Zeitung Heute : Gouda für die Fische

ROLF BROCKSCHMIDT

Schnorchler, Taucher und Segler und das Bilderbuchblau um Curaçao Von ROLF BROCKSCHMIDT

Die Gischt spritzt meterhoch.Mit 18 Knoten kämpft das Schiff gegen die Wellen an.Wolken ziehen auf, der Wind bläst uns entgegen."Die See ist ungewöhnlich rauh", sagt der Kapitän, "normalerweise fahren wir 22 Knoten, aber bei diesem Wetter?" Die Sonne scheint dennoch."96 degrees in the shade", dröhnt es in hartem Beat aus dem Bordlautsprecher.Die "Waterworld" ist auf Tagesausflug nach Klein-Curaçao, einer kleinen Insel ein paar Kilometer vor der Südspitze, die vom zweiten, kleinen Stern in der Fahne von Curaçao repräsentiert wird. Einst wurde hier Phosphat abgebaut, was die Insel um drei Meter niedriger und flach wie ein Brett machte.Einsam ragt ein Leuchtturm aus dem 19.Jahrhundert mit zwei symmetrisch gebauten Häusern aus dem Nichts.Ein paar Fischerhütten, meist unbewohnt, sowie ein paar Sonnendächer für die Tagesausflügler warten am Strand.Kein Strauch, kein Baum, kaum Schatten.Wer hierher kommt, will schnorcheln.In Strandnähe ist das Wasser ruhig, verlockend türkisblau.Dunkle Flecken im Wasser deuten auf Korallenfelder.Ein Schlauchboot fährt mit Tauchern davon. Selbst Schnorchlern wird einiges geboten.Keinesfalls sollte man am Anfang das T-Shirt vergessen, sonst würde die Haut mit den Feuerkorallen konkurrieren.Gesicht ins Wasser und schon wird es still.Nur der eigene Atem ist zu hören.Um die Korallenfelder schwimmen Fische in allen Farben, blaue und grüne Papageienfische, Gelbblau gestreifte, weiße mit schwarzen Punkten, der Laie staunt und wundert sich ob der Vielfalt.Hat man einen Papageienfisch aus den Augen verloren, findet man ihn bald wieder.Die Fische nämlich haben ihre Reviere, sie "wohnen" an bestimmten Stellen. Maureen Kuenen gibt sich mit reiner Beobachtung von Fischen nicht zufrieden."Bei mir lernt man nicht tauchen.Vielmehr lehre ich Taucher die Zusammenhänge unter Wasser und die Ökologie des Riffs erkennen und verstehen", sagt sie, die im Sommer das "Marine Awareness Center" gegründet hat.Auf der "Waterworld" ist sie mit einigen Tauchern unterwegs, um bei einem Riff vor der Küste in die Tiefe hinabzusteigen.Die Meeresbiologin gibt aber auch Kurse für Schnorchler, die wissen wollen, was unter Wasser geschieht. Ihren Stützpunkt hat sie im "Curaçao Sea Aquarium", das in 43 Aquarien dem Besucher die Fische in ihrer natürlichen Umgebung so zeigt, wie sie vielleicht der glückliche Taucher unter Wasser findet.Nur gibt es im Aquarium für die Fische aus dem Blickfeld des Betrachters kein Entkommen.Auch Haifische lassen sich hier streßfrei betrachten, ja sogar füttern.Wer sich traut, kann als Taucher oder Schnorchler im sogenannten "Animal Encounter" die Fische füttern, und alles wird auf Video oder Foto festgehalten.Dabei wird die Haifütterung durch ein kleines Loch in einer Plexiglasscheibe so geschickt aufgenommen, daß die Illusion des wagemutigen Tauchneulings perfekt ist.Wem das alles nicht paßt, der steigt einfach in ein fest verankertes Halb-U-Boot, dessen Wände nach unten verglast sind und so aus dem klimatisierten Trockenen heraus Impressionen zulassen, die denen eines Tauchers genau entsprechen.Korallen, ein Wrack, viele Fische ­ die Fotos geraten täuschend echt. Wer lieber Luft und Wasser direkt erleben möchte, der unternehme einen kombinierten Segeltörn mit Schnorchelstop auf dem "Spaanse Water", einem geruhsamen Binnenmeer mit Verbindungskanal zum offenen Meer.Hier kreuzt die "Makuaku" zwischen den Villen der Reichen und der Wildnis mit Kakteen im Schatten des Tafelbergs.Spannend wird es, wenn die "Makuaku" das Gewässer verläßt und über die offene und sofort rauhere See in Richtung Caracasbaai segelt.Das gibt einen Vorgeschmack auf einen längeren Segeltrip nach Bonaire, der etwa acht Stunden dauert.Aber wir wollen in die Caracasbaai.In Sichtweite des Rundturms von Fort Beekenburg ankern wir. Im Wasser wird dann klar, warum Schnorchler diese Plätze schätzen: Auf einem Abhang liegt kurz vor der Felsküste in sechs Metern Tiefe das Wrack eines kleinen Schleppers, über und über mit Korallen bewachsen.Der Boden fällt schnell und steil ab, verliert sich im tiefen Bilderbuchblau, aus dem heraus immer wieder silbrige Fischschwärme auftauchen.Gelbe Fische, schwarzblaue, silberne, die Vielfalt ist imposant.Und jetzt zeigt sich, wozu Henk van Gent, Vierter bei den Olympischen Segelwettbewerben in Tallin 1980, seinen Schnorchlern echten Gouda mitgegeben hat (schließlich sind wir auf den Niederländischen Antillen).Sobald der Fremde die Käsebrocken zerkrümelt, ist er von einem ganzen Fischschwarm umgeben."Die wissen schon, daß wir immer kommen", meint van Gent. © 1996 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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