Zeitung Heute : „Glückwunsch, Mr. President“

Es schien wie vor vier Jahren zu sein: Wieder stand am Tag nach der US-Wahl der Sieger nicht fest. Doch dann gratulierte Kerry:

Malte Lehming[Washington]

Endlich. Die ganze Nacht hindurch hatte der Druck der Ungewissheit auf ihm gelastet. Erst schien der Sieg zum Greifen nahe, dann rückte er in weite Ferne. Am Vormittag dann beriet sich John Kerry mit Freunden. Was soll er machen? Weiter kämpfen und so tun, als gebe es noch Hoffnung? Oder akzeptieren, was nicht mehr zu ändern ist? Um kurz nach elf griff er schließlich zum Hörer. „Glückwunsch, Mr. President“, soll er gesagt haben. Knapp fünf Minuten dauerte das Telefonat. Kerry gab auf. Die Wahl war entschieden.

Dann fährt der Senator aus Massachusetts in seiner Heimatstadt Boston zur „Faneuil Hall“. Offiziell und vor der ganzen Nation gesteht Kerry seine Niederlage ein. Seine Stimme stockt. Er zeigt Gefühl. „Ich hoffe, dass wir die Spaltung des Landes überwinden und die Wunden heilen können“, sagt Kerry. Vor ihm sitzen enttäuschte, deprimierte Anhänger. Einige haben Tränen in den Augen. Diesmal ist die Trauer der Demokraten rein, keine Wut ist beigemischt über eine angeblich „gestohlene Wahl“ wie vor vier Jahren. Kerrys Rede geht ans Herz. Ergreifend sind seine Worte. „Verliert den Glauben nicht“, bittet er all jene, die ihm ihr Leben während des langen, harten Wahlkampfes gewidmet hatten.

Eine Stunde spricht der neue alte Präsident George W. Bush. Kann er den Graben, der das Land spaltet, überbrücken? Bush weiß, wem er seinen Wahlsieg verdankt – nicht etwa moderaten Wechselwählern, sondern der konservativen Basis. Sie konnte in hohem Maße mobilisiert werden. Darf er sich trotzdem konziliant geben?

Freude, Stolz, ja Überschwang erfüllen die große Halle im „Ronald Reagan Center“ in Washington. US-Fahnen werden geschwenkt. „Four more years“, skandieren die Anhänger des Präsidenten. Der spricht von einem „historischen Sieg“. Amerika trete in ein Zeitalter der Hoffnung ein. Dann wendet sich Bush direkt an seine Gegner, die Demokraten. „Ich brauche die Unterstützung aller Amerikaner“, sagt er und verspricht, alles zu tun, um auch das Vertrauen derer zu verdienen, die ihn nicht gewählt haben. „Wir sind ein Land, haben eine Verfassung und eine Zukunft, die uns zusammenhält.“ Es ist ein frommer Wunsch. Nur durch Taten lässt sich das Misstrauen der anderen Hälfte des Landes besänftigen.

Viele Fragen bleiben, das Zittern ist zu Ende. Der Wahlabend hatte die Nerven strapaziert. Nein, nicht schon wieder!, bangten alle. Kein Streit! Bitte, lass es einen Sieger geben! Erinnerungen wurden wach. Damals, vor vier Jahren, hieß es erst, Al Gore habe in Florida gewonnen. Doch die Gewissheit zerbröselte. „Too close to call“ – zu knapp, um eindeutig zu sein – sei das Ergebnis. Früh am Morgen wurde dann Bush zum Sieger gekürt. Auch das stellte sich als voreilig heraus. Schließlich wurde nachgezählt. Das dauerte quälende 36 Tage lang. Erst ein Urteil des Obersten Gerichts beendete die Prozedur. Bush siegte in Florida mit einem Vorsprung von 537 Stimmen. Amerika hat rund 280 Millionen Einwohner.

Auch vier Jahre später war das Ergebnis bis zum frühen Morgen offen geblieben. Der Bundesstaat Ohio stand auf der Kippe. Die dramatischen Nachwehen der Wahl hätten fast deren Botschaft verdrängt: Amerikas Konservative haben in beiden Häusern des Kongresses ihre Mehrheit ausgebaut. Selbst Tom Daschle, der führende demokratische Senator, musste sich in South Dakota geschlagen geben. Und eine beeindruckende Mehrheit der Amerikaner unterstützt Bush. Sein Vorsprung vor Kerry beträgt in absoluten Zahlen rund 3,5 Millionen Stimmen. Für Bush haben am Dienstag mehr Amerikaner gestimmt als je zuvor für einen anderen Präsidenten.

