Zeitung Heute : Gott mit Leib und Seele verschrieben

Günter Schenk

Carlo, den Taxifahrer, reitet der Übermut. Überholt wird rechts, der Linienbus geschnitten, die Ampel ignoriert. "Heute ist alles anders", gibt er dem Gast mit auf den Weg. Es ist der 3. Februar, Auftakt zum größten Fest Siziliens. Drei Tage Ausnahmezustand im Namen der heiligen Agatha. 72 Stunden ausgelassene Feiern, Feuerwerk und Prozessionen. Auf der Piazza Stesicoro, am alten Amphitheater, endet die Höllenfahrt vom Flughafen zur Innenstadt. Das Ziel San Agata al Fornace, eine von vielen Kirchen Catanias, errichtet zu Ehren Agathas. Im Innern ein paar rot leuchtende Steine unter Glas. "Hier", mahnt eine lateinische Inschrift, "wurde sie von den glühenden Kohlen verschluckt." Eine vornehme Umschreibung des Martyriums der Heiligen, der man vor dem Feuertod die Brüste abgeschnitten hatte.

Die Legende beschreibt Agatha als schöne Sizilianerin, geboren um das Jahr 225. Als eine selbstbewusste Frau, die Catanias römischer Statthalter begehrte. Ihr aber stand der Sinn mehr nach Gott, so dass sie der verschmähte Liebhaber in den Kerker werfen und von Soldaten mit lodernden Fackeln quälen ließ. Auf einem Scherbenhaufen zwischen glühenden Kohlen fand sie schließlich den Märtyrertod. Schon ein Jahr später trugen die Sizilianer bei einem Ausbruch des Ätna Agathas Schleier dem Vulkan entgegen, brachten die Lava so zum Stehen.

Der weiße Schleier, will die Legende wissen, habe sich damals rot gefärbt. Seitdem rufen die Bürger Catanias ihre Schutzherrin immer dann zu Hilfe, wenn der Ätna zur Gefahr zu werden droht. So wie im vergangenen Sommer, als er wieder einmal glühende Lava zu Tal geschickt hatte. Auch nach Erdbeben suchen die Sizilianer Trost bei Agatha, bei Blitz und Donner. Bei Brustkrebs und Entzündungen ist ihre Fürbitte gefragt, bei Fieber und Hitze. Schon zur Römerzeit war Agatha eine große Heilige. Carla Morini, die an Catanias Universität den Kult um die Märtyrerin wissenschaftlich begleitet, erläutert den legendären Ruf der Sizilianerin folgendermaßen: "Eine Jungfrau, die sich Gott mit Leib und Seele verschrieben hatte."

An der Stelle ihres Leidens steht die Kirche des Heiligen Kerkers. Auch einen wilden Ölbaum zeigt man in Catania gern, weshalb die Bürger zu Agathas Feiertag kleine Oliven aus Marzipan formen. Süße Stückchen, die als Festsymbol gelten, mittlerweile aber das ganze Jahr über im Handel sind.

Wie immer wird das Fest mit einem Opfergang eröffnet. Einem Marsch durch die Innenstadt, der die städtische Elite vereint. Männer und Frauen in Gala, vom Bischof bis zum Kanzler der Universität, an der jeder sechste Bürger Catanias eingeschrieben ist. Am Ende des Zuges rollen ein paar alte Kutschen. Ein Mal jährlich werden sie aus dem Palazzo degli Elefanti geholt, dem Sitz des Senats.

Ziel des Opferganges ist der Dom, wo eine der kostbarsten Reliquien der Christenheit wartet. Eine große, vergoldete Silberbüste Agathas, gefertigt im französischen Limoges. Ein mittelalterliches Meisterstück, über und über mit Juwelen besetzt, mit edlen Steinen, die man der Heiligen zu Ehren gestiftet hat. Blickfang der Prozession sind elf große Kerzen. Candelore nennen die Einheimischen die hohen, hölzernen Gestelle, mit dem die Zünfte der Stadt der Heiligen huldigen. Es sind filigrane Schnitzereien, verziert mit kleinen Engeln und Heiligenbildern, wandelnder Barock sozusagen. Fischverkäufer und Metzger haben sie geschultert, Bäcker und Nudelmacher. Elf Zünfte, die sich dem Opfergang seit Jahrhunderten verpflichtet fühlen. Abends illuminiert ein Feuerwerk die Innenstadt, eines von vielen Spektakeln, welche die Stadt zum Fest organisiert hat.

