück. Die Folgen könnten größer kaum sein. Weil die Nachfrage schneller wächst als die Förderung, verdreifachte sich der Preis von 2002 bis 2007 von 25 auf knapp 75 Dollar pro Fass. Das schafft Reichtum, Konflikte und Katastrophen.

Am härtesten trifft es die Armutsstaaten Afrikas ohne eigene Ölförderung. Die nötigen Importe von Treibstoff und anderen Ölprodukten verschlingen inzwischen ein Vielfaches aller eingesparten Zins- und Tilgungszahlungen, die der mühsam errungene Schuldenerlass für die 16 am wenigsten entwickelten Länder eingebracht hatte.

Senegal zum Beispiel war eigentlich auf einem guten Weg und einer der wenigen afrikanischen Staaten, in denen das von allen UN-Mitgliedern beschlossene Ziel der Halbierung der Zahl der absolut Armen bis 2015 hätte gelingen können – bis die Ölpreisexplosion kam. Sowohl die Stromproduktion als auch der Transport von Menschen und Gütern sind von importiertem Dieseltreibstoff abhängig. An mehreren Tagen pro Woche müssen die staatlichen Elektrizitätswerke nun schon seit 2005 die Generatoren über viele Stunden ausstellen. Trotzdem kosten die staatlichen Ausgaben zur Subventionierung der Dieselpreise inzwischen mehr Geld, als für das gesamte Gesundheitswesen und alle Schulen des Landes zur Verfügung steht. Die afrikanische Ölkrise werde „auf Jahre alle Anstrengungen zur Armutsbekämpfung zunichtemachen“, beklagte Senegals Präsident Abdoulaye Wade und prophezeite „Massenwanderungen von Menschen auf der Suche nach dem Überleben“ – und dieser Exodus hat mit den Flüchtlingsbooten, die beinahe täglich an den Küsten von Spanien und Italien stranden, längst begonnen.

Genauso eng verknüpft mit dem automobilen Aufbruch in Fernost sind aber auch der märchenhafte Aufstieg der Vereinigten Arabischen Emirate und der Boom in deren Metropole Dubai. Der frühere Kronprinz und heute regierende Scheich des Wüstenemirats, Mohamed bin Rashid al Maktoum, erkannte Mitte der 90er Jahre die Chance, mit den Ölmilliarden der Golfanrainer ein neues Finanzzentrum zu errichten. Ursprünglich war das Konzept auf einen langsamen Ausbau über Jahrzehnte angelegt. Aber die Ölpreisexplosion spülte so große Summen in die Kassen der Ölländer am Golf, dass ein beispielloser Immobilienboom in Gang kam. Dieser lockte noch mehr Kapital nach Dubai, darunter auch viele Milliarden Dollar aus Russland, einem weiteren Profiteur der Ölpreisentwicklung.

So beschleunigte sich die Entwicklung von selbst. Noch Anfang der 90er Jahre war die Stadt ein unbedeutender Handelsplatz und Fischereihafen. Heute können sich Dubais Skyline, seine Umsätze und Touristenbesuche mit Hongkong und Singapur messen. Immer größere Teile der arabischen Öleinnahmen werden nicht mehr in London oder New York verwaltet, sondern am Arabischen Golf selbst.

Mit dem Ölreichtum und dem Erfolg des gelenkten Kapitalismus in Asien entstanden milliardenschwere staatlich gelenkte Investmentfonds, die wie nie zuvor weltweit lukrative Kapitalanlagen suchen.

Allein die Abu Dhabi Investment Authority des Nachbaremirats von Dubai verwaltet rund 900 Milliarden Dollar Anlagevermögen. Das Auftreten so potenter Investoren von außerhalb weckt jedoch Ängste bei den traditionellen Wirtschaftsmächten der Wohlstandszone.