Was sind die Gründe dafür? Die Gegner des Präsidenten erliegen leicht der Versuchung, Ursachen aus dem Reich der Irrationalität zu vermuten. Demagogie, Manipulation, Angst: Das sind die Stichworte. Der Täuscher habe triumphiert, der Trickser. Mit raffinierter Rhetorik sei den Amerikanern eingeredet worden, Saddam Hussein sei in die Anschläge vom 11.September 2001 verstrickt gewesen und verfüge über Massenvernichtungswaffen. Alles Lüge. Dann habe sich Bush als Kriegspräsident stilisiert, den aus dem Amt zu jagen, lebensgefährlich für das Land sei. Und schließlich sei Kerry von einer reaktionären Medienwalze zerquetscht worden. Brutal, skrupellos, machtfixiert.

Wie viele Übertreibungen bergen auch diese einen wahren Kern. Doch es wäre anmaßend, die Amerikaner schlicht in Unbelehrbare und Verführte einerseits und Belesene und Aufgeklärte andererseits zu trennen. Wer Bush wählt, muss dumm sein – diese Gleichung strotzt vor Dummheit. In die Irre führt es ebenso, eine immer einflussreichere Gruppe bornierter Christen verantwortlich zu machen. Bush glaubt an Gott. In einem Land, wo in jedem zweiten Haushalt täglich Tischgebete gesprochen werden, ist das nichts Besonderes. Aber wenn dem Präsidenten gut 58 Millionen Amerikaner ihre Stimme geben, lässt sich das nicht durch einen Pakt von Pietisten erklären.

Ein Geheimnis von Bush besteht in seiner Authentizität. Zwei Fragen werden in Amerika oft gestellt. Mit welchem der beiden Kandidaten möchten sie lieber ein Bier trinken? Und: Wen ertragen sie die nächsten vier Jahre am ehesten jeden Abend im Fernsehen? Das ist der „living room factor“. Bush hat in diesem Punkt immer weit vor Kerry gelegen, da konnte der auf einer „Harley Davidson“ bei Latenight-Talker Jay Leno auf die Bühne donnern oder in Ohio im Jagdanzug mit einer Riesenflinte Gänse erlegen. Kerry spielte den Staats- und den Lebemann, umgab sich mit Vietnam-Veteranen und salutierte etwas theatralisch zum Dienstantritt – das war zum Auftakt seiner Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Boston. Er hat auf dem Sportrad gesessen und dem Surfbrett gestanden, den Baseball geschleudert und mit den „Red Sox“ gefiebert. Ja, ich bin einer von euch, ja, ich bin einer von euch, hämmerte er seinen Landsleuten ein.

Kerry fährt aus seiner Haut, wann immer er glaubt, dass es ihm nützt. Er hat in Vietnam gekämpft und sich zum Gegner des Krieges gewandelt. Er war gegen den ersten Golfkrieg und für den zweiten, will aber den Eindruck erwecken, es sei andersherum gewesen. Wäre Opportunismus nicht ein Teil seines Charakters, hätten ihm die Konservativen nicht dermaßen erfolgreich das Prädikat des Wendehalses anhängen können.

Bush ist das genaue Gegenteil. Bis zur Sturheit bleibt er sich treu. Vor 14 Tagen druckte das Magazin der „New York Times“ eine lange Charakterstudie über den Präsidenten. „Without a Doubt“ – ohne jeden Selbstzweifel –, lautete die Überschrift. Bush urteilt instinktiv, aus dem Bauch heraus. Unzählige Anekdoten, die neutrale Beobachter teils irritieren, teils erschüttern, belegen das. Joe Biden, ein enger Freund Kerrys, ist Senator der Demokraten. Er war bei Bush im Oval Office, einige Monate, nachdem Bagdad gefallen war. Biden erzählte dem Präsidenten von seinen Sorgen – die Rebellion, die geringe Truppenstärke, die Sicherheit der Ölfelder. Bush sagte, der Kurs sei richtig, basta. „Aber Herr Präsident, wie können Sie so sicher sein, wenn Sie wissen, dass Sie nicht die Fakten kennen?“ Bush stand auf, legte seine Hand auf die Schulter des Senators und antwortete ruhig: „Meine Instinkte, meine Instinkte.“

Einfältig, naiv, gefährlich: Geistesmenschen stößt ein solcher Mann ab. Sie verachten ihn. Auch der Autor des Artikels, Ron Suskind, geizt nicht mit hämischen Bemerkungen. Im Sommer 2002 traf er sich mit einem engen Berater von Bush. Dem warf er vor, die Regierung schotte sich hermetisch ab, habe sich in ihre eigene Welt zurückgezogen, den Kontakt zur Realität verloren. Der Berater entgegnete: „Wir sind jetzt ein Imperium, und wenn wir handeln, schaffen wir uns unsere eigene Realität. Und während Sie die noch analysieren, handeln wir schon wieder und schaffen neue Realitäten. Wir produzieren Geschichte – und Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sie zu studieren.“

