Zeitung Heute : Grabung im eigenen Keller

Hundert Jahre Staub auf Mumien und Statuen – die Sammlung des Ägyptischen Museums in Kairo wird endlich geordnet. Vor allem in den Gewölben finden die Archäologen versunkene Schätze

Andrea Nüsse[Kairo]

Eine Dreckschicht, zentimeterhoch, angesammelt in mindestens 100 Jahren, fest geworden durch Feuchtigkeit. Was sie verbirgt, lässt sich nur erahnen. Menschliche Schädel, Sarkophage, alles grau – Wafa al Saddik lässt das Bild auf dem Schirm ihres Laptops stehen. „So fand ich den Keller des Museums vor, als ich 2004 hier angefangen habe“, sagt die Archäologin. Seit Februar 2004 ist sie die Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, das eine der berühmtesten Antiquitätensammlungen der Welt besitzt, darunter die berühmte Goldmaske des Pharaos Tutenchamun. „Wir machen hier unsere eigene Ausgrabung“, sagt sie.

Wafa al Saddik sitzt in ihrem bescheidenen dunklen Büro gleich rechts vom Haupteingang. Sie ist 55 Jahre alt, das Gesicht ist rundlich, die schwarzen Haare trägt sie schulterlang. Sie ist der Ruhepol inmitten des Museumsgetriebes, für jeden hat sie Zeit, der an diesem Morgen in ihr Büro schneit. Mit dem Besuch spricht sie übrigens Deutsch, fast perfekt, ihren Doktor in Archäologie hat sie in Wien gemacht und danach jahrelang in Köln gearbeitet, wo ihr ägyptischer Ehemann die Dom-Apotheke betrieb. Sie sagt: „Der Keller des Museums gleicht einem Labyrinth, jeden Tag entdecken wir neue Schätze.“ Wafa al Saddik lächelt – aber was sich jahrzehntelang im Keller des berühmten Hauses abgespielt hat, muss jeden Kunstliebhaber erschüttern.

Einmalige Funde aus ägyptischen und ausländischen Grabungen sind ungeordnet und unbeschriftet gestapelt worden, oft ohne Abdeckung gegen Staub, Feuchtigkeit und Schädlinge. Den öffentlichen Museumsräumen, in denen traumhaft schöne Funde recht lieblos aneinander gereiht sind, kann der Besucher noch einen gewissen Charme abgewinnen. Aber die Zustände im Keller machen ratlos.

Fremde werden dort nun überhaupt nicht mehr hinuntergelassen. Der Letzte war ein Reporter der New York Times. Durch eine schmale Tür, die nur für Hobbits gedacht sein könne, so beschrieb er es, gehe es eine Flucht von Treppen hinunter, an deren Ende wieder eine verschlossene Tür steht. „Die Keller sind verbunden durch ein Labyrinth verschlungener Pfade, über denen Glühbirnen von durchhängenden Kabeln baumeln“, schrieb er. Sie seien voll gestopft mit hunderten hölzerner Lattenkisten, manchmal bis zur Decke gestapelt. Spinnweben klebten an antiken Töpferwaren und Tafeln voller Hyroglyphen. Und überall menschliche Überreste auf Regalbrettern, Totenschädel in Kisten, zerbrochene Amulette, Schalen und Krüge.

Nur eine Woche, nachdem Wafa al Saddik die Leitung übernommen hatte, wurde plötzlich ein Sandsteinrelief des Nilgottes Hapi vermisst. Japan hatte das wertvolle Stück 1984 an Ägypten zurückgegeben, weil es illegal außer Landes geschmuggelt worden war. Seither wurde es im Keller gelagert. Aber plötzlich konnte es für eine Sonderausstellung nicht mehr gefunden werden. Auf der Suche stieg die neue Chefin zum ersten Mal in den Keller – und fand es. Zufällig. In einem Karton.

Also hat Wafa al Saddik es angepackt. Seit Monaten schon durchforsten zwei Gruppen, die aus je drei Archäologen und einem Restaurator bestehen, die unterirdische Schatzkammer. „6000 Särge und 2000 Töpfe haben wir bisher in unserem Computer erfasst“, sagt el-Saddik. Die Objekte werden gereinigt und in Regalen geordnet. Sie schätzt, dass ihre Mannschaft, insgesamt 30 Kuratoren und 20 Restauratoren, noch zwei Jahre braucht, um eine Inventarliste zu erstellen.

Wafa al Saddik will aber nicht nur den Keller ordnen. Auch die Ausstellungsräume im blassrosafarbenen Gebäude aus dem Jahre 1900 sollen modernisiert werden: Beleuchtung, Beschriftung und eine Klimatisierung der Schaukästen sind geplant. Gerade wird ein neuer Mumiensaal für die Überreste von Priestern eingerichtet, die im Lager aufgetaucht sind. „Diese Mumien sind besser erhalten als die bereits ausgestellten Königsmumien“, sagt die Direktorin. Im nächsten Schritt sollen ein Informationszentrum und eine Museumsschule entstehen.

Aber trotz aller Fortschritte – der Strom rätselhafter Vorkommnisse reißt nicht ab, schon ist vom „Fluch der Pharaonen“ die Rede, und außerhalb des Museums werden diese Fälle oft gleich als Skandal wahrgenommen. Im September zum Beispiel fehlten plötzlich drei Steinstatuen, die vorübergehend im Keller aufbewahrt worden waren. Einige Wochen später fasste die Polizei Bauarbeiter, als sie die Stücke verkaufen wollten. Außerdem hatte Wafa al Saddik ausdrücklich verboten, eine fragile Statue von King Merenre aus der Ausstellung zu nehmen, um Platz für eine Sonderschau zu machen. Aber dann wurde die Figur aus Bronzeblättern – wohl auf höhere Anweisung – dennoch bewegt. Und beschädigt. Es gibt da wohl Querelen zwischen der Museumsleiterin, dem mittlerweile abgetretenen Leiter aller staatlichen Museen sowie dem Chef der Altertumsverwaltung. Was aber keiner laut sagt. Wohl weniger aus Angst vor dem Fluch der Pharaonen als vor dem Zorn des Zahi Hawass, Generalsekretär der Antikenbehörde. Seit drei Jahren herrscht der mit eiserner Faust über die ägyptische Archäologie.

Und Skandale im Museum kann Hawass derzeit nicht gebrauchen. Gerade hat er einer Reihe internationaler Museen den Kampf angesagt: Er fordert nicht nur die Büste der Königin Nofretete zurück, die in Berlin vor kurzem auf die Museumsinsel umgezogen ist, sondern auch den Stein von Rosetta aus dem Britischen Museum. Diese Forderungen hatte er im Sommer an die Unesco geschickt mit der Bitte, zu vermitteln. Das Argument, dass die Zustände im Ägyptischen Museum nicht die beste Werbung für eine Heimholung sind, lässt er nicht gelten. „Wir bringen unser Haus gerade in Ordnung“, sagt er bei einem Gespräch in seinem großen Büro in der Antikenverwaltung. „Sicher verschwinden hier Dinge“, gibt er zu. „Aber wir merken das jetzt nur, weil wir uns endlich einen Überblick verschaffen.“

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