Zwar gibt es solche Staatsfonds schon seit Jahrzehnten. Kuwait etwa beteiligte sich schon im Jahr 1974 am Daimler-Konzern. Nur geht es heute um weit größere Summen. Insgesamt verfügen die Ölstaaten zusammen mit China und Singapur bereits über etwa 2,5 Billionen Dollar Kapital in ihren Staatsfonds (s. Grafik Seite S 6) Im Jahr 2015 werden es nach Kalkulation des Internationalen Währungsfonds (IWF) bereits zwölf Billionen Dollar sein, also rund zwölfmal so viel wie der Börsenwert der 30 führenden deutschen Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) im März 2008.

An die Spitze der Warner vor möglichen Unternehmenskäufern aus Nah- und Fernost setzte sich in Deutschland ausgerechnet Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank. Sonst ein harter Kritiker der „unschönen Untertöne“ bei den Gegnern der Finanzinvestoren („Heuschrecken“) aus den USA oder Großbritannien, warnte der Bankboss im Juni 2007 vor dem „neuen Staatskapitalismus“. Die Mächte aus Übersee seien „vor allem an deutschen Übernahmezielen“ interessiert. Dahinter stünden „strategische Interessen“, die womöglich politisch motiviert seien.

Prompt versprachen Finanzminister Peer Steinbrück und Kanzlerin Angela Merkel eine gesetzliche Regelung, die entsprechende Unternehmenskäufe einer Genehmigungspflicht unterwerfen soll. Auch die EU-Kommission, die seit je für den freien Kapitalverkehr streitet, versprach eine Regelung zur Prüfung unliebsamer Investoren aus Arabien, Russland und Ostasien. Alle Regierungen des alten Reichtumsblocks gemeinsam beschlossen gar im Oktober 2007, der von ihnen gelenkte IWF solle künftig die Aktivitäten der Staatsfonds überwachen.

Gerard Lyons, Chefökonom der britischen Bank Standard Chartered und Autor einer viel zitierten Studie über die neue Macht der „Sovereign Wealth Funds“, erklärte das Motiv solcher Abwehraktionen. Immerhin könnten die „strategischen“ Investments der jeweiligen Staatsfonds Unternehmen der Telekommunikation, des Energiesektors, der Medien- oder der Finanzbranche betreffen und „sogar dem Erwerb von geistigen Eigentumsrechten“ dienen. Dies seien dann aber politisch motivierte und nicht mehr rein kommerzielle Kapitalanlagen. Lawrence Summers, vormals US-Finanzminister der US-Regierung unter Präsident Bill Clinton, fürchtet gar, die staatlichen Investoren könnten „die Logik des Kapitalismus erschüttern“. Die jeweiligen Regierungen würden sich einkaufen, „um ihre nationalen Unternehmen konkurrenzfähig zu machen, um technologisches Wissen abzuziehen oder um Einfluss zu gewinnen“. Dies mache sie „vom Standpunkt des globalen Systems aus gesehen verdächtig“.

Verdächtig sind allerdings auch die Wortwahl und die krude Logik der Abwehrkämpfer gegen den Kapitalüberfall aus Nah- und Fernost. Denn eben das, was sie den Staatskapitalisten vorwerfen, haben die Regierungen des Westens und die von ihnen unterstützten Unternehmen seit eh und je praktiziert.

Amerikas Ölkonzerne Exxon, Chevron und Co. verfolgen schon immer „strategische Investitionen“, und das stets mit politischer Unterstützung ihrer Regierung. Deutschlands Automobil- und Stromkonzerne investieren seit Jahrzehnten in aller Welt mit dem „strategischen“ Ziel, Marktmacht und technologische Überlegenheit zu erreichen. Genauso halten es Frankreich, Japan und viele andere Staaten der OECD, des Dachverbands der alten Reichtumsstaaten. Der „Standpunkt des globalen Systems“, auf den sich Summers beziehe, sei denn wohl auch „nur der Standpunkt des Westens“, hielt Robert Wade, Entwicklungsökonom an der London School of Economics, seinem US-Kollegen entgegen. Die neuerdings erstarkten Staatsfonds seien doch wohl eher ein Mittel, ein „level playing field“ , also faire Wettbewerbsbedingungen, herzustellen.

