Zeitung Heute : Glückskekse aus Amsterdam

Heute feiern auf der ganzen Welt Chinesen ihr Neujahrsfest. Das Jahr des Hundes beginnt. Ein Besuch in Europas ältester Chinatown.

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Von Esther Kogelboom

Man-Long trägt einen nach Weichspüler duftenden rosa Strickpullover, um von den deutlich sichtbaren Spuren der vergangenen Nacht abzulenken. Es ist zwei Uhr an diesem eiskalten, aber sonnigen Nachmittag, und seinen Koffie verkeerd hätte er am liebsten intravenös, über eine Kanüle direkt ins Blut. Hier, in seinem zweiten Wohnzimmer, der Bar 29, würde man ihm, wären die nötigen Gerätschaften vorhanden, diesen Wunsch vielleicht sogar erfüllen: Es ist schließlich der Tag nach Man-Longs 30. Geburtstag, da ist selbst sein sonst so kritischer Freund, der Barmann, nachsichtig.

„Chinatown“, sagt Man-Long und massiert sich die Schläfen, „Chinatown ist meine hood.“ Sein Gähnen kann sich nicht entscheiden, ob es ein heiseres Lachen oder ein Hustenanfall werden will. Es ist so, dass „hood“ wahrscheinlich die unzutreffendste Bezeichnung ist für dieses windschiefe Wohn- und Geschäftsviertel rund um Zeedijk und Nieuwmarkt, das mit seinen Backsteinhäuschen und den Booten, die gemächlich über das Wasser gleiten, auf den ersten Blick wie ein Postkartenmotiv wirkt. Auf den zweiten Blick beginnt die Straße, die sich wie eine gefräßige Schlange durch die enge Bebauung frisst, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Leuchtreklamen mit chinesischen Schriftzeichen blinken hier im ältesten Teil der Stadt auch tagsüber, in den Eetcafés hängen braungebratene Enten im Fenster, aus dem Tattoo-Shop dringt sich eine Wolke Patchouli, die sich an klaren Amsterdamer Tagen mit einer Brise Nordseeluft vermischt. Der Zeedijk verläuft streckenweise parallel zu den „Walletjes“, wo die Huren Dim Sum aus dem Pappkarton essen, während sie auf Kundschaft warten.

Dass Man-Long seinen Geburtstag überhaupt gefeiert hat, beweist: Er ist kein besonders chinesischer Chinese. Denn in China, so will es die Tradition, haben theoretisch alle am selben Tag Geburtstag. „Jedermanns Geburtstag“ liegt am siebten Tag der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten, die am heutigen 29. Januar beginnen. Wie das Neujahrsfest selbst fällt auch „Jedermanns Geburtstag“ jedes Jahr auf einen anderen Tag.

Der chinesische Kalender richtet sich an den Mondphasen aus, und obwohl die Volksrepublik eigentlich offiziell nach dem Gregorianischen Kalender lebt, ist das Neujahrsfest der wichtigste Feiertag, nicht nur in China selbst, sondern auch in den Chinatowns dieser Welt. In Amsterdam, wo die älteste chinesische Gemeinde Europas zu Hause ist, findet am zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende ein großes Fest statt. Diesmal endet das Jahr des Hahns, und das Jahr des Hundes beginnt.

Was das mit Man-Longs Leben zu tun hat? „Das Jahr des Hundes wird mir Glück bringen“, sagt er. Glück kann Man-Long gebrauchen: Er hat vor kurzem seinen Job in der Karaoke-Bar gekündigt, um als Kung-Fu-Stuntdouble Karriere zu machen. In holländischen Low-Budget-Produktionen war er bereits zu sehen, und jetzt will er für ein paar Monate nach Hollywood. Man-Long, der als Sohn eines chinesischen Einwanderers in Amsterdam geboren wurde, ist sich sicher, dass er Heimweh bekommen wird nach dem Zeedijk. Aber die Angst, dass er später bereuen könnte, es niemals woanders versucht zu haben, ist stärker. Und wenn es in Hollywood nicht klappt, kann er immer noch nach Hongkong, wo die Wirtschaft boomt. China ist mittlerweile die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.

Es ist fast 110 Jahre her, dass sich am Zeedijk die ersten Chinesen niedergelassen haben. Sie kamen als Matrosen oder Heizer mit den großen Dampfschiffen, die im Hafen anlegten. Auch sie wollten ihr Glück in der Fremde versuchen wie heute Man-Long. Mittlerweile leben rund 20 000 Chinesen im Viertel – vergleicht man den Zeedijk mit anderen Chinatowns wie denen in New York oder Paris, ist die chinesische Gemeinde Amsterdams eher klein, aber im Stadtbild unübersehbar. Manchmal überleben Traditionen in der Ferne länger.