Zehntausende drängen sich auf dem Domplatz. Rund um den Elefantenbrunnen, dem Wahrzeichen Catanias. "Liotro" nennen ihn die Einheimischen. Heute symbolisiert der Elefant, eine byzantinische Arbeit, langes Leben und Intelligenz. Zwei Eigenschaften, denen sich die Bewohner der alten Universitätsstadt besonders verpflichtet fühlen, die schon am ersten Festtag bis tief in die Nacht unterwegs sind.

Sichtbar Mühe hat Catanias Polizei, der Heiligen eine Gasse zu schlagen. Platz zu machen für ihre silberne Büste, deren Krone Richard Löwenherz gestiftet haben soll. Und dem gotischen Schrein aus Silberblech, eine der schönsten Arbeiten sizilianischer Goldschmiedekunst. Entlang barocken Palästen und modernen Cafés ziehen die Gläubigen mit ihrer Heiligen, vorbei an kleinen und großen Geschäften, die zum Fest mit Sonderangeboten locken, mit 30 bis 50 Prozent Rabatt. Agatha lädt zum Winterschlussverkauf. In Catania, erzählt stolz die Fremdenführerin, lebt man besonders billig. "Miete, Lebensmittel und Kleidung sind hier fast ein Drittel billiger als in Mailand. Wir sind das Einkaufsparadies des Südens."

Die Heilige ist auf Tour durch die äußeren Viertel der Stadt. Immer wieder hält der Tross, preisen Priester ihren Glauben. "Agatha", predigt einer, "war eine unglaubliche Frau, eine große Dame." Auf der Vara, dem rollenden Tempelchen, türmen sich die Blumen, Nelken, Lilien, Rosen. Bürger spenden Kerzen, weiße und gelbe, große und kleine. Und immer wieder reichen Eltern ihre Sprösslinge hoch zu Agatha, in geübten Stafetten über viele Dutzend Köpfe hinweg.

Den ganzen Tag ist Agatha unterwegs, kreuz und quer durch die Stadt. Besonders spannend wird es vor der Rückkehr in den Dom, wenn die vielen Tausend Prozessionsteilnehmer mit der Heiligen im Schlepptau zum Endspurt ansetzen. "Cittadini", ruft einer. "Viva San Agata." Bürger Catanias. Es lebe die heilige Agatha.

Der 5. Februar ist Agathas eigentlicher Festtag. Schon früh morgens werden im Dom die ersten Messen gelesen. Wieder stehen Polizisten vor Agatha Spalier, wieder stapeln Helfer Blumen und Kerzen zu ihren Füßen, strecken Eltern ihre Kinder der Heiligen hin. Schlafende und kreischende Zwerge, die im Minutentakt rumgereicht werden. Agatha soll ihnen Gesundheit verleihen, Glück und Segen. Handschuhe und Taschentücher lassen die Gläubigen in ihrem Namen weihen, aber auch Trauringe, Perlenketten und Medaillons. Bellinis Grab im rechten Seitenarm des Domes beachtet kaum jemand an diesem Tag. Die schlichte Platte hinter dem Pfeiler im rechten Seitenschiff, die an den größten Sohn der Stadt erinnert. An den Komponisten der Norma, der wohl sizilianischsten aller Opern. 16 Jahre lebte Bellini in Catania, das ihm zu Ehren 1930 ein kleines Museum schuf. Eine Erinnerungsstätte in seinem Geburtshaus an der Piazza San Francesco.