Das ist für die alten Herren der Welt aber noch schwer zu verstehen. Welche Verwirrung die mit der Globalisierung geschaffenen neuen Mächte stiften können, demonstriert der Fall der Firma Dubai Ports World (DPW). Die staatseigene Firma aus der arabischen Finanzmetropole hat sich vom kleinen Hafenbetreiber zu einem weltweit tätigen Schifffahrtskonzern entwickelt. Insofern war es nichts Ungewöhnliches, als DPW im Februar 2006 für 6,85 Milliarden Dollar die britische Traditionsreederei Peninsular and Oriental Steam Navigation (P & O) kaufte. Damit erschloss sich der Konzern nicht nur zahlreiche neue Frachtrouten, sondern auch den Betrieb von 30 Hafenterminals in 18 Ländern. Sechs dieser Hafenbetriebe liegen an der amerikanischen Ostküste, unter anderem in New York.

Angesichts der weltweiten Erfahrung des DPW-Managements hatte die US-Regierung zunächst auch keine Bedenken gegen die Übernahme des Betriebs amerikanischer Häfen durch die Firma aus Dubai. Doch umso größer war das Misstrauen bei einigen Abgeordneten im US-Kongress. Araber in Amerikas Häfen, den schwer kontrollierbaren Einfallstoren für islamistische Terroristen? Der republikanische New Yorker Kongressabgeordnete Peter King und ein gutes Dutzend seiner Kollegen aus beiden großen Parteien forderten ultimativ eine weitere Sicherheitsüberprüfung der Firma und ihrer Manager. Es drohe, so behauptete King, „eine Infiltration durch Al Qaida“ und die Frage sei, wie die Firma sich vor der Unterwanderung durch Korruption schütze.

Die Verdächtigungen entbehrten jeder Grundlage. Nicht nur war ein leitender amerikanischer Manager von Dubai Ports gerade erst zum Leiter des Schifffahrtsamtes im US-Verkehrsministerium ernannt worden. Zudem war das Unternehmen schon seit langem an höchster Stelle zum Schutz amerikanischer Sicherheitsinteressen im Einsatz. Denn Dubai ist Amerikas zentraler Militärstützpunkt im arabischen Golf und dessen Hafen „Jebel Ali“ die Basis für an die 100 Kriegsschiffe der US-Marine. „Das alles wird von Dubai Ports gemanagt, also hängt die Sicherheit unserer Leute dort von ihnen ab“, erklärte der stellvertretende Verteidigungsminister Gordon England dem US-Senat.

Doch das hinderte die Abgeordneten und Senatoren nicht, ihre Angstkampagne fortzuführen. Genervt versprach DPW-Topmanager Mohammed Sharaf einen Monat nach dem Einkauf bei P & O schließlich, die fünf US-Hafenbetriebe wieder zu verkaufen – ein Befreiungsschlag, der die zuweilen groteske Ironie des globalisierten Kapitalismus offenbarte. Nach einem Jahr des heftigen Wettstreits mehrerer Bieter strich Dubai Ports World rund 300 Millionen Dollar Gewinn aus dem Verkauf ein, die vom Versicherungskonzern AIG und damit aus den Beiträgen von US-Bürgern bezahlt wurden.

Steigende Rohstoffpreise, Lohnkonkurrenz, kapitalstarke Anleger aus Asien, Arabien und Russland – all das sind die Vorboten eines Wandels, der vermutlich nicht mehr aufzuhalten ist. Absehbar ist, dass die schon ein Jahrhundert währende wirtschaftliche Vorherrschaft der Vereinigten Staaten und ihrer europäisch-japanischen Alliierten im Laufe des 21. Jahrhunderts enden wird. Vorausgesetzt, Kriege und große ökologische Katastrophen lassen sich vermeiden, wird China voraussichtlich um das Jahr 2030 die weltgrößte Wirtschaftsmacht sein. Schon ein Jahrzehnt später könnte auch Indien über das US-Gewicht hinauswachsen.