Der wirtschaftliche Aufschwung in China ist Schuld daran, dass auch das kleine Reisebüro des Mr. Fong floriert. „Wir buchen fast ausschließlich Geschäftsreisen“, ruft der Mann im Anzug zwischen zwei Telefonaten. „Viele Holländer wollen in Hongkong Geschäfte machen.“ Später, in seinem Büro unter dem Dach des Geschäftshauses, in dem sich das Papier fast bis an die Decke stapelt, sagt Mr. Fong, er als Chinese habe nicht das Gefühl, gerade am falschen Ende der Welt zu leben. Er schwärmt von der multikulturellen Atmosphäre, die er an seinem Viertel schätzt: „Das gibt’s so nicht in Rom, das gibt’s nicht in Paris.“

Mr. Fong wirkt nicht wie jemand, der Zeit hat, sich sozialromantischen Träumereien von der harmonischen Multikulti-Gesellschaft hinzugeben. Auf diejenigen, die nach den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh das Ende der fast schon sprichwörtlichen niederländischen Toleranz prophezeiten, ist Mr. Fong trotzdem nicht so gut zu sprechen. Er sagt von sich, er sei ein unbeirrbarer Idealist, der am Zeedijk bleiben wolle – allein schon, weil er die Interessenvertretung der Unternehmer in Chinatown leite. Der 50-Jährige lebt in einem Vorort, fernab von Einbrüchen und Raubmorden, von denen er dann doch noch schnell erzählt, als er die Wendeltreppe herabbalanciert. Die Polizeistatistik verzeichnet für die Gegend keine Auffälligkeiten.

Für die jungen Amsterdamer ist Chinatown kein angesagtes Viertel – sie zieht es in die Clubs im östlichen Hafengebiet, wo die Stadt kein Postkartenmotiv mit Grachten, Giebelhäusern und Kopfsteinpflaster mehr ist, sondern eine weitläufige Ansammlung von Docklands, neuen Wohnkomplexen und leer stehenden Abbruchhäusern. Kneipen wie das „De Zon“ an der Geldersekade sucht man hier vergeblich, und viele der Häuser im östlichen Hafengebiet sind wesentlich jünger als der schlaffe Graupapagei, der in der Genever-Schänke zurzeit die härteste Mauser seines Lebens durchmacht.

Henry, der die Kung-Fu-Schule leitet, die auch Man-Long besucht, ist so etwas wie der Pate des Zeedijk. Er könnte jeden Mafioso in die Flucht schlagen. Was er nicht kann, ist unbehelligt durch sein Viertel spazieren. Henry wird an jeder Ecke erkannt, muss Hände schütteln, übers Wetter reden, in seinem Windschatten laufen Freunde und Schüler, schnell, er hat eine Klasse in der Sporthalle „De Pijp“. Und während dort im Erdgeschoss Fußball gespielt wird, trainieren eine Hand voll verschwitzter Jugendlicher im ersten Stock für den traditionellen Löwentanz, der am Neujahrstag die bösen Geister vertreiben soll.

Henry redet ohne Punkt und Komma, der Tee wird kalt, ohne dass er auch nur einen einzigen Schluck davon genommen hat. Vom Löwentanz erzählt er mit einer Überzeugungskraft, als könne er so die Parkgebühren in der Amsterdamer Innenstadt senken. Seine Assistentin zieht zwei Löwenhälften aus dem Hinterzimmer: Es sind weiße, über und über mit geheimnisvollen Zeichen bestickte und mit bunten Troddeln und Nähten verzierte Stoffbahnen. Die Schüler machen Dehnübungen, denn dieser Tanz erfordert nicht nur eine besonders große Konzentrationsfähigkeit, sondern beansprucht vor allem die Beine. Zwei Schüler passen in einen Löwen – der Vordermann lenkt den überproportionalen Kopf, der Hintermann lässt seine Bewegungen möglichst harmonisch ausgleiten. Der Löwe kann vorsichtig sein, frech, schüchtern oder anschmiegsam. Die Kunst sei, zwischen den verschiedenen Zuständen hin- und herzuwechseln, sagt Henry und rollt dabei so rasant mit den Augen, dass das Weiße im Halbdunkel der Turnhalle aufblitzt.

