Zeitung Heute : Goldene Zeiten

In diesem Jahr bekommt Neumarkt in der Oberpfalz ein Literaturcafé, ein Museum und renoviert seine Schule. Von Haushaltsnotstand keine Spur. Die Bewohner, sagt der Oberbürgermeister, sollten sich in ihrer Stadt wohlfühlen, wie in einem Hotel. Wie macht der das?

Kirsten Wenzel[Neumarkt]

Es ist ein wenig so, als wäre man mit einem gut gelaunten texanischen Ölbaron auf seiner neuen Ranch unterwegs. Das da haben wir vor kurzem gekauft, sagt der Oberbürgermeister, und das und das da auch. Sein kräftiger Arm schwenkt zügig von ganz links nach ganz rechts, zeigt erst auf ein gelbes, dann auf ein braunes Haus, und dann auf eine Baulücke. „Das schöne Haus da“, sagt Alois Karl beim Abbiegen in eine Gasse und zeigt nun auf eine Fachwerkruine, schief und krumm, „das kann man doch nicht einfach verfallen lassen.“ Und für einen Moment weicht sein kerniges Bergsteigerlächeln der ernsten Miene der Entschlossenheit. Das einzige Haus in Neumarkt mit Fundamenten aus dem 13. Jahrhundert, einfach abreißen? Das geht nicht. Das finden‘s doch auch, oder? Klar, kostet 950000 Euro, auch in Neumarkt können wir das Geld nicht aus dem Fenster werfen. Trotzdem, „des passt scho“, sagt der OB von der CSU und lacht schon wieder.

Soll heißen – dafür reicht das Geld im Stadtkästl gerade noch. So, wie für das neue Literaturcafé und für die Sanierung des Stadtmuseums. Das neue Haus der Jugend und die Hauptschulrenovierung für mehr als sieben Millionen Euro. Die Ortsumgehung für 15 Millionen, die große Stadt- und Kongresshalle für 15 bis 20 Millionen und das Kunstmuseum. Alles geplant für 2004, ein ganz normales Haushaltsjahr. Willkommen in der verkehrten Welt von Neumarkt. Der Welt, in der es ziemlich viel Spaß machen muss, Oberbürgermeister zu sein.

Mitten in der Oberpfälzer Provinz liegt die Stadt, in der so vieles anders ist als im Rest der Republik. Umrahmt von dunklen Wäldern, 50 Kilometer südlich von Nürnberg, an der Bahnstrecke nach Regensburg. Die reiche Stadt Neumarkt, manche sagen sogar, sie sei die reichste in Bayern. Nicht, weil hier rechnerisch die meisten Millionäre wohnen würden, so wie man es früher einmal von Starnberg sagte. Im Gegenteil: Die Bürger Neumarkts sind in der Regel Angestellte, Facharbeiter und kleine Selbstständige. Reich sind in Neumarkt nicht die Steuerzahler, reich ist die Kommune. Ihr fehlt etwas beinahe völlig, was sonst die Mehrzahl aller Städte in Deutschland auf das Misslichste bedrückt: Schulden. Der elende Teufelskreis vom Abstottern alter Verbindlichkeiten und dem Anhäufen neuer.

Gespart in den fetten Jahren

Auf jeden der 40000 Bürger Neumarkts fallen 30 Euro Schuldenlast, in Berlin sind es mehr als 11000. Und auch die 30, versichert Alois Karl, könnte der Kämmerer der Stadt, Josef Graf, jederzeit und leicht beseitigen, wenn es ihm finanztechnisch opportun wäre. Aber reiche Leute, erklärt der Kämmerer später am weißen Besprechungstisch oben im Rathaus, die haben schließlich auch ein paar Schulden. Die gehören einfach dazu.

Jeder in der Stadt weiß, dass das kleine Minus nicht bös drückt, weil ja das „Sparschweinderl“ seit Jahren gut gefüllt ist. Richtig prall muss es sein: Seit 1990 hat sich sein Inhalt verdoppelt, so viel ist bekannt. Und das, obwohl die Neumarkter mehr als 400 Millionen Euro ausgegeben haben – für neue Schulen und Kindergärten, für städtische Seniorenresidenzen, einen Busbahnhof, die Rathausrenovierung, und den aufwändigen Umbau ihres im ganzen Land bekannten Konzerthauses, dem Reitstadel.

