Zeitung Heute : Glücklich unter Gleichgesinnten

Demenz-WGs helfen, den Alltag zu meistern.

Katrin Dietl

Vor kaum einer Erkrankung fürchten sich die Menschen im Alter so sehr, wie vor Demenz. Können die Angehörigen die Pflege nicht mehr übernehmen, beginnt die Suche nach Alternativen. Eine davon ist die Unterbringung in sogenannter Demenz- WG. Hier leben mehrere Patienten in einer Wohngemeinschaft. Jeder hat sein eigenes Zimmer; Küche, Wohn- und Badezimmer werden geteilt. Um die Versorgung kümmert sich ein vom Patienten, seinen Angehörigen oder seinem gesetzlichen Betreuer ausgewählter ambulanter Pflegedienst. Voraussetzung für den Einzug ist eine ärztlich diagnostizierte Demenz – möglichst in einem Stadium, in dem der Betroffene noch am Alltag teilhaben kann – und eine Pflegestufe. Grundsätzlich kann ein Patient bis zu seinem Tod in der Demenz-WG bleiben.

Das Unionhilfswerk, ein Träger der freien Wohlfahrtspflege in Berlin, arbeitet seit 2004 mit diesem Konzept. „Wir wollten eine alternative Wohnmöglichkeit für Menschen mit Demenz schaffen, die sich an ihrem Alltagsleben orientiert und ein größtmögliches Maß an Selbstbestimmung gewährleistet“, erinnert sich Regina Schreiber, Leiterin des Pflegedienstes Köpenick des Unionhilfswerks. Mittlerweile betreibt das Unionhilfswerk sechs Demenz-WGs in Berlin; sechs bis elf Personen leben hier zusammen. Die Kosten für die Zimmer orientieren sich am Berliner Mietspiegel und liegen im Rahmen des sozialhilferechtlich angemessenen Beitrags. Die Kosten für die ambulante Versorgung tragen, je nach Voraussetzung, die Pflegeversicherung, der Sozialhilfekostenträger oder der Patient privat. Die Kosten für die medizinische Versorgung übernimmt die Krankenkasse.

Die Bewohner der Demenz-WG gestalten den Tagesablauf mit. Sie helfen beim Tischdecken, beim Kochen oder bei der Vorbereitung von Festivitäten. Zudem finden Ausflüge statt. Es wird gesungen, gespielt, gebastelt oder vorgelesen. „Natürlich nehmen wir immer Rücksicht auf die individuelle Schwere der Demenz, aber soweit Teilhabe möglich ist, fördern wir sie aktiv“, erklärt Regina Schreiber.

Wird ein Platz frei, entscheidet der Angehörigenbeirat über dessen Vergabe. Um zu prüfen, ob der potentielle Neumieter sich in die Gruppe integrieren lässt, verbringt er einige Probetage in der WG. Mal mit seinen Angehörigen, mal allein. Das Verhältnis zwischen den Angehörigen und den Mitarbeitern des Pflegedienstes ist wichtig für gute Betreuung. Nicht nur, wenn es um administrative Dinge geht. Wenn die Demenz fortschreitet, hilft die Biografiearbeit mit den Nahestehenden, um besser auf die Bewohner eingehen zu können. Eine Demenz-WG ist sicher nicht für jeden geeignet, doch wer sein Leben lang aktiv und gesellig war, wird sich hier Zuhause fühlen. Katrin Dietl

Die Autorin ist Pressereferentin des Unionhilfswerks

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