Zeitung Heute : Götter in Weiß auf Urlaub

Barbara Bierach

Mediziner haben‘s echt nicht leicht. Entweder die Leute haben schreckliche Angst vor ihnen, wie das kleine Mädchen aus dem Freundeskreis. Sie ist erst elf und fällt sofort um, wenn sie Blut sieht. Spritzen haben einen ähnlichen Effekt. Inzwischen wird ihr schon beim Anblick eines weißen Kittels schwummerig. Ihr Kinderarzt bringt sie deswegen immer gleich in die Waagrechte, bevor er nur Guten Tag sagt. Andere Leute sind so begeistert von jedem Doktor, der ihren Weg kreuzt, dass sie ihm gleich mit ihrer ganzen Leidensgeschichte auf die Pelle rücken. Beide Sorten von Patienten braucht kein Mensch.

Am schlimmsten sind jedoch Nicht-Patienten. Sagt zumindest Annette, auch aus dem Freundeskreis. Sie lebt mit einem Medizinprofessor zusammen und kam eben wieder leicht genervt aus den Ferien zurück. Wenn die beiden verreisen, passiert immer das gleiche: Im Hotel sitzen sie mit irgendwelchen Herrschaften zusammen und unausweichlich kommt irgendwann die Frage: „Was machen Sie so beruflich?“ Wenn sich ihr Liebster dann als Arzt outet, ändern sich die Inhalte des Gesprächs schlagartig. Scheinbar kerngesunde Leute, die gerade noch mit ihrer persönlichen Erstbesteigung des Plattkofel geprotzt oder die soeben in 35 Metern Tiefe besichtigte Unterwasserwelt lyrisch besungen haben mutieren zu Todgeweihten. Aus Helden werden gebeugte Gestalten, die mit dem letzten Atemzug dem Erholung suchenden Medicus nicht nur die eigene Krankengeschichte erzählen, sondern die von sämtlichen Bekannten.

Selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass sich der Herr Professor nicht nur selber für den lieben Gott hält, sondern dass er tatsächlich der liebe Gott ist. Allwissend, wenn nicht gar allmächtig, kann er doch mal eben zwischen Hauptgang und Dessert die vom Kollegen verordnete Therapie kommentieren. Beim Barte des Hippokrates, am besten er schiebt mal kurz Rotweinglas und Besteck beiseite und dafür heilende Hände über den Tisch. Die Sehnsucht nach Anteilnahme geht manchmal so weit, dass so ein Hypochonder auf sein Zimmer verschwindet und kurz drauf mit seinen gesamten Medikamenten wieder auftaucht. Am besten sind die Pseudo-Moribunden mit den losen Tabletten in schwitziger Hand: „Die gelbe hier, die nehme ich für meinen Blutdruck.“ Es gibt ja bloß ein paar tausend Präparate und so ein Arzt weiß dann schon: Gelb und gegen Hypertonie? Ach so, ah ja, alles klar: „Übermorgen ist alles wieder gut!“

Also: Wer eine vernünftige Antwort will, der frage bitte nicht einen Arzt oder Apotheker, der sich gerade im Urlaub befindet. Und schon gar nicht, wenn der Weißkittel eine schöne Frau namens Annette dabei hat. Der nächste Urlauber, der von ihrem Schatz eine Diagnose will, wird nämlich augenblicklich erwürgt. Ihr Liebster hat ja heilende Hände und seinen Notfallkoffer dabei.

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