Verausgabt haben sie sich nicht dabei: Wie viel nun genau, möchte man später im Rathaus vom Kämmerer wissen, im Sparschwein denn nun drin ist – eine Zeitung schrieb von 50 Millionen, die es sein müssten, überschlage man die Investitionen für die nächste Zeit? Josef Graf, der Herr der Zahlen von Neumarkt, amüsiert sich trefflich über solche Fragen. Was im Schweinderl ist, sagt er, das ist kein Geheimnis. Der Bürgermeister weiß es schließlich, und ich weiß es auch. Ich sag‘s Ihnen nur nicht. Den Scherz macht er besonders gern. So sind sie, die Lenker der Geschicke in der Oberpfalz – man braucht eine Weile, um sich daran zu gewöhnen: Sie müssen nur an ihre Ersparnisse denken und schon kriegen sie gute Laune. Warum da ein Spielverderber sein und auf der Auskunft bestehen?

Wichtiger ist doch: woher nur dieser ganze Reichtum? Das fragen sich nicht nur die Nachbarn in Nürnberg, Erlangen und Bayreuth, wo längst Haushaltssperren in Kraft sind, Schwimmbäder und Bibliotheken geschlossen werden mussten und die Straße nur noch einmal im Monat gekehrt wird. Können die Neumarkter zaubern?

Sparsam muss man sein, es ist nicht so weit her mit der Magie, sagt der Bürgermeister auf dem Weg zurück in sein Büro. Es ist glatt und windig an diesem Januartag, dazu noch Schneeregen. Alois Karl stemmt sich mit seinem Neumarkt-Werberegenschirm gegen den Sturm. Man darf, sagt er und bietet den Arm fürsorglich zum Unterhaken, eben nur ausgeben, was man hat. Ein guter Rat, wenn man solche Vorgänger hat wie Karl, die etwas übrig gelassen haben von den Einnahmen der fetten 80er Jahre, vorsichtige Kämmerer, die nicht dachten, es müsse immer so weitergehen. Neumarkt hat sich nie die ganz fetten Fische für seine Gewerbegebiete angeln können, heute muss man sagen: zum Glück. BMW, Siemens, Eon, Infineon, die haben ihre Werke in Regensburg, Nürnberg oder Erlangen.

In Neumarkt siedelte nur der Mittelstand, Firmen wie die Pfleiderer AG, die Spanplatten herstellt und Bahnschwellen aus Beton, die Baufirma Bögl oder der Blitzableiterproduzent Dehn & Söhne. Die zahlen auch heute noch ihre Gewerbesteuer in Neumarkt, jedes Jahr 13 Millionen Euro, während Großbetriebe in den anderen Städten ihre Gewinne mit ihren Verlusten an anderen Standorten auf null rechnen. Und: kein Gewinn, keine Steuern. Einbrüche in der Gewerbesteuer von 100 auf 46 Millionen Euro hatte Regensburg in den letzten Jahren zu verkraften, von Siemens und BMW kam kein Cent mehr. Das auszugleichen schafft kein Kämmerer, Regensburg hofft jetzt auf Nothilfe vom Bund.

Sind die Neumarkter, 70 Kilometer entfernt, also bisher einfach verschont geblieben vom rauhen Wind der Globalisierung? Etwas mehr steckt schon dahinter, erklärt der Kämmerer. „Die Stadt hat zum Beispiel seit 27 Jahren die Gewerbesteuersätze nicht erhöht. Sie beschäftigt ein Drittel weniger Personal als die Städte im bayerischen Durchschnitt. Macht statt 16 nur 12 Millionen Euro für Personalkosten, die übrigen vier können ausgegeben werden. Über die Jahre addiert sich das.“ Und dann kann man schließlich auch noch Geld verdienen als Stadt – mit dem Kauf und Verkauf von Bauland. Ein Geschäft, bei dem die Neumarkter offenbar seit Jahrzehnten ein überaus glückliches Händchen haben. „Du musst schon mit dem Bauern richtig verhandeln können“, sagt Graf, „vielleicht will der gar kein Geld, sondern lieber ein Tauschgrundstück. Das Ganze muss in jedem Fall so sein, dass am Ende alle profitieren. Der Bauer, die Stadt, das Unternehmen oder die jungen Häuslebauer.“ Baugrund verkauft die Stadt Neumarkt seit Jahren ein Drittel unter dem Verkehrswert und konnte so nicht nur viele Firmen anlocken, sondern auch seit 1972 die Einwohnerzahl – und die Zahl der Einkommensteuerzahler – verdoppeln.

