Golf von Mexiko : Die kleine Bakterie Nimmersatt

26.08.2010 17:38 Uhrvon

Wie haben wir uns Oceanospirilla nun vorzustellen? Jene nützliche und liebenswerte Bakterie, die laut neuestem Forschungsstand unsere enthemmt und unkontrolliert ins Meer laufenden Ölvorkommen kurzerhand und selbstlos auffrisst. Zumindest nehmen wir an, dass sie es aus altruistischen Gründen tut – schmatz, Öl weg, Meer sauber. Ähnelt sie mehr der kleinen Raupe Nimmersatt, die sich seit vielen Jahren durch die Kinderzimmer der Welt frisst und dabei immer dicker wird, dicker und dicker, bis ihr schlecht ist? Wenn es so wäre, was hieße das für Oceanospirilla? Sie frisst – oder säuft? – Liter um Liter Erdöl, Millionen Liter Erdöl, sie frisst/säuft den ganzen Golf von Mexiko sauber und schleckt, sozusagen als Nachtisch, die Reste der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ ab.

Eigentlich eine feine Sache, die künftigen Ölkatastrophen einen erheblichen Teil ihres Schreckens nehmen könnte. Am Ende ihrer Fressorgie verpuppt sich die kleine Raupe Nimmersatt und verwandelt sich in einen wunderschönen Schmetterling. Wäre doch schön, wenn sich Oceanospirilla gleichermaßen entpuppen könnte: Am Ende des Besäufnisses ist die kleine Bakterie kugelrund, dick und triefend, kommt an Land, rollt sich zur Tankstelle, erleichtert sich dort, entleert sich, und heraus kommt wunderbar umweltverträgliches Bioethanol.

Oder gleicht sie doch mehr Pacman, diesem Schnappmaul aus den Pionierzeiten der Computerspiele? Pacman allerdings wird am Schluss wahnsinnig, das heißt, bis Level 255 geht alles gut, dann geht gar nichts mehr und das Problem stellt sich als unlösbar dar. Was nicht schön ist für so eine Ölpest. Und was all den BPs, die so leichtfertig nach Öl bohren, eine Warnung sein muss: Auch Oceanospirilla kann nicht alles retten, nicht überall sein. Zwar ist sie hochspezialisiert und trainiert auf die Ölvernichtung, zwar säuft sie schier maßlos und in beachtlichem Tempo, verdaut wohl auch fein, aber bis sie sich zur Küste durchgearbeitet hat, sind Vögel und Fische schon verendet.

Und doch ist es ein wenig tröstlich, dass die Natur sich doch manchmal noch selber reguliert, dass die natürliche Bakterie das überbordene Öl zähmt. Dass auch das ein Naturprodukt ist, vergessen wir oft. Was aber, wenn Oceanospirilla den Spieß umdreht und nicht nur als Feuerwehrmann einspringt, sondern gleich in die Tiefe geht zu den Ölvorkommen und sie einfach ausschlürft? Was dann? Dann fahren wir wieder Rad.Helmut Schümann

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