Das wäre zwar der Größe der Bevölkerung nur angemessen und würde die Stellung Chinas und Indiens in der Welt wiederherstellen, die sie vor Beginn von Europas industrieller Revolution auch schon innehatten. Historiker schätzen, dass beide Länder im 17. Jahrhundert 40 Prozent der Weltproduktion bestritten. Doch vielen Politikern und ihren Wählern in den Wohlstandsstaaten, vornehmlich in den USA, gilt diese Perspektive gleichwohl als finstere Bedrohung. Gern erheben sie den Vorwurf, das Reich der Mitte erziele durch die Manipulation des Wechselkurses seiner Währung extreme Handelsüberschüsse und bedrohe Europa und die USA mit der „De-Industrialisierung“. Ein Politanalyst des „Spiegel“ verstieg sich sogar zu der These, die Aufsteiger aus Fernost hätten einen „Weltkrieg um Wohlstand“ begonnen. Deren neue Stärke führe „zur Schwächung des Westens“ und „ihr Aufstieg“ sei „unser Abstieg“.

Aber alle diese Anklagen sind ökonomisch unsinnig. Globalisierung und Welthandel sind keineswegs ein Nullsummenspiel, bei dem die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Vielmehr ist bisher parallel zum wachsenden Welthandel noch immer weltweit auch die Wertschöpfung in allen beteiligten Ländern gewachsen. Und nichts spricht dafür, dass sich das ändert. Auch wenn China und Indien schneller aufholen und ein wenig reicher werden, heißt das nicht, dass Europa und Amerika deshalb weniger haben oder gar verarmen. Nur das relative Gewicht, also der jeweilige Anteil am Weltsozialprodukt und Weltmarkt, verschieben sich.

Auch von „De-Industrialisierung“ ist weit und breit keine Spur. Chinas Anteil an der weltweiten Fertigung beträgt gerade mal acht bis neun Prozent, und die industrielle Produktion in den Wohlstandsländern von Nordamerika, Europa und Japan ist deshalb keineswegs geschrumpft. Sie stellen noch immer die Standorte für drei Viertel der gesamten Weltproduktion. Nur werden in modernen Industriebetrieben eben weit weniger Arbeitskräfte benötigt als in früheren Jahrzehnten. Auch unterscheiden sich die in Asien angewandten Methoden der Wirtschaftslenkung und Exportförderung nur wenig davon, wie die reichen Nationen einst selbst ihren Aufstieg organisierten: Deutschlands Wirtschaftswunder baute auf feste und exportfördernde Wechselkurse sowie Technologien, die ausländischen Vorbildern nachempfunden wurden. Auch die USA haben eine lange Geschichte der Industrieförderung durch Schutzzölle oder Subventionen. Und genauso gingen Japan oder Südkorea vor, um Anschluss an die Weltspitze zu finden.

All diese Kurzschlussargumente sind aus einem einfachen Grund trotzdem populär: Sie verlegen die Schuld für die zunehmend ungerechte Einkommensverteilung oder die wachsende Jobunsicherheit in ferne „Angreiferstaaten“, wie der „Spiegel“ schrieb. Gemeinsam ist allen Warnern vor der vermeintlichen asiatischen Verschwörung denn auch die Forderung, die Regierungen des alten Reichtumsblocks sollten mit Handelssanktionen und politisch-militärischem Druck die asiatischen Wirtschaftsmächte zwingen, höhere Löhne an ihre Arbeiter zu zahlen, mehr Lizenzgebühren an die westlichen Patent- und Copyright-Inhaber zu entrichten und den Wechselkurs ihrer Währung dem freien Markt zu überlassen.

Doch so wünschenswert die Durchsetzung globaler Regeln für globale Märkte wäre, so abwegig ist die Vorstellung, ein solches Vorhaben ließe sich mit den machtpolitischen Instrumenten des vergangenen Jahrhunderts durchsetzen. Das Konzept des „wir gegen die anderen“ geht an den tatsächlichen Verhältnissen in der Welt der globalen Interdependenz völlig vorbei. Nichts demonstriert dies besser als die unfreiwillige Symbiose zwischen der Supermacht von gestern und jener von morgen.

