Zeitung Heute : Goldenes Wasser

Urban Media GmbH

Von Thomas Loy

Hohenschönhausen. Ein kleines Fleckchen Wasser, 50 Meter lang, 21 Meter breit. Vorne, Bahn 1, da schwimmen die Lütten vom Verein SC Berlin. Eigentlich haben sie zwei Bahnen. Aber heute ist es zu voll, also nehmen sie nur eine und schwimmen sich mal eben rückwärts über den Haufen. Dafür haben die Damen-Leistungskader eine Bahn mehr zum Ausdauerschwimmen. Die 5. Bahn ist für die modernen Fünfkämpfer reserviert. 6 und 7 belegen die Nachwuchstalente vom SC. Ganz hinten, auf der 8, dürfen sich die Schwimmer vom SV Preußen tummeln. So hat jeder seine kleine abgesteckte Parzelle Wasser zum Auspowern. Und wenn es doch zu eng wird, gehen sie zu Peter Rund, dem leitenden Olympiastützpunkt-Trainer, der an seinem Plastetischchen über Zeiten und Pulsfrequenzen wacht, und fragen ihn geradeheraus: „Haste mal `ne Bahn?“

In der Schwimmhalle im Sportforum Hohenschönhausen an der Konrad-Wolf- Straße trainieren Vorschulkinder, Schüler, Sportstudenten, Senioren, Behinderte und Schwimmstars wie Franziska von Almsick. Es kommen Wasserballer, Rettungsschwimmer, Taucher, Kanupolo-Spieler, aber auch Degenfechter, Leichtathleten und Judokas, die in den benachbarten Sportstätten untergebracht sind.

Schwimmen gehört für die meisten Leistungssportler zum Trainingsprogramm. „Wenn alle 150 Schwimm-Kader da sind, ist hier Chaos“, sagt Rund. Dass Senat und Bäderbetriebe darüber nachdenken, die Halle zu schließen, hält er für einen schlechten Scherz. Dann könnten sie den Olympiastützpunkt gleich ganz schließen. „Das ist hier das Herz.“ Das Herz hat zwar einen modernen Schwimmkanal mit Gegenstromanlage, sieht aber trotzdem etwas angegriffen aus. Im Umkleidebereich fehlen die Türen, die Oberlichter in der Halle sind teilweise defekt. Das Dach ist undicht.

In den letzten 10 Jahren sei kaum investiert worden, sagen die Trainer. Dafür haben sie in gewisser Weise Verständnis, denn die Bäderbetriebe verdienen mit der Halle kein Geld. Der Senat sollte sie wieder übernehmen – schließlich unterhält er auch die umliegenden Sportstätten. Die Schüler von der Werner-Seelenbinder-Schule, ebenfalls Teil des Sportforums, trainieren hier bis zu 12 Mal in der Woche. 30 Stunden Schule plus 24 Stunden Schwimmen. Wenn die Schüler in eine andere Halle fahren müssten, sagt Rund, kämen „Wegezeiten“ hinzu und der fein abgestimmte Trainingsrhythmus wäre zerstört. 80 Prozent der deutschen Schwimmedaillen würden in dieser Halle geschmiedet, erzählt der Trainer, der hier seit 1972 Nachwuchstalente fördert. Das Sportforum gehörte schon in der DDR zur ersten Adresse für Olympioniken. „Wir haben hier alles produziert, was Goldmedaillen gemacht hat.“

Das Wasser hat gewissermaßen einen goldenen Schimmer. Gerettet werden könnte dieses wertvolle Wasser, so heißt es in der Senatssportverwaltung, wenn die Personalkosten erheblich reduziert würden. Das ist ein heikles Thema, denn Personal ist reichlich da.

Am Nachmittag sitzen drei Damen am Empfang. Sie geben die Schlüssel für die Umkleidekabinen aus und gehen immer mal wieder mit dem Feudel durch die Duschen. Kassiert wird nicht, da es sich um ein reines Vereinsbad handelt. Ein Schwimmeister sitzt im Halbdunkel seiner Loge und liest. Leider darf er nichts sagen, nur soviel: Es sei ein eher ruhiger Job, der vor allem darin bestünde, „den Betrieb ab und zu mal zu reflektieren“. Auf die Schwimmer passen schon die Trainer auf. „ Idiotisch“, findet das Hajo Abraham vom Deutschen Unterwasser-Club, der gegen 18 Uhr mit seinen Flossenschwimmerinnen die hinteren Bahnen belegt. Am Empfang würde eine Dame reichen, und einen Schwimmeister bräuchte man nur, wenn die Schulklassen kommen.

Gegen Abend wird die Halle leerer. Einige Bahnen werden nicht mehr frequentiert. Das täuscht, sagt Abraham. Wahrscheinlich waren am Wochenende Wettkämpfe, so dass heute das Training ausfällt. Der „ Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag“ könnte das nicht passieren. Die Herren im gesetzteren Alter nutzen das Hallenbad zweimal in der Woche für „leistungsorientiertes“ Training gegen die berufsbedingte Sitzstarre. Ein Mitarbeiter der Bundestags-Verwaltung, der sich halbnackt am Beckenrand nicht näher ausweisen möchte, plant bereits eine Bundes-Initiative zur Rettung der Halle. In getragenen Worten erläutert er die Vorzüge und Verdienste des Schwimmsports an diesem Orte und kündigt an, Abgeordnete zu mobilisieren, um Herrn Senator Böger einen deutlichen Brief zu schreiben.

Leider hat die SG Dt. Bundestag bisher noch keine Abgeordnete des Hohen Hauses für den Schwimmsport im Sportforum mobilisieren können. Dann wäre die Schließung der Halle vielleicht schon jetzt vom Tisch.

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