Gottfried Wilhelm Leibniz : Ein Hofnarr als Präsident

Die Anfänge der Akademie: Von der dramatischen Gründerzeit bis zu den ersten geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben

Phuong Duong
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Gottfried Wilhelm Leibniz. Er hatte die Idee zu einer Akademie der Wissenschaften für Berlin....

Unter den Berliner Wissenschaftsinstitutionen, die dieses Jahr ihr Jubiläum feiern, ist die Akademie der Wissenschaften die wahrscheinlich geheimnisvollste. Geheimnisvoll deswegen, weil jeder eine vage Vorstellung von einer Akademie hat, dennoch die wenigsten direkt mit ihr zu tun haben. Nobelpreisträger und Wissenschaftslegenden wie Albert Einstein, Rudolf Virchow, Immanuel Kant oder die Brüder Humboldt verbinden sich mit ihr. Etwas charmant Antiquiertes prägte lange Zeit die Vorstellungen von diesem interdisziplinären Netzwerk der Wissenschaftselite, das jetzt das 300-jährige Jubiläum ihres ersten Statuts feiert.

Die Geburt der Akademie entstand aus dem Geist eines Universalgelehrten und als Trittbrettgründung zum Bau der Berliner Sternwarte. Als Leibniz von seinen Forschungsaufenthalten in London und Paris zurückkehrte, festigte sich sein Anliegen, in Deutschland ebenfalls eine Wissenschaftsakademie ähnlich der englischen Royal Society und der Académie des Sciences in Frankreich zu gründen. Ohne die Hartnäckigkeit Leibniz’ und seiner Berliner Mitstreiter wäre die Akademie, die nach mehreren Namensänderungen und Umzügen ihren heutigen Sitz am Gendarmenmarkt hat, nie gegründet worden. 50 Jahre, so gut wie sein gesamtes Erwachsenenleben, konzipierte, korrespondierte und verhandelte er für die Akademie. Dabei nahm er so manche Rückschläge in Kauf. Nicht nur, dass sein ursprünglicher Plan, die Erschaffung einer Reichsakademie mit internationaler Ausstrahlung, nicht zustande kam, und er sich mit einer regionalen Version begnügen musste. Die Akademie war zur Zeit ihrer Gründung 1700 auf Staatsseite kein finanzierungswürdiges Wunschkind und sollte sich selbst tragen. Statt Geld erwirkte Leibniz Privilegien für seine Kurfürstlich Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften (so der ursprüngliche Name), wie zum Beispiel das Kalenderprivileg, ein kurfürstlich garantiertes Monopol auf die Herstellung und den Verkauf von Kalendern in Brandenburg-Preußen. Eine Besonderheit der Berliner Akademie war, dass sie im Gegensatz zu ihren Vorbildern in London und Paris Natur- und Geisteswissenschaften unter einem Dach vereinte. Ein Novum, das zum Vorbild für spätere Gründungen wurde.

Durch die Krönung des Kurfürsten Friedrich III. zum König Friedrich I. in Preußen wurde 1701 die Akademie von der kurfürstlichen zur Königlich Preußischen Sozietät der Wissenschaften nobilitiert. Unter seinem Sohn, dem später als „Soldatenkönig“ bekannten Friedrich Wilhelm I., erlebte die Akademie den Tiefpunkt ihrer bisherigen Geschichte. Als Heeresführer maß er den Wissenschaften und Künsten nur geringen Wert bei. Friedrich Wilhelm verachtete die Akademie und stellte dies in besonders perfider Weise zur Schau. Die Präsidenten der Akademie degradierte der Anti-Schöngeist zu Narren und ernannte sogar Hofnarren zu Präsidenten. Einen von ihnen, Jakob Paul Freiherr von Gundling, ließ er nach seinem Tod in einem Fass begraben.

Erst mit der Thronbesteigung seines Sohnes, Friedrich II., 1740, kam wieder ein musen- und wissenschaftsfreundlicher Wind auf. Der frankophile König lud die berühmten Wissenschaftler seiner Zeit (darunter auch Voltaire) ein, an der Akademie mitzuwirken. Unter Friedrich II. erstrahlte die Akademie in neuem Glanz, auch über die Grenzen Preußens hinaus. Diese Blütezeit hielt mehr als 30 Jahre an, war aber spätestens nach dem Tode Friedrichs II. zunächst vorbei. Erst als Preußische Akademie der Wissenschaften knüpfte sie an diese ruhmvolle Zeit wieder an.

Ein einschneidendes Ereignis für die Akademie war die Gründung der heutigen Humboldt-Universität im Jahre 1810. Dem Prinzip der Einheit von Lehre und Forschung (Wilhelm von Humboldt) zufolge, sprach man der Universität neben der Lehre auch das Forschungsressort zu. In der Folge gingen mit Ausnahme der Bibliothek und des Archivs fast alle akademieeigenen Sammlungen und Forschungseinrichtungen an die Universität über. Die Akademie verlor damit die Grundlagen ihres experimentellen Forschens an die Universität.

Es konnte trotzdem nicht von einer Konkurrenz zwischen Universität und Akademie gesprochen werden, denn obwohl es sich bei Akademie und Universität um ein duales System zweier eigenständiger Institutionen handelte, teilten sie sich ihre personelle Besetzung. Fast alle Akademiemitglieder waren gleichzeitig auch Professoren an der Universität.

Die Akademie konzentrierte sich fortan auf vorwiegend geisteswissenschaftliche Langzeitvorhaben, die sich der systematischen Sammlung, Erschließung und Herausgabe bedeutender Schriften und Werke für das kulturelle Erbe widmen, etwa den Editionen der Werke von Kant, Leibniz, Schleiermacher und Jean Paul.

Und heute? In Zeiten von Hochschul-Rankings, Ergebnis- und Nützlichkeitsdruck und dem Konkurrieren um Elite und Exzellenz kann die Akademie sich elegant heraushalten. Sie braucht nicht erst marktschreierisch Exzellenz zu versprechen. Sie versammelt Exzellenz, um in aktuellen Projekten wie zum Beispiel „Wissenschaftliche Politikberatung in der Demokratie“, „Religion und Glauben im 21. Jahrhundert“ oder mit dem Jahresthema 2009/2010 „Evolution in Natur, Technik und Kultur“ ihr traditionsreiches Wissen für die Zukunft nutzbar zu machen und mit „Schülerlaboren Geisteswissenschaften“ auch die nachwachsende Generation für diese Wissenschaft zu begeistern. Und sie fördert Exzellenz auf hohem Niveau: mit der Jungen Akademie, die sich beherzt und kreativ an den Schnittstellen von Wissenschaft und Gesellschaft engagiert.

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