Zeitung Heute : Gold, Selbstbeweihräucherung und Myrrhe

Markus Feldenkirchen

Das mit dem Möllemann war natürlich immer wetterabhängig. Aber der liberale Himmel ist derzeit weitgehend wolkenfrei, die Sterne stehen gut, und unten steht das FDP-Präsidium um ihren Boss Westerwelle und guckt nach oben in den Himmel über Stuttgart. "Wo ist Möllemann", fragt der Baden-Württemberger Walter Döring, der Möllemanns Wahlziel 18 Prozent als Einziger unter den FDP-Granden im Bereich des politischen Witzes ansiedelt. Doch da baumelt schon etwas unterm Fallschirm heran, die "18" auf dem blaugelben Leibchen sieht man auch bereits. "Geht mal zur Seite, wir wollen auch ein bisschen Spaß haben", sagt Boss Westerwelle zu den Kameraleuten und begrüßt seinen tollkühnen Flieger später mit den Worten: "Schön, dass Sie gut gelandet sind." Und gut. Ende erster Akt der liberalen Inszenierung mit dem Titel "Dreikönigstreffen". Weiter geht es drinnen im Staatstheater, das Möllemann stilecht im Springergewand betritt, auch wenn er darin aussieht wie eine gut gestopfte Siedewurst. Aber auch sonst gibt es viel zu lachen auf der Bühne.

Vorhang auf für dieses Schaulaufen der Selbstbeweihräucherer, dieses Motivationsseminar für aufstrebende Liberale. Die FDP ehrt wieder nicht die drei Könige, sie ehrt und feiert sich selbst. Tina Turners "Simply the Best" dröhnt originellerweise zu Beginn durchs Staatstheater. In einem Wahljahr ist dieser Einschwörungritus besonders wichtig. Aber haben ihn die Liberalen überhaupt nötig? Irgendwie strotzen hier alle so vor Zuversicht, dass man gar nicht stören will mit den üblichen Miesmacher-Fragen. Etwa, was denn sei, wenn man die von der Union enttäuschten Wähler wieder verlieren sollte, weil die sich nach Lösung ihrer komischen K-Frage wieder berappelt. Oder, wie glaubwürdig man als liberale Bürgerrechtspartei dasteht, wenn man gleichzeitig mit dem Überwachungs-Fetischisten Schill in Hamburg paktiert? Solche Fragen stören und werden deshalb in den Sonntagsreden ignoriert.

Und sonst? Langweilig irgendwie, dieses Dreikönigstreffen, witzeln erfahrene Parteirecken, die schon selbst so manche Intrige rund um Dreikönig ausgetragen haben. Nichts von der Brisanz des letzten Jahres, als Westerwelle vor Stuttgart kurz der Ruf des Vatermörders anzuhaften drohte, weil er den glücklosen Wolfgang Gerhardt allzu ungestüm vom Verzicht auf den Parteivorsitz überzeugt hatte. Damals musste er sich dem Parteivolk am Dreikönigstag deshalb ganz bescheiden vorstellen, als der nette Guido von nebenan. Inzwischen ist er der Parteichef und hat Möllemanns Ende der Bescheidenheit, die Strategie 18, zum politischen Programm erhoben, so überzeugend scheinbar, dass selbst die Akademiker in der Partei begeistert folgen.

Kein Westerwelle also, der um die Gunst seiner Funktionäre betteln muss. Laut, sich seiner gewiss, genüsslich gehässig zelebriert er seine knapp einstündige Dreikönisrede. Brust und Bauch nach vorne wiegend, Hals und Nacken nach hinten gelehnt, erzählt er Anekdoten. Egal, wo Westerwelle in diesem Jahr sprechen wird. Überall wird er wie hier in Stuttgart mit der Begrüßungsformel beginnen, dass er seine Zuhörer heute das letzte Mal als Vorsitzender einer Oppositionspartei begrüße. Aber das ist artig im Vergleich zu dem, was Birgit Homburger sagt, die neue liberale Hoffnungsdame, weil Frau und jung. Sie wünsche sich, dass der Vizekanzler nach den Wahlen Guido Westerwelle heiße, sagt sie. "Mir ist völlig egal, wer unter ihm Kanzler wird." Soweit sind sie also schon. Alles irgendwie logische Konsequenz der Strategie 18, die hier noch einmal inszeniert wird.