Das Mantra des Kung-Fu-Lehrers, der auf Curacao aufgewachsen ist und schon als kleiner Junge Jackie-Chan-Filme verschlungen hat, lautet: „It all comes from the middle.“ In Henrys Welt scheint wirklich alles aus der Mitte zu kommen, seine katzenartigen Bewegungen und das tiefe Lachen, das man am Telefon schnell für das einer in Würde gealterten Diva halten könnte. Nur bei drei Dingen versteht er keinen Spaß: Wenn neue Schüler seine Kampfkunst als Wellness-Methode missverstehen oder auf dem Schulhof nur damit angeben wollen, wenn jemand den Alten gegenüber respektlos wird – und wenn ein unbedarfter Tourist versucht, den Löwenkopf zu streicheln. „Das ist ein ebensolches Tabu, als würden Sie einem Fremden unvermittelt in den Schritt greifen“, sagt er. Dann werde der Löwe, in der chinesischen Mythologie sonst ein friedliches Tier, wütend. Denn der höchste Punkt am Löwenkopf ist unantastbar – er steht für die Ehre der Familie, das höchste Gut.

Tatsächlich funktioniert das Viertel um den Zeedijk über Familienbande, ist eine geschlossene Gemeinschaft, in der die Clans das Sagen haben. Da ist zum Beispiel das älteste Geschäft der Chinatown, der Supermarkt Dun Yong – eine eigene Welt, die sich in einem zerknautschten Eckhaus über vier Stockwerke hinzieht. Hier bekommt man von der daumennagelgroßen, winkenden Katze für 50 Cent bis zur mannshohen, güldenen Buddhastatue für 280 Euro fast alles. Man-Long kauft bei Dun Yong seine Glückskekse, Henry Teile seiner umfangreichen Martial-Arts-Ausrüstung. Der Dun-Yong-Markt ist neben dem neu erbauten buddhistischen Tempel so etwas wie der zentrale Punkt der Chinatown, hier trifft man sich jeden Tag, auch am Sonntag.

Kin-Ping Duns Großvater hat das Geschäft 1957 gegründet. Der war vorher ein von den Holländern so abfällig bezeichneter „Pindachinees“ gewesen – „Pinda“ bedeutet „Erdnuss“. In den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts lebten viele Amsterdamer Chinesen in großer Armut und konnten sich nur durch den Verkauf von selbst gebackenen Erdnusskuchen über Wasser halten. Kin-Ping Duns Vater führt das Geschäft seit Anfang der 70er-Jahre. „Es ist sein Reich“, sagt Kin-Ping nachsichtig und kontrolliert die Heizkörper im obersten Stockwerk des Hauses, von dem aus man wunderbar den Nieuwmarkt überblicken kann. „Jedes Ding hat den Platz, den es schon immer hatte.“

Kin-Ping hat Betriebswirtschaft studiert und sitzt als liberaler Abgeordneter im Amsterdamer Stadtteilparlament. Sein jüngstes Projekt: Er hat durchgesetzt, dass rund um den Zeedijk seit ein paar Monaten die Straßenschilder zweisprachig beschriftet sind. Außerdem engagiert er sich für ein Wohnheim für ältere Chinesen. „Wir müssen uns besser um die Alten kümmern“, sagt er – die Familienbande. Dann berichtet er stolz von all dem, was die Stadt für sein Viertel getan hat: In den 80er-Jahren habe sich noch nicht einmal die Polizei hierher getraut. Junkies und kriminelle Banden hätten das Straßenbild beherrscht. Erst durch rigides Eingreifen der Ordnungskräfte gegen Ende des Jahrzehnts habe sich das Umfeld verbessert. Heute hängen an jeder Straßenecke Überwachungskameras. Kin-Ping hält große Stücke auf das Prinzip Abschreckung.

Wenn er einen Wunsch frei hätte für das neue Jahr, würde er sich endlich die Baugenehmigung für das längst geplante Parkhaus schenken. „Früher“, sagt er, „war unser Problem die Kriminalität. Heute sind es die hohen Parkgebühren. Die Leute kaufen einfach lieber in den großen Zentren am Stadtrand ein.“ Am Zeedijk kostet eine Stunde parken 4,40 Euro. Im Frühjahr sollen die Preise wieder erhöht werden.

Kin-Ping hat für vieles eine Erklärung. Doch warum seine Landsleute traurige Lieder lieben, weiß er nicht. Aber es ist so, zumindest in der Karaoke-Bar, die in einer kleinen Seitenstraße liegt. Ein Mädchen singt mit zarter Stimme ins Mikrofon, das Publikum schweigt gebannt. Ein lieblicher Kontrast zu den betrunkenen Holländern, die in ihrer Landessprache herumgrölen – Pflaumenlikör gegen 10-Liter-Pitcher Heineken.

Karaoke ist ein lichtscheues Hobby, es ist weit nach Mitternacht. Auch Man-Long ist noch einmal an seinen alten Arbeitsplatz zurückgekehrt. „Für dieses Jahr zum letzten Mal“, sagt er. Und gähnt wie ein Löwe.

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