CHINA FINANZIERT AMERIKAS KRIEGE

Das Gebäude in der Fucheng-Straße 18 am Pekinger Platz der Luftfahrt macht nicht viel her. Eingeklemmt zwischen den mächtigen Betonpfeilern einer Autobahnbrücke und einem Einkaufszentrum, erscheint das elfstöckige Bauwerk nur wie einer jener schmucklosen Bürokästen, die das moderne Peking verschandeln. Ein Wachsoldat steht einsam in der leeren Eingangshalle herum, der Pförtner ist den Besuch neugieriger Ausländer nicht gewohnt und reagiert irritiert.

Hier, weit ab von den Touristenzielen der Pekinger Innenstadt, verwalten die rund 300 Mitarbeiter der Staatsverwaltung für ausländische Währungen das vielleicht wichtigste Machtinstrument, über das Chinas Regierung je verfügt hat: das Anlagevermögen der Zentralbank im Ausland. Dessen Wert belief sich zum Ende des Jahres 2007 auf rund 1,53 Billionen, also 1530 Milliarden US-Dollar. Das entspricht etwa dem Anderthalbfachen des Börsenwerts aller 30 im Deutschen Aktienindex notierten Großkonzerne und stellt den größten Devisenschatz dar, den je ein Staat angehäuft hat. Und weil alle chinesischen Exporteure ihre Überschüsse in fremden Währungen bei der Pekinger Zentralbank gegen einheimische Yuan tauschen müssen, kommen jeden Tag rund zwei Milliarden Dollar hinzu.

Der stetig wachsende chinesische Dollarberg ist Ausdruck einer einzigartigen weltwirtschaftlichen Konstellation: Die Vereinigten Staaten, die Vormacht des Kapitalismus, haben sich auf Gedeih und Verderb in eine gegenseitige Abhängigkeit mit dem noch immer von Kommunisten regierten China verstrickt, dem nach Lesart amerikanischer Supermachtstrategen ärgsten Rivalen um die weltpolitische Vorherrschaft. Würde Chinas Notenbankchef Zhou Xiaochuan morgen die Mitarbeiter der Devisenverwaltung anweisen, die Dollarpapiere aus dem Portfolio der Behörde auf den Markt zu werfen, würde dies Amerika unvermeidlich in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzen – und sofort zum Absturz des Dollarkurses führen.

Sogleich würden auch die privaten Akteure an den Finanzmärkten aus Dollaranlagen aussteigen und den Kurs weiter fallen lassen. Mangels Nachfrage nach amerikanischen Schuldtiteln würden die Zinsen am US-Kreditmarkt steil in die Höhe gehen. Zig Millionen Amerikaner mit hohen Privatschulden müssten plötzlich ihre Häuser verkaufen und sparen, die Rezession und ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit wären unvermeidlich. „Die Chinesen halten eine finanzpolitische Bombe in Händen“, urteilt Heribert Dieter, Finanzmarktexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, der außenpolitischen Denkfabrik der Bundesregierung. Amerika sei „erpressbar geworden“.

Dieser Zustand ist jedoch keineswegs das Ergebnis eines ausgeklügelten Plans, sondern die Folge eines historischen Zufalls: Der vom Export getriebene chinesische Aufstieg erfolgt zu einer Zeit, in der die USA aus ganz anderen Gründen zum weltgrößten Schuldnerland absteigen. Dabei wurde der chinesische Staat fast automatisch zum wichtigsten Kreditgeber der vom Konsum angetriebenen und mit extrem hohen Militärausgaben belasteten amerikanischen Volkswirtschaft.

Ursache für die überraschende Beziehung ist eine strukturelle Eigenart der US-Ökonomie: Seit 25 Jahren, unterbrochen nur von einer kurzen Periode der Rezession, importieren und verbrauchen die Amerikaner mehr Güter und Dienstleistungen, als sie ihrerseits in andere Länder exportieren. Eine Nation, die derart über ihre Verhältnisse lebt, ist zwangsläufig auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen. Dieses sogenannte Leistungsbilanzdefizit war lange Jahre kein Problem. Anders als die von wiederkehrenden Finanzkrisen geplagten Schuldenstaaten Lateinamerikas genießen die USA als Ursprungsland der globalen Leitwährung ein äußerst wertvolles Privileg. Sie können sich in der eigenen Währung verschulden. Darum müssen Amerikas Wirtschaftslenker ein Sinken des Wechselkurses nicht fürchten. Fällt der Dollar, sinkt auch der Schuldenstand, jedenfalls im Verhältnis zu anderen Währungen. Die eigenen Exporterlöse dagegen gewinnen an Wert.

