Glos-Rücktritt : "Für die SPD ist das eine Steilvorlage“

Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hat mit seinem Rücktrittsgesuch für Wirbel gesorgt. Mitten in der Wirtschaftskrise legt er sein Amt nieder. Warum gerade jetzt?

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Heinrich Oberreuter (66) lehrt als Politikwissenschaftler an der Universität Passau. Er gilt als Kenner der CSU und ihrer...

Herr Oberreuter, wie erklären Sie sich das Rücktrittsansinnen von Minister Glos zum jetzigen Zeitpunkt?



Ich kann mir nur vorstellen, dass Glos zutiefst verärgert war über eine Personaldiskussion hinter seinem Rücken. Eine persönliche Krise mit Kurzschlussreaktion allein kann es nicht gewesen sein. Über Medienberichte wurde ja bereits bekannt, dass sich Seehofer den Unternehmer Thomas Bauer als möglichen Nachfolgekandidat vorstellen kann. Für die personelle Verärgerung spricht auch die Vorgehensweise des Ministers. Es ist eher ungewöhnlich, ein Amt in die Hände des Parteivorsitzenden zurückzugeben, das eigentlich in die Hände der Bundeskanzlerin zurückgegeben gehört.

Frustriert ist Glos aber schon länger?

Michael Glos hat aus seiner Zeit als Landesgruppenvorsitzender große politische Leistungen vorzuweisen. Diese Erfolgsbilanz wurde im Nachhinein aber getrübt durch seine Ministerzeit. Ein Ressort, das er von Anfang an nicht wollte. In dem er schwer Fuß gefasst hat und speziell in den letzten Monaten auch ausgetrocknet worden ist, als das Gesetz des Handelns an Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück überging. Glos hat sich ja öffentlich darüber beklagt, dass ihn die Kanzlerin alleine lässt.

War bei alledem nicht auch Rachebedürfnis mit im Spiel? Glos muss doch gewusst haben, was er seinem Parteichef und der Kanzlerin mit seinem Vorstoß antut.

Ich habe mir abgewöhnt darüber zu spekulieren, ob ein Politiker seine Dinge konsequent zu Ende denkt. Im Falle von Glos müsste man, wenn man ihm gut will, wünschen, dass er es nicht getan hat. Ansonsten müsste man ihm nämlich ein destruktives Element unterstellen.

Was würde ein Rücktritt für die Kanzlerin und die Union bedeuten?

Die Union ist herausgefordert und weiß nicht zu reagieren. Das Signal ist: Wir muten euch Deutschen in der schwierigsten Krise seit Jahrzehnten zu, nicht angemessen repräsentiert zu sein auf dem schwierigen Feld der Wirtschaftspolitik.

Zeigt die Glos-Krise nicht überdeutlich, dass die Union Riesennöte auf dem Feld der Wirtschaftspolitik hat?

Das wissen wir ja schon seit längerem. Mit der Abhalfterung des früheren Fraktionschefs Friedrich Merz ist die Partei Ludwig Erhards zur Partei von Ludwig am Krückstock geworden. Statt sich am Papst zu reiben, hätte Merkel auch eine ordnungspolitische Diskussion lostreten können. Die findet aber nicht statt. Insofern hat Glos die inhaltliche Lücke jetzt noch einmal ganz deutlich gezeigt.

Und die SPD kann sich freuen …

Für die ist das alles natürlich eine Steilvorlage. Sie hat sich bisher schon als Garant für Stabilität präsentiert und der Union vorgehalten, weder über ein Konzept noch über das Personal zur Krisenbewältigung zu verfügen. Nun liefert die Union dafür auch selber den Beweis.

Was bedeutet das alles für Seehofer?

Für ihn ist das eine Riesenherausforderung. Da hat sich einer gegen ihn gestellt, ohne was gegen ihn zu sagen, also quasi nur durch Handlung.

Warum ist es so schwierig, einen Nachfolger für Glos zu finden?


Wer will schon zum jetzigen Zeitpunkt ins Bundeskabinett? Selbst wenn es nach der Wahl eine schwarz-gelbe Koalition gibt, weiß kein Mensch, ob die Union dann auch wieder das Wirtschaftsministerium erhält.

CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird seit Sonntagabend als möglicher Nachfolger für Michael Glos gehandelt. Wäre das eine gute Lösung?

Das wäre eine geradezu unerwartet geniale Lösung. Denn er repräsentiert keinen altgedienten Berufspolitiker, sondern er ist ein intellektueller, unabhängiger und junger Politiker, der dem Kabinett gut stehen würde und kein harter Parteipolitiker ist. Außerdem stünde die CSU mit dem Duo Ilse Aigner als Landwirtschaftsministerin und Guttenberg als Wirtschaftsminister sehr gut da und würde echten Neuanfang symbolisieren.

Und was würde diese Entscheidung über den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer aussagen?

Sie würde ihm entsprechen. Denn er hat zuletzt immer wieder mit seinen Personalien für Überraschungen gesorgt und sollte Guttenberg Glos tatsächlich nachfolgen hätte sich Seehofer am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen.

Aber Seehofer würde er sich doch auch Konkurrenz aufbauen?

So schnell geht das mit einem eigenständigen Machtzentrum gegen den Parteivorsitzenden nicht. Karl-Theodor zu Guttenberg ist noch sehr jung und bis der Seehofer gefährlich werden kann, ist der heutige CSU-Chef wahrscheinlich schon gar nicht mehr in der Politik.

Die Fragen stellten Christian Tretbar und Rainer Woratschka.

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