Zu einer Inszenierung gehört natürlich auch etwas Musik. Und deshalb ist der Erich Erber mit Band und seiner roten Fliege auf dem Dreikönigsball. Wie die elf Jahre davor auch. Erber ist eine der letzten Konstanten in der Partei. Auch er ist, wenn man so will, trotz seiner 68 Jahre ein Protagonist der Spaßgesellschaft, aber doch einer älteren. Sonst würde er mit seiner Band jetzt nicht "Hello again" spielen und seine Musikanten nicht so funkelnde Show-Jacketts tragen lassen. Folgt man aber seinen Ausführungen, muss man wirklich glauben, dass ein Ruck durch die Liberalen gegangen ist. Erber kommt viel rum, spielt oft an prominentem Ort und kann deshalb gut vergleichen. "Top!" sagt Erber über die Partylaune der Liberalen, "unglaubliche Stimmung" und dass es in letzter Zeit immer besser geworden sei. "Einfach top!"

Die Topthemen für den Wahlkampf werden in Stuttgart übrigens auch noch schnell angerissen: Natürlich wird man dem Kanzler die Arbeitslosen und sein altes Versprechen um die Ohren hauen und zeigen, wie man es besser macht: mit Steuersenkung, mit 630-Euro-Jobs ohne Sozialbeiträge, und einer besseren, weil mobilitätsfreundlicheren Verkehrspolitik. Am meisten aber reden sie über die Bildungspolitik. Die ist Westerwelle so wichtig, dass er die "personelle und programmatische Verantwortung" für dieses Ressort in Stuttgart erstmals für die FDP einfordert. Schön. Die Union bleibt in dem politischen Rundumschlag quasi unerwähnt. Nur eine kleine Spitze gegen deren Kandidatenquerelen leistet sich Westerwelle. Dabei verfolgt die FDP-Führung gerade diese Frage mit großem Interesse.

Offiziell sind ihm beide Kandidaten "gleich lieb", sagt Westerwelle über den K-Kampf in der Union. Wenn man dann aber etwas tiefer hineinhorcht in die Riege der Parteilenker, stößt man schon auf den Wunsch, Merkel möge es doch bitte werden, weil die FDP dann viel stärker mit ihrer Wirtschaftskompetenz wuchern könne als bei Stoiber. Die Merkel sei doch quasi sozialdemokratisch, wird man dann spotten, um möglichst viele Stimmen zu bekommen und dann mit den echten Sozialdemokraten zu paktieren. Oder doch mit der Union? Vor September wird man dies nicht erfahren, weil die FDP zurzeit wirklich so etwas wie geschlossen ist, ohne Quertreiber auskommen darf und sich bis zur Wahl auf die Zauberformel "Äquidistanz" zu beiden Volksparteien verständigt hat. Mit wem man dann später regiere, das sei doch nicht das Thema, ruft Westerwelle ins Staatstheater. "Eben doch", ruft ein Vorwitziger zurück. Aber eben nur ein Vorwitziger.

Man darf bei dieser Frage natürlich erneut ein wenig rumgrübeln, ob das nicht auch was mit Beliebigkeit zu tun hat, dieses Egal-mit-wem, Hauptsache Macht. Der Rest macht nix. Aber dann muss man auch wieder aufhören mit dem Grübeln, sich daran erinnern, dass die FDP schon im vergangenen halben Jahrhundert oft hin- und hergewechselt ist und muss feststellen, dass es vielleicht doch auch zum Wesen, zu den, naja, Tugenden der Liberalen gehört, offen für alles zu sein.

Auch Erber war ja ganz begeistert von der Vielseitigkeit dieser Partei. "Was sehr gut für uns ist", hat der Band-Chef erst sehr geheimnisvoll begonnen und es dann rausgelassen: "Die tanzen sehr breit." Da könne er aufspielen was er wolle, "von Lateinamerika bis Standard", die kommen mit allem zurecht. Dann musste er wieder auf die Bühne. Hello again. Der Vorhang fällt und alle Fragen offen.

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