Gleichzeitig garantiert der Leitwährungsstatus eine weltweite Nachfrage nach Dollaranlagen. Das sichert der US-Wirtschaft seit je eine Art fortwährende globale Subventionszahlung: Die Welt liefert Waren in die USA und bekommt dafür Banknoten, Dollarguthaben und Wertpapiere. Die global verteilte Dollargeldmenge weitet sich also stetig aus, und ein immer größeres Volumen amerikanischer Aktien und Anleihen wird von Ausländern gehalten. Bis zum Jahr 2000 war dieses Phänomen weitgehend eine Sache der privaten Wirtschaft. Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen und Unternehmen aus aller Welt investierten nur zu gern ihr Geld in Amerika, um am dortigen Boom teilzuhaben. Seinerzeit war auch der Staatshaushalt ausgeglichen, der Kapitalzufluss diente überwiegend der Finanzierung von Investitionen. Es sei der Markt, der das Leistungsbilanzdefizit und den Dollarkurs steuere, beteuerten die Finanzminister der Clinton-Ära stets und sahen keinen Grund, regulierend in das Geschehen einzugreifen.

Von dieser heilen Welt ist nichts mehr übrig. Nach dem Platzen der Börsenblase im Jahr 2001 haben sowohl die Notenbank Federal Reserve als auch die Regierung von Präsident George W. Bush den Dollarvulkan dramatisch angeheizt. Erst senkte die Zentralbank den Basiszins auf nur noch ein Prozent jährlich. Das machte für die Banken das Geld billig und ermöglichte die Ausgabe ebenso billiger Kredite und Hypotheken. Dann senkte die Bush-Regierung außerdem die Steuern für Amerikas Besserverdiener und Reiche um mehr als 200 Milliarden Dollar jährlich. So konnte die drohende Rezession abgewendet werden, weil Verbraucher und Industrie die billigen Kredite und das zusätzliche Geld für mehr Konsum und Investitionen verwandten.

Doch der Preis war hoch: Die Steuersenkungen rissen ein tiefes Loch in die Staatsfinanzen, während gleichzeitig die Kriege in Irak und Afghanistan die Militärausgaben um über 100 Milliarden Dollar jährlich in die Höhe trieben. Bis zum Jahr 2004 stieg die jährliche Neuverschuldung auf 486 Milliarden Dollar, weit jenseits der in Europa viel diskutierten Stabilitätsgrenzen des Eurovertrages von Maastricht. Gleichzeitig lockten die Minizinsen auch viele US-Bürger noch tiefer in die Verschuldung, Amerikas private Sparquote sank unter null. Zur Finanzierung von Investitionen und Staatsschulden steht seit 2003 kaum noch inländisches Kapital zur Verfügung.

In den Staaten, die dem Markt die Folgen überließen, führte diese Politik automatisch zum Kursverfall des Dollars. Privatwirtschaftliche Investoren aus dem Eurogebiet zum Beispiel kauften weit weniger US-Wertpapiere oder -Unternehmen, als nötig gewesen wäre, um Amerikas Handelsdefizit mit den EU-Ländern zu finanzieren. Schließlich waren auch die Zinsen auf Dollarpapiere niedriger als für Euroanlagen.

Darum verlor der Dollar gegenüber dem Euro seit 2001 rund die Hälfte seines Wertes. Europäische Waren wurden dementsprechend für US-Käufer teurer, und das US-Handelsminus mit der EU verringerte sich. Ganz ähnlich geschah es auch mit dem britischen Pfund und anderen frei gehandelten Währungen. Wäre alle Welt diesem Prinzip gefolgt, hätten Amerikas Bürger wegen steigender Preise für Importgüter weniger konsumieren können. Ihr Binnenmarkt hätte vermutlich eine Weile stagniert, dafür wären die Exporte gestiegen. Das Handelsdefizit wäre geschrumpft.

