Zeitung Heute : Google liest mit

Das Suchportal startet E-Mail-Dienst - und schnuppert in Briefen

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Ein Aprilscherz war diese Meldung dann doch nicht: Vor ein paar Tagen kündigte Google die Einführung eines EMail-Dienstes an, und der soll auch noch kostenlos sein und dabei viel mehr beinhalten als vergleichbare Services: „G-Mail“. Jeder Nutzer bekommt ein Gigabyte Speicher, das ist hundert Mal mehr Raum als bei Yahoo!, darüber hinaus einen starken Spam-Filter, der vor unerwünschten Werbe-Mails schützen soll. Der Haken an der ganze Sache: Die elektronischen Briefe werden mitgelesen. Denn natürlich gibt es Werbung. Anstatt den Benutzer aber wahllos mit Angeboten für Viagra-Pillen zu überschütten, wie das bei anderen Anbietern geschieht, wird ein Google-Programm die Briefe auf relevante Begriffe durchsuchen. Danach bekommt der Schreiber elektronische Post mit gezielter Werbung und passenden Internet-Adressen.

Ganz schön clever. Das verhält sich ungefähr so, als würde die Deutsche Post auf Porto verzichten, Briefe öffnen, lesen, auswerten lassen und zur Post gleich noch eine Broschüre von Neckermann in den Briefkasten werfen. So geht’s auch elektronisch. Wer bei „G-Mail“ zum Beispiel von seinem letzten Urlaub auf Teneriffa schwärmt, muss sich auf E-Mails von Reiseveranstaltern oder Versicherern gefasst machen.

Keine Privatsphäre?

Jonathen Rosenberg, Vizepräsident der Produktgruppe von Google, findet das gar nicht merkwürdig. Er preist diese Art der Bewerbung laut dem Internet-Magazin „Telepolis“ so an, dass die Menschen Anzeigen erhalten, die für sie nützlich seien. Kontextbezogene Werbung nennt man das. Man könnte auch sagen: Ausspionieren der Privatsphäre des Briefeschreibers. Überwachung? Vielleicht. Jedenfalls adé Briefgeheimnis. Schon beschweren sich in diversen Internet-Foren zahlreiche Nutzer. Google versichert, dass kein Mensch die E-Mails lese, „um Anzeigen oder andere Informationen ohne ihre Zustimmung zu schalten", sondern nur ein computergesteuertes Programm relevante Begriffe mit einer Datenbank von Werbepartnern abgleicht. Andererseits: Irgendjemand muss ja vorgeben, was für Schlüsselwörter in den E-Mails gesucht werden sollen.

Auf der Website gmail.com heißt es: das Ganze sei ein „Experiment“. Nur solch ein großer Suchmaschinen-Anbieter mit einem Gigabyte Speicherplatz ermögliche es, schnell und effektiv quasi alle jemals geschriebenen E-Mails zu finden und zu sichten. „G-Mail“ reiche aus, um 500000 Seiten E-Mails zu speichern. Die Nutzer könnten nach jeder E-Mail suchen, die sie je gesendet oder empfangen haben. Kritiker befürchten, dass sich daraus eine Art „elektronische Nase“ machen ließe. „Je definierter man ist, desto definierbarer wird man, desto mehr ist man sichtbar", sagt Roger Kay vom weltweit führenden IT-Marktbeobachter IDC gegenüber „Telepolis“.

Natürlich, es wird keiner gezwungen, sich bei „G-Mail“ anzumelden. Und noch wird nicht in E-Mails geschnuppert. Der Dienst befindet sich in der Testphase. Über den offiziellen Start des Dienstes hüllt sich Google in Schweigen. Für die Entwicklung zum vollständigen Web-Portal gilt E-Mail aber als Schlüsselfunktion, da sie eine der gefragtesten Funktionen für Internet-Nutzer ist.

Gefragt schon, aber darf man bei E-Mails immer ungefagt mitlesen? Schießt Google mit „G-Mail“ nicht ein Eigentor? Ist das alles gar nicht erlaubt? Die geplanten Datenschutzstandards von „G-Mail“ widersprechen europäischem Recht, meldet schon die „Netzeitung“. Auf diesen Zustand machte die Netzbürgerrechtlergruppierung „Privacy International“ (PI) aufmerksam. Besonders kritisch sei eine Passage in den Datenschutzbedingungen zu „G-mail“, die es der Suchmaschine erlaubt, Kopien von E-Mails sogar dann aufzubewahren, wenn ein Nutzer seinen Account bereits gelöscht hat.

In den USA scheint sich daran niemand zu stören. Daten werde Google nur weitergeben, heißt es in den Datenschutzbedingungen, wenn man zu der Überzeugung gelangt sei, dass das zum „Wohl der Öffentlichkeit“ geschehe. Und auf „Anfragen der Regierung“. Google hat seinen Sitz in den USA.

meh

Ist das ein fairer E-Mail-Dienst?

Die Diskussion im Internet:

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