Grauen über Berlin : Sonne! Sonne! Sonne!

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Wir werden noch alle zu Trinkern, in Melancholie versunkenen Trinkern. Wir werden es noch machen wie die Schweden, die Finnen, die bis zum Stillstand der Augen trinken, bis dass die Säufersonne lacht. Wenigstens die. Sonne?! Sonne? Was ist das? Und kein abstinenter Schwede, kein trockener Finne, sofern es ihn gibt, möge sich jetzt an Ehre und Leber gepackt fühlen. Wir haben den Blues, den Winter-Blues, da rutscht einem schon mal eine grobe Pauschalisierung raus. Sonne! Helios! Wo bist du? Die Melatonine vermehren sich in diesen Tagen wie sonst nur die Karnickel im Frühling, Müdigkeit ist die Folge, abgrundtiefe Müdigkeit. Bei Licht besehen, würden sie sich verkrümeln, diese Melatonine, würden weichen müssen den weißen Blutkörperchen, den Leukozyten. die im Sonnenlicht sprießen, niedliche und hilfreiche Gesellen dies, die die Krankheitserreger abschmettern. So aber, allüberall nur Dunkelheit, Gräunis, Tristesse. Und grame Gesichter. Heute ist es der vierzehnte Tag, an dem sich die Sonne nicht blicken lässt am Himmel über Berlin. Vierzehn Tage, her mit der Flasche!

Hätte der Mensch in der Dunkelheit leben wollen, dem Sonnenlicht abgewandt, er wäre Grottenolm geworden. Der Mensch aber will ans Licht, drängt sich raus aus dem Mutterbauch, der Sonne entgegen.

Da aber ist nichts, seit vierzehn Tagen nichts, kein Schein, kein Strahl. Mag sein, dass ferne Deuter dereinst Westerwelles Dauerstrahlen in der Ferne als Übersprunghandlung eines von der Sonne vernachlässigten interpretieren werden, als Prinzip des scheinbar Sonnengöttlichen. Aber was haben wir davon, heute, hier und jetzt am vierzehnten Tag der Sonnenverweigerung? Nur das Grauen.

Wäre es nicht langsam an der Zeit, die Apokalyptiker meldeten sich zu Wort? Jene Hysteriker, die uns unlängst erst den Untergang durch die Schweinegrippe prognostizierten, und kürzlich den Untergang in den Schneemassen. Warnung vor der Winterdepression, die sich in rasantem Tempo ausbreitet, die ein klaffendes Loch in der Volkswirtschaft hinterlässt, weil die Menschen in ihrer Müdigkeit, in ihrem Grauen, in ihrem Trinkverhalten ihre Arbeitsfähigkeit vernachlässigen. Auf Jahrzehnte hinaus wird dieses Loch nicht mehr zu füllen sein. Solche Warnungen hätten erfahrungsgemäß den Vorteil, dass es so schlimm nicht wird. Und dass dann wieder jemand das Licht anschaltet. Sonne!

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