Doch genau das ist nicht geschehen. Denn mit dem Aufstieg der Schwellenländer liegt die Macht über das globale Währungssystem nicht mehr allein bei den Vereinigten Staaten und ihren Alliierten. Anders als im vergangenen Jahrhundert haben die Schwellenländer inzwischen ausreichend Gewicht, um sich der US-Währungspolitik entgegenzustellen. Ihnen bescherte die von der Federal Reserve ohne Rücksicht auf den Rest der Welt herbeigeführte Dollarflut ein massives Problem. Vor allem für China und die asiatischen Tigerstaaten sowie für die Ölexporteure am Arabischen Golf ist der wirtschaftliche Erfolg von den Exporten in die Dollarmärkte abhängig. Hätten sie den Dollarkurs ihrer Währungen ebenso wie die Europäer steigen lassen, wären ihre Produkte aber teurer geworden oder ihre Gewinne wären erheblich gesunken. In jedem Fall wären ihre Exporterlöse eingebrochen, und die Arbeitslosigkeit wäre gestiegen.

Dazu waren die Aufsteiger der Weltwirtschaft nicht bereit. Folglich stemmen sich die Regierungen dieser Länder mit aller Macht gegen den Kursverfall und kaufen mit dem Geld ihrer Notenbanken in großem Stil Dollar auf. Ohne Absprache schufen sie damit für sich ein System fester Wechselkurse, wie es auch die westlichen Industrienationen einst für sich selbst im US-Kurort Bretton Woods beschlossen und bis 1973 unterhielten. Statt der unsichtbaren Hand des Marktes lenkt darum aber nun die deutlich erkennbare Hand der Notenbanken Ostasiens und der Ölexporteure den Dollarmarkt.

Und so wurde ausgerechnet das Regime in Peking zum größten Finanzier der US-Wirtschaft. Seine Dollarkäufe decken etwa ein Viertel des gesamten amerikanischen Leistungsbilanzdefizits. Ursache dafür ist wiederum eine besondere Eigenart der chinesischen Ökonomie. Dort reicht die Binnennachfrage bisher nicht aus, um für die vielen Millionen Landflüchtigen genügend Jobs zu schaffen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Chinas Staatsunternehmer gemeinsam mit ihren westlichen Partnern ihre Arbeiter mit Gewalt daran hindern, sich für höhere Löhne in freien Gewerkschaften zu organisieren. Folglich sind Chinas Wirtschaftslenker auf das Wachstum der Exportindustrie angewiesen, um das Heer der Jobsuchenden im Zaum zu halten. Eisern hielt die Regierung von Premierminister Wen Jiabao darum bis vor kurzem daran fest, den Kurs des chinesischen Yuan trotz großer Exportüberschüsse im Handel mit den USA zu drücken. Zehn Jahre lang, von 1995 bis 2005, brachte der Greenback in China stets genau 8,28 Yuan. Damit blieben Chinas Waren in Amerika billig und lockten Käufer wie den Einzelhandelsriesen Wal-Mart magisch an. Erst seit drei Jahren lassen Chinas Währungshüter den Kurs steigen, aber nur um höchstens drei Prozent jährlich.

Diese Art der Exportförderung kommt allerdings auch China teuer zu stehen: Die Zentralbank muss alle über Exporterlöse oder Investitionen ausländischer Firmen ins Land strömenden Dollar zum Festkurs kaufen, weil sonst ein Schwarzmarkt entstehen würde, der den amtlichen Kurs unterläuft. Die so erworbenen Dollar legt die Zentralbank wiederum in amerikanischen Wertpapieren an, obwohl sie dort kaum Zinsgewinne erwirtschaftet. So wuchs der Devisenschatz während des Jahres 2007 im Durchschnitt um mehr als eine Million Dollar pro Minute.

