Zeitung Heute : Glücklich mit Stupsnäschen

Immer mehr Menschen legen sich für ein anderes Aussehen unters Messer

Elke Binder

SONDERTHEMA: SCHÖN UM JEDEN PREIS – WIE ÄRZTE DIE NATUR KORRIGIEREN

Sie leiden unter zu dicken Oberschenkeln? Kein Problem. Ein kleiner Einstich – und das Fett ist weg. Die Falten machen Ihnen zu schaffen? Keine Sorge. Ein bisschen Haut mit dem Skalpell entfernt, und das Gesicht ist wieder jugendlich straff. Die Nase, ein unförmiger Zinken, der Busen zu klein? Auch das muss nicht sein: Die Versprechen der Schönheitsmedizin sind groß.

Tatsächlich will sich eine immer größer werdende Zahl von Menschen nicht mehr mit ihren kleinen oder größeren Makeln abfinden. Der Trend aus den USA ist schon längst zu uns übergeschwappt: Ein gutes Aussehen ist zum käuflichen Gut geworden. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) wurden im vergangenen Jahr in Deutschland etwa 400 000 Operationen im Dienste der Schönheit durchgeführt. Tendenz steigend.

Patienten jeden Alters

Die Entwicklung geht quer durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. „Wir machen schon längst nicht mehr nur Promi-Medizin“, sagt Albert Hofmann, Präsident der DGÄPC. Ob Studentin, Sekretärin oder Unternehmer, sie alle wollen ihren Traum vom makellosen Äußeren verwirklichen – egal in welchem Alter. „Zu uns kommen Menschen zwischen 15 und 80 Jahren“, sagt Hofmann. Noch vor wenigen Jahren seien jedoch nicht so viele alte und junge dabei gewesen. Mittlerweile ist ein Viertel aller Beauty-Patientinnen unter 25.

Das ist nicht verwunderlich: Schönheit bedeute Glück und Erfolg, geben uns die Medien tagtäglich zu verstehen. Überall, in Hochglanzmagazinen, Werbung oder Fernsehserien, tummeln sich attraktive, junge und ergo erfolgreiche Menschen – und so macht der Trend auch vor dem „starken“ Geschlecht nicht halt. Jeder dritte Schönheitspatient ist mittlerweile ein Mann. Meist ist er im besten Alter, um die 40 oder 50, gebildet und gut verdienend. Vor allem der Bauchansatz und die Tränensäcke stören ihn.

Frauen wünschen sich dagegen vor allem ein Fettabsaugen an Po und Oberschenkeln, einen größeren Busen sowie zunehmend auch ein Stupsnäschen. Bei den Älteren gilt der Kampf den Falten. Sie alle profitieren von immer besseren Methoden. Früher bedeutete etwa ein Gesichtslifting lange Narben und eine maskenhafte Mimik. „Das können wir heute vermeiden, indem wir nicht nur die Haut, sondern vor allem die Muskulatur darunter straffen“, sagt Detlef Witzel, Sekretär der Vereinigung der deutschen plastischen Chirurgen (VDPC). Die immer kleineren Narben werden dabei im Haaransatz und am Ohr versteckt.

„Gute Schönheitschirurgie – das ist, wenn man nicht erkennt, dass der Patient überhaupt operiert wurde“, sagt Witzel, der unter anderem in der „Meoclinic“ im schicken Quartier 206 in der Berliner Friedrichstraße arbeitet. So werden Stirnfalten mittlerweile mit einem so genannten „endoskopischen“ Eingriff beseitigt, bei dem über einen nur Millimeter kleinen Schnitt alle Instrumente für die Straffung eingeführt werden. Kleinere Brustvergrößerungen können von der Achselhöhle aus vorgenommen werden. Und bei der „Liposuktion“ reichen Einstiche mit feinsten Kanülen, um die Fettpolster abzusaugen. Eine Vielfalt von sanfteren Methoden, wie Faltenunterspritzungen, kommt dazu.

Das Geschäft mit der Schönheit ist lukrativ. Und immer mehr Mediziner wollen daran teilhaben. Hausärzte, HNO- oder Zahnärzte, sogar städtische Krankenhäuser und eine wachsende Zahl von spezialisierten Kliniken, sie alle haben solche Operationen im Angebot. Verantwortlich dafür ist eine Gesetzeslücke: Im Prinzip darf jeder Allgemeinarzt alles und jeder Facharzt alles auf seinem Gebiet. Die Bezeichnung Schönheitschirurg ist nicht geschützt. Doch hat bei weitem nicht jeder Arzt, der sich so nennt, auch eine Ausbildung dazu.

Eine einheitliche Regelung soll her, fordern Patientenorganisationen – und einige ästhetische Chirurgen selbst. „Die Operationen ohne Facharztausbildung müssen durch die Ärztekammer endlich verboten werden“, sagt Hofmann, selber Schönheitschirurg in Ulm. Denn tatsächlich gibt es eine Ausbildung zum Plastischen Chirurgen. Sie dauert sechs Jahre. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte können eine Zusatzausbildung innerhalb von zwei Jahren erwerben. Doch das ist vielen zu lang. Den gut 500 Fachärzten für plastische Chirurgie stehen derzeit in Deutschland Tausende von Medizinern gegenüber, die sich das „nötige Wissen“ zum Fettabsaugen oder Faltenglätten in Wochenendkursen angeeignet haben, wenn überhaupt.

Das hat Folgen. „Ein Viertel der Patienten, die in meine Sprechstunde kommen, wurden schon einmal operiert“, sagt Hofmann. Die Hälfte von ihnen sei mit dem Ergebnis unzufrieden. Ihnen hätten gewinnorientierte Ärzte zu große Versprechen gemacht. Bei der anderen Hälfte sind Fehler unterlaufen. Die Liste der Verunstaltungen ist lang: Tiefe Dellen auf den Oberschenkeln, asymmetrisch hängende Pobacken, schiefe Augenlider oder hässliche Narben.

Eingriff am gesunden Körper

Letztlich können natürlich auch dem erfahrensten Operateur Fehler unterlaufen. Schließlich ist es immer ein Eingriff – noch dazu in einen gesunden Körper. Auch nach Monaten oder Jahren können noch Komplikationen auftreten. Zum Beispiel bei der Brustvergrößerung. Zwar konnte in den letzten Jahren die Struktur des Silikons erheblich verbessert werden. Doch noch immer kann es passieren, dass das Implantat vom Körper eingekapselt wird. Schmerzhafte Verhärtungen entstehen. Häufig ist dann eine erneute Operation notwendig.

Was kann also derjenige tun, der so sehr unter seinem Aussehen leidet, dass er dennoch eine Operation wagen will? Bei den etablierten Verbänden kann ein Facharzt in der Nähe, der über eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung verfügt, erfragt werden. Außerdem sollte der Patient immer auf einer Beratung bestehen. Sie sollte ausführlich sein – und realistisch. Hofmann: „Denn wir können zwar schöne Ergebnisse erzielen, ganz überlisten können wir die Biologie aber nicht.“

Weitere Informationen gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie, Tel. 0721 / 35 66 93 oder www.dgaepc.de , und der Vereinigung der deutschen plastischen Chirurgen, Tel. 885 10 63 oder www.vdpc.de .

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