Jetzt aber ist der Mann vergessen, der in Agathas Namen einst ein Kreuz gestiftet hatte. Die Beichtstühle im Dom sind voll. Es ist, als sei Weihnachten mit Ostern zusammengefallen. Doch es sind nicht nur Catanias Bürger, die Schlange stehen. Auch Fremde mischen sich mehr und mehr unter die Gläubigen. Zur Freude der Hoteliers, die inzwischen auch Anfang Februar ausgebucht sind. "Früher war Catania im Winter geschlossen", erzählt der Verkehrsdirektor, der große Pläne für die Zukunft hat. Der Flughafen-Ausbau, freut er sich, geht weiter. "Angelegt war er für 800 000 Gäste, doch inzwischen kommen drei Millionen jährlich." Neue Hotels sind im Bau und ein neuer Hafen, der die Stadt zum Mittelmeer öffnen soll. Über Golfplätze denkt er nach. Über Touristen, die morgens auf dem Ätna Ski fahren und mittags an der Küste baden.

Am 5. Februar gleicht die Stadt abends einem Tollhaus. Wieder bevölkern Zehntausende das Zentrum. Junge Leute vor allem, die in Agathas Namen riesige Kerzen mit sich schleppen. Dicke Stämme, die einer allein oft gar nicht tragen kann. Bei jedem Schritt tropft Wachs aufs Pflaster. Doch seit Motorrad- und Autofahrer auf dem Wachs ins Schleudern kamen und der Stadt mit Schadenersatzklagen drohten, streuen die Behörden vor Agathas Umgang Sand. Immer wieder explodieren Knallkörper, schießen die Bürger der Heiligen Salut.

Agatha ist auf ihrer letzten Runde durchs nächtliche Catania. Per Handy halten die Cittadini ihre Familien und Freunde auf dem Laufenden, die im Fernsehen, das zum Fest meist live dabei ist, den schleichenden Zug der Heiligen verfolgen. Die Benediktinernonnen von San Benedetto bringen der Heiligen ein letztes Ständchen. Schließlich verschwindet Agatha wieder im sicheren Tresor des Domes, zu dem es drei Schlüssel gibt. Je einen für Bischof und Bürgermeister, einen für den ältesten Priester der Stadt. Wenn der Ätna nicht zwischendurch aus dem Lot gerät, hat Agatha dann wieder für ein Jahr Ruhe.

Tipps für Sizilien

Agatha wird weltweit verehrt. Allein in Italien ist sie Schutzherrin von 44 Städten, von denen 14 gar ihren Namen tragen. In Deutschland wird Agatha in Aschaffenburg als Stadtpatronin verehrt. Und auch in der orthodoxen Kirche genießt die Heilige Anerkennung. In Catania jedoch findet sich in fast jeder Kirche ein Bildnis Agathas.

Anreise: Mit dem Flugzeug bis Catania, das im Winter nur mit Linienmaschinen, leider meistens über den gefürchteten Flughafen Mailand-Malpensa, von allen deutschen Flughäfen zu erreichen ist.

Unterkunft: Es empfiehlt sich, Unterkünfte in der Stadt möglichst früh zu buchen. Außerhalb Catanias ist im Winter dagegen fast immer ein Quartier frei.

Festprogramm: 3. Februar: 12 Uhr Opfergang mit den Candelore, abends großes Feuerwerk

4. Februar: 7 Uhr Heilige Messe, anschließend ganztägige Prozession

5. Februar: 17 Uhr 30 nächtliche Prozession bis in die frühen Morgenstunden, Feuerwerk.

Literatur: Giarrizzo: Führer durch Catania und seine Provinz. Giuseppe Maimone Editore, Catania.

Schetar/Köthe: Sizilien. Reise Know-How Verlag, Hohenthann.

Schröder: Sizilien. Michael Müller Verlag, Erlangen.

Auskunft: Azienda Provinciale Turismo, Catania, via Cimarosa 10; Telefon: 00 39 / 095 / 957 30 62 11; Netz: www.apt.catania.it

Auskünfte erteilen auch die Staatlichen Italienischen Fremdenverkehrsämter in Frankfurt am Main, München oder Berlin. Zentrale Prospektbestellung unter der Telefonnummer: 00 800 / 00 48 25 42 (gebührenfrei); mündliche Information etwa in Berlin unter 030 / 247 83 97.

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