Prinzipien, Macht, Überzeugung, Stetigkeit: Diese Mischung macht Bush für viele Amerikaner attraktiv. Selbst seine Fehler entsprechen dem Image. „Okay, der Irakkrieg mag falsch gewesen sein“, sagen moderate Republikaner. „Aber uns imponiert, dass Bush trotz allem Kurs hält.“ Suskind traf Ende 2002 Mark McKinnon, auch er ein langjähriger Berater des Präsidenten. „Ihr haltet Bush für einen Idioten, nicht wahr?“, fragte McKinnon. „Aber das schert uns nicht. In der großen, weiten Mitte Amerikas leben ganz normale Arbeiter. Die lesen keine liberalen Zeitungen. Dafür mögen sie die Art, wie Bush geht, redet, Vertrauen weckt. Sie glauben an ihn.“

Der Texaner strömt etwas Einfaches, Anti-Elitäres aus. Wenn ihn Intellektuelle wegen seiner Syntax verspotten, fühlt sich das Volk getroffen. Kerry ist für sie der neunmalkluge Schönredner, der seine Haare föhnt, um wie John F. Kennedy auszusehen. „Strong and wrong beats weak and right“ – stark und falsch schlägt schwach und richtig: Vor diesem Effekt hatte Bill Clinton seine Parteifreunde gewarnt. Kerry war ein Kompromiss. Warm wurde niemand mit ihm. Doch allein er, hieß das Kalkül, könne Bush schlagen. Vietnam-Vita plus Polit-Erfahrung sollten den Ausschlag geben.

Kopf-Kandidat trat gegen Bauch-Präsident an. Nie fand das Duell auf derselben Ebene statt. Hinzu kommt, dass Amerikaner andere Bilanzen ziehen als der Rest der Welt. Beispiel Irakkrieg: Von Außen betrachtet, ist die Bilanz der Invasion verheerend. Die Kriegsgründe erwiesen sich als falsch, für die Besatzung fehlte der Plan, der Kampf gegen den Terror wurde eher geschwächt als gestärkt. Doch 80 Prozent der Amerikaner haben den Krieg unterstützt. Das wiederum hatte weniger mit Fakten als mit Psychologie zu tun. „Nine-Eleven“ war ein derart gravierender Schock, dass der Grundsatz galt: In Zeiten des Terrors führen wir lieber einen Krieg zu viel als einen zu wenig. Saddam Hussein war ein Amerikahasser und Cheftyrann in der arabischen Welt. Als Ziel war er ideal. Aktionismus verband sich mit Rachedurst. Das mag sich im Nachhinein als Debakel erweisen, die Motivation des Präsidenten indes nehmen ihm viele Amerikaner nicht übel. Sie verzeihen ihm diesen Fehler, weil sie ihn als Folge der Erschütterung verstehen, die die eingestürzten Türme in New York verursachten.

In seiner letzten Ausgabe vor der Wahl gab auch der „Economist“ eine Empfehlung ab. Das britische Magazin hat Bush lange die Treue gehalten. Den Irakkrieg befürwortet es bis heute. Die Überschrift des Artikels brachte die Alternative auf den Punkt: „The incompetent or the incoherent?“ – der Unfähige oder der Verwirrte. Die Redakteure rangen mit sich. Schließlich stimmten sie „schweren Herzens“ für Kerry. Den Hauptgrund könnte man als Akt der politischen Hygiene bezeichnen. Für die Skandale – Stichwort Guantanamo – müsse es endlich einen Verantwortlichen geben. „Nach drei Jahren Turbulenz und Transformation ist nun die Zeit der Konsolidierung und Disziplin gekommen“, schreibt das Blatt. Amerikas moralische und praktische Autorität müsse wiederhergestellt werden.

Mehr als die Hälfte der Amerikaner sieht das anders. Das ist weder irrational noch unmoralisch. In seiner kleinen Schrift „Von der Methode“ beschrieb der französische Philosoph René Descartes im Jahre 1637 die Vorteile eines strikten Kurshaltens. „Mein zweiter Grundsatz war, in meinen Handlungen so fest und entschlossen zu sein wie möglich“, schrieb Descartes, „und den zweifelhaftesten Ansichten, wenn ich mich einmal für sie entschieden hätte, nicht weniger beharrlich zu folgen, als wären sie ganz gewiss. Hierin ahmte ich die Reisenden nach, die, wenn sie sich im Walde verirrt finden, nicht umherlaufen und sich bald in diese, bald in jene Richtung wenden, noch weniger an einer Stelle stehen bleiben, sondern so geradewegs wie möglich immer in derselben Richtung marschieren.“ Denn dadurch, so Descartes, „werden sie, wenn sie nicht genau dahin kommen, wohin sie wollten, wenigstens am Ende irgendeine Gegend erreichen, wo sie sich wahrscheinlich besser befinden als mitten im Wald“.

Am 11.September 2001 wurden etwa 3000 Amerikaner Opfer des größten Terroranschlags in der Geschichte. Die Wucht dieser Erschütterung wirkt bis heute nach. Guantanamo, Irakkrieg, Folteraffäre: Auf ihrem Weg aus dem Wald zertrampelt die letzte Supermacht viel Ansehen. Am Dienstag hat sie beschlossen, unverdrossen weiter in dieselbe Richtung zu marschieren. Sie scheut die Lichtung und sehnt sich doch nach ihr.

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