Zeitung Heute : Gott hilft Azizi - und 64 Millionen Iranern

YVONNE REICHMUTH

TEHERAN .In Iran beginnt ein Tag mit Fußball und mündet mit Fußball in den nächsten.Der Fußball hat den für Hausfrau und Kinder formatierten Fernsehvormittag abgelöst.Bis in die späten Nachtstunden verfolgt ein Millionenpublikum etwa die Begegnungen der deutschen Bundesliga; in voller Länge versteht sich.Immerhin kicken mit Ali Daei, Kharim Bagheri und Khodadad Azizi drei Iraner in Deutschland.Verdoppelt hat sich die Anzahl diverser Sportmagazine und -zeitschriften, doch fußballfremden Disziplinen wird nur auf Nebenplätzen gehuldigt.An Freitagen besetzen Teheraner Halbwüchsige mit ihren Plastikbällen und tragbaren Toren die Seitenstraßen der sonst hoffnungslos von Autos verstopften iranischen Hauptstadt.

Die europäische Legende vom hungrigen Fußballer der Dritten Welt kommt dennoch so mager daher wie der Rasen im Teheraner "Azadi"-Stadion.Allzuoft mußte die Fußball-Euphorie Brasiliens als Beispiel herhalten.In Iran aber ist mit dem Erfolg der Fußballer auch politische Bewegung in das Volk der 64 Millionen Iraner gekommen.

Unvergessen bleibt den Iranern die Nacht des Sieges über Vorrundengegner Australien.(Nicht nur) in der Hauptstadt strömten Tausende auf die Straßen, legten den Verkehr lahm, feierten und tanzten auf den Dächern ihrer Autos, verteilten Süßigkeiten.Wohlhabende Jugendliche skandierten aus den Jeeps ihrer Eltern "Iran, Iran", obwohl sie ihr Englisch amerikanisch färben und zur gleichen Musik tanzen, wie sie in europäischen Clubs dröhnt.Nur um Fußball ging es dabei also nicht.Seit der Flucht des Schahs war eine solche Menschenmenge nicht mehr gesichtet worden, unter den Augen tatenloser Militärbeamter versicherten sich die Feiernden eines spontan entstandenen "Wir"-Gefühls.

Die Australier selbst hatten solches Bewußtsein kräftig angekurbelt: Offenbar beschränkte sich deren Vorstellung vom Iran auf religiöse Fanatiker und Hungersnot, so daß sie erst Stunden vor dem Match von der Arabischen Halbinsel herübergeflogen kamen.So aufgestachelt erzählte man sich gar, die Australier hätten noch ihr eigenes Trinkwasser mitgeführt.

Unter dem Eindruck jenes Ausnahmezustandes schafften einige tausend Frauen, was bis dato unmöglich schien: Beim Empfang des Nationalteams hatten sie solange vor dem Stadion auch lautstark insistiert, daß man ihnen schließlich Einlaß gewährte, natürlich getrennt von den Männern.

Ein paar Tage später bedrängte das Frauenmagazin "Zanan" Nationalspieler Ali Daei: "Sollten Frauen in den Fußballstadien zugelassen werden?" Darauf der künftig beim FC Bayern München kickende Stürmer: "Ehrlich gesagt, begrüße ich den Gedanken überhaupt nicht, daß mir meine Mutter von nahem zuschauen könnte, wenn ich immer wieder hinfalle." Und Nationalspieler Ahmad Reza Abedzadeh meinte: "Wir sind ein islamisches Land, und in welchem islamischen Land spielen Frauen Fußball? Damit will ich nicht gesagt haben, daß ich prinzipiell dagegen bin.Aber im Ernst: Wollen denn die Frauen wirklich Fußball spielen?"

Frauen und Sport, das ist ein heikles Thema in Iran.Ob Radfahren oder Kicken, Leibesübungen in der Öffentlichkeit verletzen laut Orthodoxie die sittlichen Gefühle der religiösen Gemeinschaft.So darf sich öffentlich nur in den Sportarten Schießen, Schach, Reiten, Skifahren, Tischtennis und Rudern betätigt werden, da hier Bekleidungsvorschriften eingehalten werden.

Doch Erfolg weicht manches auf.Wenn nur Khodadad Azizi viele Tore schießt.Dann gerät in Vergessenheit, daß dieser so gar nicht in die Auswahl eines Landes paßt, welches sich den schiitischen Islam auf seine Fahnen geschrieben hat.In schnöder Regelmäßigkeit muß Khodadads Heimatort Maschhad herhalten, der zum bedeutendsten Pilgerort der Schia im Iran avancierte.Allein, Khodadad ist Sunnit, nach Verständnis der Schiiten also kein wahrer Muslim, und vor nicht allzu langer Zeit hätte dieser "Schönheitsfehler" ein echtes Problem ergeben können.Doch bedeutet Khodadad "der von Gott gegebene", und so schließt man ein bißchen die Augen und konzentriert sich zunächst auf die Ungläubigen um Berti Vogts in Montpellier.

Seit der Melbourner Nacht hat sich die Vorstellung von einer Mission durchgesetzt: Nun, die Ansetzung gegen "Schaitan-e Bozorg", den "Großen Teufel" Amerika, fügt sich hierin ausgezeichnet.

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