Zeitung Heute : Glossen und Kommentare zur Jugendkultur als Klassenarbeit

ANNETTE KÖGEL

BERLIN ."Das größte aber ist das Alphabet, denn alle Weisheit ist darin verborgen für den, der es zu lesen versteht." Diesen Wandspruch im Freiherr-vom-Stein-Gymnasium an der Spandauer Carl-Schurz-Straße hat sich die Klasse 9a zu Herzen genommen: Die 31 Schüler und Deutschlehrerin Ursula Gülzow-Linz gehören zu den über 230 Berliner Schulklassen mit 5500 Jugendlichen, die sich noch bis zum Sommer am Tagesspiegel-Medienprojekt "Klasse!" beteiligen.Vier Wochen lang lag morgens ein Exemplar auf jedem Schultisch.Die Jugendlichen legten Hefter mit den Infoblättern etwa zum Berliner Zeitungsmarkt und zur Geschichte dieser Zeitung aus dem vom Verlags- und Redaktionsteam erstellten "Klasse!"-Projektordner an.Sie schrieben eigene Glossen und Kommentare als Klassenarbeiten und guckten während einer Verlagsführung hinter die Tagesspiegel-Kulissen.Kürzlich präsentierten die Schüler das Tsp-Projekt im Schulfoyer.Den täglichen Zeitungspacken nahm Hausmeister Griebel in Empfang."Anfangs habe ich den Tagesspiegel zu Unterrichtsbeginn ausgeteilt, aber dann gab es kein Halten mehr.Deswegen bekamen die Schüler die Zeitung schließlich am Ende der Stunde", sagt Frau Gülzow-Linz.Was sie im Blatt am meisten interessiert? Unabhängig vom Ressort reizen Schülerin Juliane "spannende Überschriften.Wenn aber der Artikel am Anfang langweilig geschrieben ist, steige ich aus".Lisa nahm das Blatt stets mit nach Hause und vertiefte sich in den Kulturteil.Unterdessen teilen die hochbegabten Schnellerner des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums - sie legen das Abitur statt nach 13 schon nach zwölf Jahren ab - die Einschätzung vieler junger Leser: Die 13jährige Luise klagt, daß man einige Berichte ohne Vorkenntnisse nicht verstehe: "Ich finde ja interessant, was Politiker so von sich geben - aber müssen sie sich immer so hochtrabend ausdrücken?" Lola, Marcel, Hans, Ludwig, Shadan, Juliane, Vici, Benjamin und die anderen wünschten sich etwa eine "Seite für die Jugend", auf der komplexe politische Sachverhalte allgemeinverständlich aufbereitet werden.Die Spandauer "Klasse!"-Schüler betätigten sich im Zuge des Projektes selbst als Medienmacher."Eine Glosse zum Thema Fernsehtalkshows" hat Luise als Klassenarbeit zum Thema Jugendkultur geschrieben - und eine Eins dafür bekommen.Eine Glosse? "Das ist eine Stilform, bei der man versucht, Alltägliches witzig darzustellen", gibt die 13jährige Gelerntes wieder."Ich habe schon früher Tagesspiegel-Artikel als Vorlagen für Diktate benutzt", berichtet Deutschlehrerin Gülzow-Linz - jetzt versuchten sich die Schüler auch unabhängig von den monatlichen Tagesspiegel-Sonderseiten mit Schülertexten als Nachwuchsjournalisten.

Manchmal waren indes Werbe-Beilagen interessanter als die Zeitung - sie flogen durch den Raum, bis die Putzfrauen streikten."Da mußten wir den Klassenraum selbst fegen", erinnert sich die "Klasse!"-Klasse.

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