Es gibt noch einen letzten Punkt, es ist nicht der Unwichtigste. Eine Stadt, die Geld hat, bekommt auch besonders viele Zuschüsse von Bund und Land, so will es das Prinzip der kommunalen Kofinanzierung. 75 Prozent der 15 Millionen Euro für die Ortsumgehung brauchen die Neumarkter nicht selbst aufbringen, die kommen aus anderen Töpfen. Töpfe, in die verarmte Kommunen nicht mehr greifen können, weil sie ihren Eigenanteil nicht auf den Tisch legen können. Wer hat, dem wird gegeben, so steht es schon im Matthäus-Evangelium. Oder, wie es der Trendfriseur Lux in der Rosengasse zusammenfasst: „Wer nix heirat’ oder erbt, bleibt arm bis er sterbt.“

Vormittags treffen sich die Neumarkter in aller Ruhe vor schwarz gerahmten Spiegeln im Salon von Karl-Heinz Lux, dem Weltbürger in der Provinz, mit schönen silbergrauen Locken und einer der besten Kaffeemaschinen der Stadt. Den Cappuccino serviert Lux mit seinem Namenszug aus gesiebtem Kakao auf dem Milchschaum. Er hat schon überall gearbeitet, als Ausbilder und als Leiter von großen Salons, in München, in Stuttgart, im Ausland. „Superschön, superkreativ, echt heiß“ sei das gewesen. Zum Schluss ist er nach Neumarkt zurückgekommen. Perfekt, nicht zu groß und nicht zu klein sei die Stadt. „Man verliert nie die Übersicht und bekommt auch nicht so schnell Platzangst.“ Im Salon wird gekichert, als Lux erzählt, wie er beim letzten Besuch in Berlin mit der „Radelrikscha“ vom Kudamm ins Adlon gefahren sei, mit einem echten Berliner am Pedal, so einem mit Walrossbart. Dann erzählt er ein paar weniger lustige Geschichten von der großen Stadt. „Ich wusste gar nicht, dass es Neumarkt so gut geht, im Vergleich“, sagt eine Kundin. Wenn man hier wohnt, kommt es einem normal vor. Sechs Prozent Arbeitslosigkeit, städtische Kredite für junge Familien, kostengünstige Räume für Existenzgründer, ein Ganztagesplatz im Kindergarten für 90 Euro, unabhängig vom Einkommen und ohne Wartezeit. Ist das anderswo denn nicht so?

Ein Patentrezept haben sie nicht

Ihre Fahrräder stellen die Neumarkter in einem architektonischen Kunstwerk aus Plexiglas am Bahnhof ab. Sie sind Vereinsmitglieder aus Leidenschaft, und vielleicht ist das ihr wahrer Reichtum, die Verbundenheit mit ihrer Stadt. Mehr als 300 Vereine gibt es. Allein elf widmen sich dem Obst- und Gartenbau, pflegen ehrenamtlich das Gelände der Landesgartenschau. Es gibt die Kakteenfreunde, den Reisebrieftaubenverein, den Klöppelstammtisch, den Raucher-Club Germania und die „Initiative für gesunde Luft in Neumarkt“. Privat schätzen die Neumarkter die Gabe, auf dem Boden zu bleiben. Über den Antiquitätenhändler, der seine Englische-Landhaus-Villa gut sichtbar an die Hauptstraße gebaut hat, machen sie ihre Scherze, wie über die Designertoiletten, die ihnen der Bauboom der letzten Jahre beschert hat.

Ein Patentrezept für den Reichtum, versichert der Kämmerer beim Abschied, den haben sie leider auch nicht. „Wenn wir es hätten, würden wir es teuer verkaufen.“ Da lacht er schon wieder. Dann sorgt er sich für einen Moment: Ganz ernsthaft, wollen sie wirklich wieder zurück? Mit ein paar Vereinsmitgliedschaften sind sie hier ruckzuck integriert. Bürgermeister Alois Karl führt den Besuch aus Berlin noch im Rathaus umher.1999 haben die Architekten Berschneider & Berschneider, die auch den Busbahnhof und den Reitstadel neu gestaltet haben, dem Giebelbau, den im Sommer Geranien schmücken, von innen modernen Schliff verpasst. Mit langer Empfangstheke und Glasdecken, modernen Sofas in der Lobby und schicken trogförmigen Waschbecken im Erfrischungsraum. Von seinem Arbeitszimmer aus schaut der Bürgermeister auf die ganze Altstadt, den Marktplatz mit den Geschäftshäusern in Buntstiftfarben. „Im Sommer stehen da draußen überall die Tische vor den Cafés, da denken Sie, Sie sind Südfrankreich.“ In den Berschneider-Vitrinen in den Rathausarkaden wirbt der Töpferverein um neue Mitglieder. „Herzlich Willkommen“ steht über der Eingangstür vom Rathaus. Wohlfühlen sollen sich die Leute hier, sagt der OB. Wie im Hotel.

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