GOSPEL-SOULMatthew E. White : Der Spätentwickler

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Eigentlich sollte man ja denken, dass in Zeiten abstürzender Umsätze mit physischen Tonträgern die Plattenfirmen immer risikoscheuer werden und sich auf die verbleibenden Cash Cows der wackelnden Branche konzentrieren. Was auf die Marktführer tatsächlich zutrifft, gilt zum Glück nicht unbedingt für eine Edelschmiede wie das Londoner Label Domino. Dort werden die mit Acts wie Franz Ferdinand oder Arctic Monkeys erwirtschafteten Gewinne in ein erstaunlich vielschichtiges Portfolio reinvestiert. So kriegt auch jemand wie Matthew E. White eine Chance, den man nach dem ersten Eindruck ganz weit hinten in die Außenseiterschublade abgelegt hätte: ein vollbärtiger Schrat aus Virginia, der als Sohn evangelikaler Missionare durch die Weltgeschichte geschleppt wurde und als musikalischer Spätentwickler mit 30 sein Debütalbum vorlegt.

Hat man „Big Inner“ aus einem Cover gepellt, dessen Unattraktivität fast programmatisch wirkt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn die sieben teils sehr langen Songs offenbaren eine Reife, die sich normalerweise erst als Summe einer langen Karriere ergibt – oder eben bei überragenden Debütanten vom Kaliber Randy Newman oder Nick Drake zu finden ist. Die Musik zu Whites brummeligem Flüsterbariton könnte man als sinfonischen Gospelsoul beschreiben, was dem instrumentalen Reichtum der von Streichern, Bläsern und himmlischen Chören durchzogenen Arrangements nur bedingt gerecht wird. Umso bemerkenswerter, dass Matthew E. White diesen tollkühnen Irrsinn mit Dutzenden befreundeter Musiker in wenigen Tagen eingespielt hat.Jörg Wunder

Privatclub, Mi 17.4., 21 Uhr,

16 € + VVK

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