Grabästhetik : Natürlich mit Käßmann

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Oh, wow, oh, wow, oh, wow sollen die letzten Worte von Steve Jobs gewesen sein, wir hatten das Thema schon. Und dann? Was kommt dann, wenn die letzten Worte verhallt sind? Dann kommen der Sarg oder die Urne, der Friedhof und der Grabstein. Und hierzulande kommt, als ob der Tod an sich nicht schon schlimm genug ist, Margot Käßmann. Jene Frau, die seit geraumer Zeit neben ihrem angestammten Namen auch ehemaligeRatsvorsitzendederEvangelischenKircheinDeutschland heißt. Seit sie so heißt, ist sie für alles zuständig. Für die Lutherbotschaft, für Vorworte in Bekenntnisbüchern von homosexuellen Pastoren, für, das heißt gegen die egomanische und ökonomiefixierte Gesellschaft, für Kinderförderung, für, also noch mal gegen Waffenhandel, für Afghanistan, für die Griechenlandhilfe, für die Finanzkrise, für die Globalisierung, es gibt kein Thema auf der Welt, zu dem sich die ehemaligeRatsvorsitzendederEvangelischenKircheinDeutschland noch nicht geäußert hat. Sie würde gewiss auch einen prima Dalai Lama abgeben oder Thomas Gottschalk beerben. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Vorher muss sie aber erst noch jurieren. Nicht die schönsten letzten Worte, obwohl auch das sehr lobenswert wäre, nein, Margot Käßmann ist Mitglied einer Experten-Jury, die die schönsten Friedhöfe, Grabsteine, Särge und Urnen prämiert. Das Internetportal www.bestattungen.de hat einen Preis ausgelobt, der Preis „soll der Förderung der Bestattungskultur dienen.“ Wäre sie einigermaßen konsequent, würde Margot Käßmann den umweltfreundlichen Sarg aus Pappe würdigen, der auf www.postmortal.de angeboten wird. Der besteht zu 60 Prozent aus chlorfrei recyceltem Altpapier und nur 40 Prozent neuem Zellstoff. Für die Umwelt ist Margot Käßmann nämlich auch zuständig. Es gibt aber auch Särge in Fass- oder Flaschenform, die gewiss ebenfalls zu den Favoriten zu zählen sind. Man darf gespannt sein, was sich in der Kategorie Grabstein durchsetzt, das schlichte und voller Demut einherkommende Modell eines Quaders oder doch mehr die prachtvollen Monumente, die auch post mortem vom Reichtum des oder der Verblichenen künden. Heute werden die Sieger bekannt gegeben. Darunter auch die schönste Urne für den Aufenthalt nach der Verbrennung. Eine mutige und verantwortungsvolle Aufgabe, der sich Margot Käßmann da gestellt hat. Auch wenn den meisten, die in Sarg oder Urne sind, die Ästhetik ihrer Behausung egal sein dürfte. Helmut Schümann

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