Zeitung Heute : Grabesunruhe

Max Strauß schweigt vor Gericht – und in München tobt der Streit um die Elterngruft

Mirko Weber[Augsburg]

Es ist ein trüber, undurchsichtiger Tag, in Augsburg, aber Richter Maximilian Hofmeister hat sich vorgenommen, erst gar keine Missstimmung im großen Saal des schwäbischen Landgerichts aufkommen zu lassen. „Das Klima der Hauptverhandlung ist meines Erachtens sehr gut“, sagt er und sonnt sich ein wenig in der eigenen Formulierung. Nach den Erfahrungen des nunmehr eine Woche zurückliegenden ersten Tages beim Steuerhinterziehungsprozess gegen Max Strauß, scheint das so Hofmeisters Art zu sein. Die für einen solchen Rahmen fast angenehm temperierte Stimmung könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass die Reihen im Zuschauerraum sich schon einigermaßen gelichtet haben. Die ersten vermeintlichen Sensationsstunden sind vorüber, ohne wirklich welche gewesen zu sein. Das Gericht lehnt an diesem Dienstag erst einmal zwei Befangenheitsanträge ab. Es erklärt sowohl den Gerichtsarzt Roland Gruber für kompetent, der Strauß prozesstauglich geschrieben hatte, wie auch sich selbst, weil die Sache Strauß schließlich aufs Innigste verknüpft sei mit den Angelegenheiten von Karlheinz Schreiber, der nun mal zuletzt seinen Wohnsitz im benachbarten Kaufering gehabt habe, bevor er nach Kanada entschwunden sei. Deshalb sei Augsburg durchaus der richtige Gerichtsort.

Der Angeklagte nimmt derweil in Anspruch, was ihm Hofmeister anfangs zugesichert hat. Er darf Pausen machen. Max Strauß macht im Übrigen einen gegenüber der letzen Woche leicht gefestigten Eindruck. Einmal lächelt er sogar, während seine Anwälte auf ihn einreden. Mit dem Gericht kommuniziert er nach wie vor nicht, und so erhält Hofmeister wieder keine Antwort, als er sich ausdrücklich an den Angeklagten wendet. „Herr Strauß“, sagt Hofmeister mehrmals fast bittend und erörtert im Folgenden, dass es bestimmt nicht leicht gewesen sei für den Angeklagten, das unwürdige Gerangel um das angeblich oder tatsächlich von den bayerischen Finanzbehörden gepfändete Grab seiner Eltern in Rott am Inn zu ertragen. Er hoffe jedoch „inständig“, fährt Hofmeister fort, dass zwischen dem Bekanntwerden der Maßnahmen und dem Prozessbeginn in Augsburg kein ursächlicher Zusammenhang bestehe. Lange lässt er während dieser Ansprache seine Augen auf Max Strauß und der Anklagebank in Gänze ruhen.

Drei Stunden später in München ist die bayerische Regierung bei der aktuellen Stunde im Landtag kraftvoll bemüht, die Gruft-Affäre sozusagen zu beerdigen, aber das ist leichter gesagt als getan. Zu viel Unmut hat sich dieser Tage aufgestaut – und den meisten davon bekommt Finanzminister Kurt Faltlhauser ab, der sich noch am Montag vom CSU-Fraktionsvorsitzenden Joachim Herrmann anhören musste, dass „durch stärkere politische Kontrolle der Vorgang“ hätte vermieden werden können.

Andere waren härter mit Faltlhauser ins Gericht gegangen. So hatte zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler Faltlhauser „objektive Täuschung der Öffentlichkeit“ vorgeworfen. In der Tat war es so, dass Faltlhauser nicht nur vorübergehend den Überblick verloren hatte, was sein Ministerium mit dem Grab der Familie Strauß im Sinn hatte, vielleicht hat er sogar gelogen. Dagegen verwahrte er sich im Landtag allerdings entschieden. Es habe lediglich „unglückliche Formulierungen“ gegeben.

Die Materie ist reichlich kompliziert. Zuerst hatte Faltlhauser behauptet, sein Amt habe die Gruft nebst Grundstück nicht pfänden wollen, weil Max Strauß als zahlungsunfähig galt. Faltlhauser sprach von „haltlosen Unterstellungen“. Dann aber tauchten Schriftstücke auf, die das Gegenteil bewiesen. Faltlhauser mag im Sinne von Edmund Stoiber gehandelt haben, offensichtlich jedoch war die Koordination zwischen Staatskanzlei und Finanzministerium nicht ganz störungsfrei organisiert, weswegen auf einmal alle bedauerten, was offensichtlich gemeinsam überlegt worden war. Stoiber mochte keinen posthumen Vatermord aus Gründen der Staatsräson zugeben; Faltlhauser, ein durchaus eitler Mensch, keinen persönlichen Fehler eingestehen. Wie Robin Hood traten zudem von Stoiber einst gedemütigte Politiker (Alfred Sauter, Peter Gauweiler) in der Rolle der Rächer der Gepfändeten auf. Strauß-Tochter Monika Hohlmeier musste weinen; die FJS-Treuen waren entsetzt. Nun wurde alles wieder rückgängig gemacht, was offenbar sowieso nur halbherzig in Gang gekommen war. Possenspiel? Tragödie? Bayern jedenfalls nahm ziemlichen Anteil, auch weil sich am Grab ja dann doch alles irgendwie aufhört.

Es gehört zu den Geheimnissen der ansonsten ja sehr effizienten CSU, wie so etwas passieren kann. Es gehört aber erst recht zu den Wunderlichkeiten, wie schnell im Nachhinein dieselbe CSU vergessen zu können scheint, was nicht mehr zu ändern ist. Nach der Kabinettssitzung jedenfalls, in der ja pikanterweise die Kultusministerin Hohlmeier nicht weit entfernt sitzt vom Finanzminister, fand zum Beispiel der Innenminister Günter Beckstein, Faltlhauser habe sehr plausibel darzulegen gewusst, warum der Apparat sich gewissermaßen verselbstständigt habe. Faltlhauser, sagt Faltlhauser selbst, hat eigentlich nie eine Schuld getroffen. Im Grunde genommen war es also keiner, der die Pfändung veranlasst hat; niemand war so recht zuständig, und so ist passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Faltlhauser hat sich nun bei der Familie Strauß entschuldigt, allerdings nicht persönlich, sondern „namens der Finanzbehörden“. Monika Hohlmeier hat die Entschuldigung angenommen. Max Strauß hat andere Sorgen.

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