De facto finanziert auf diesem Weg ausgerechnet der US-Rivale China Amerikas militärische Abenteuer mit milliardenschweren Billigkrediten für die Bush-Regierung. Die aufgewandten Summen stimmen erstaunlich überein. Die Kriege in Irak und Afghanistan kosteten von 2003 bis Ende 2006 rund 400 Milliarden Dollar amerikanischer Steuergelder. Etwa im gleichen Zeitraum erwarben die Mitarbeiter der Devisenverwaltung am Pekinger Platz der Luftfahrt amerikanische Staatsanleihen und staatliche garantierte Pfandbriefe im Wert von 464 Milliarden Dollar.

Ähnlich groß sind die Summen, die sich die Ölförderländer am Arabischen Golf einen stabilen Dollarkurs kosten lassen. So haben die im Golfkooperationsrat zusammengeschlossenen Ölexporteure Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate nach Schätzung von Marktkennern bis Ende 2006 Auslandsanlagen im Wert von 1600 Milliarden Dollar angehäuft, davon mindestens ein Drittel in amerikanischen Wertpapieren und Beteiligungen. Noch einmal rund 1500 Milliarden Dollar halten die übrigen asiatischen Exportländer von Indien bis Japan, weil auch sie sich eine Aufwertung ihrer Währungen nicht leisten können, solange die chinesische Konkurrenz nicht mitspielt.

Für die US-Wirtschaft ist das Segen und Fluch zugleich. Kein Zinsschock zwingt Amerika zum Sparen. Immobilienkredite und Staatsschulden blieben vergleichsweise billig. Konsumgüter aller Art strömen zu niedrigen Preisen ins Land. Aber dafür reißt die Lücke zwischen Produktion und Verbrauch immer weiter auf. US-Konzerne lassen immer mehr Waren in Asien produzieren, die Importrechnung der Volkswirtschaft schwillt an. Das Leistungsbilanzdefizit erreichte im Jahr 2006 schon den Wert von 811 Milliarden Dollar und fiel auch im Krisenjahr 2007 nur wenig niedriger aus. Das entsprach 6,2 Prozent der US-Wirtschaftsleistung oder annähernd der gesamten Produktion des Schwellenlandes Mexiko – eine Quote, die sich nie zuvor eine große Wirtschaftsmacht geleistet hat.

Immer tiefer geraten die USA damit gegenüber dem Rest der Welt in die Kreide. Netto, also nach Abzug amerikanischer Anlagen im Ausland, standen die USA noch im Jahr 1996 mit nur 739 Milliarden Dollar in den Miesen, das entsprach rund zehn Prozent der damaligen Jahreswirtschaftsleistung. Zehn Jahre später betrug die Außenschuld jedoch bereits knapp fünfmal so viel, nämlich fast 3600 Milliarden Dollar, entsprechend etwa einem Viertel des Wertes aller Waren und Dienstleistungen, die in den USA jährlich produziert werden.

Wollte man diese Schulden tilgen, müssten zweieinhalb Jahre lang alle Exporterlöse der US-Wirtschaft dafür aufgewendet werden. Die Vereinigten Staaten „gleichen einem sehr großen lateinamerikanischen Schuldenstaat“, spottete darum die „Financial Times“. Und die Verschuldung wächst fortwährend an. Während des Jahres 2007 benötigte die US-Ökonomie jeden Tag mehr als zwei Milliarden Dollar Auslandskapital, um das erreichte Niveau von Verbrauch und Investitionen aufrechtzuerhalten – jeden Tag. Diese „globalen Ungleichgewichte“, wie die Finanzelite das Problem diskret umschreibt, sind auf Dauer ein enormes Risiko für die Weltwirtschaft.

Früher oder später wird diese Instabilität es erzwingen, ein neues globales Währungssystem zu vereinbaren. Denn sollte es je zu einem plötzlichen Vertrauensverlust in die US-Wirtschaft und ihre Währung kommen, könnte die Flucht aus Dollaranlagen eine weltweite ökonomische Katastrophe verursachen.

Die Zahlen in den roten Kästen sind wie der Text aus: Harald Schumann, Christiane Grefe: Der globale Countdown, KiWi, 456 Seiten, 19,90 Euro.

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