Graues Kloster : Zurück nach Mitte

An historischem Ort ist jetzt eine Tochterschule des Gymnasiums „Graues Kloster“ geplant

Katja Gartz

Wer die Klosterruine in Mitte besucht, ahnt oft nicht, welche Persönlichkeiten hier einst die Schulbank drückten. Bedeutende Namen wie Johann Gottfried Schadow, Karl Friedrich Schinkel oder Otto von Bismarck sind dabei. Unterrichtet hat hier „Turnvater“ Jahn. Und Hans-Georg Dehmelt, der 1989 den Nobelpreis für Physik erhielt sowie der Landesrabbiner Nathan Peter Levinson waren ebenfalls Klosteraner. Unweit vom Alexanderplatz entfernt, an der Kloster- Ecke Grunerstraße, stand eine der angesehensten Schulen der Stadt: Das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster.

Heute ist dort eine Grünfläche, das Gymnasium befindet sich in Wilmersdorf. Schulträger ist die Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Doch das soll sich ändern. Der Förderverein des „Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster – Berlinisches Gymnasium“ will eine Tochterschule an historischem Ort gründen.

„In Verbindung mit der heutigen Schule wollen wir die humanistische Bildungstradition des Grauen Klosters in Mitte wiederbeleben“, sagt der Vereinsvorsitzende Ernst Brenning. Entstehen soll ein dreizügiges Evangelisches Gymnasium. Zu den Pflichtfächern werden wie an dem bestehenden „Grauen Kloster“ Latein, Englisch und Griechisch zählen. Die Möglichkeit in Chor oder Orchester mitzuwirken, die Teilnahme an Sozialpraktika und Auslandsfahrten sollen an der neuen Schule dazugehören. Neben einem Gymnasium mit Bildungsanspruch will die Schule ein Ort für Ausstellungen, Musikveranstaltungen und Diskussionsrunden werden. „Das Graue Kloster soll Raum für kulturellen Austausch und religiösen Dialog im Zentrum Berlins bieten“, sagt Rechtsanwalt Brenning. Dazu möchte der Förderverein auch die Klosterruine nutzbar machen.

Mit der Schulgründung würde der Bezirk Mitte um eine freie Schule reicher. Diese mit Leben zu füllen, dürfte bei dem großen Andrang am Evangelischen Gymnasium in Wilmersdorf jedoch kein Problem sein. Dort gibt es pro Schulplatz drei Bewerber.

Die voraussichtlichen Kosten der Schulgründung liegen laut Förderverein zwischen 15 und 20 Millionen Euro. Finanziert werden soll das Projekt von der Evangelischen Kirche sowie mit Hilfe von Stiftungen und Spenden. „Wenn die Finanzierung gesichert ist, kann der Grundstein gelegt werden“, sagt Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Doch bis dahin dauert es noch mindestens ein Jahr. Erst wenn der Bebauungsplan für das Molkenmarktquartier vom Senat beschlossen wird, kann die Evangelische Kirche das Schulgrundstück beim Land Berlin erwerben. Sowohl der Berliner Senat als auch der Bezirk Mitte befürworten das Schulprojekt. „Wohn- und Bürogebäude gibt es bereits genug, eine Schule verbessert die Infrastruktur und bereichert die Bildungslandschaft“, sagt Stefan Klette vom Fachbereich für Stadtplanung in Mitte.

Als Schuladresse hat dieser Ort eine lange Tradition. Gegründet wurde das „Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster“ 1574 als städtische und humanistisch-altsprachliche Schule in den leer stehenden Räumen des Franziskaner-Klosters. 1923 war das Graue Kloster eine der ersten Berliner Studienanstalten für Mädchen. Durch wertvolle Zuwendungen von Lehrern und Schülern, vor allem Gemälde und Bücher, besaß das Gymnasium eine der größten deutschen Schulbibliotheken. 1945 wurden Schulgebäude, Klosteranlage und Kirche durch Bombenangriffe zerstört.

Der Schulbetrieb fand nach Kriegsende in einem Rektorenhaus in der Weinmeisterstraße, vier Jahre später in einem Schulgebäude in der Niederwallstraße in Mitte statt. Die Überreste der Schulanlage in der Klosterstraße wurden 1950 nach und nach abgerissen. „Das Rektorenhaus war völlig zerstört, andere Gebäude hätten gerettet werden können, weil nur die Dächer ausgebrannt waren“, erinnert sich Peter Rohlach, der 1953 am Grauen Kloster in Mitte Abitur machte. Er hat sich der wertvollen Bibliothek angenommen und war bis 1998 stellvertretender Leiter der Sammlung, die sich heute in der Zentral- und Landesbibliothek befindet.

Aus schulpolitischen Gründen wurde das Graue Kloster 1958 geschlossen und in „Zweite erweiterte Oberschule“ umbenannt. „Humanistisch-altsprachliche Bildung war im Ostteil unerwünscht, doch die Schüler verstanden sich noch lange als Klosteraner“, berichtet Ernst Brenning. Zu ihnen zählte auch Hermann Simon. Heute ist der Direktor der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Graues Kloster Mitte.

Das Evangelische Gymnasium in Wilmersdorf übernahm 1963 die Tradition des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster. Als bei einer Veranstaltung zur Geschichte des Grauen Klosters im März 2000 Ost- und Westklosteraner aufeinandertrafen, entstand die Idee der Schulgründung an historischem Ort. Unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Huber, des Bischofs der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, gründete sich ein Jahr später der Förderverein, um das Schulprojekt „Graues Kloster Mitte“ voranzutreiben. Der Schulname führt zum Ursprung der Tradition zurück: Er kommt von den grauen Kutten der Franziskaner.

Das Graue Kloster in Berlins Mitte hat eine lange Schultradition: 1574 In den leer stehenden Räumen eines Franziskaner Klosters wird die Schule gegründet.

1945 Das Schulgebäude, die Klosteranlage sowie die Kirche werden durch Bombenangriffe zerstört.

1958 Aus schulpolitischen Gründen wird es geschlossen.

1963 Das evangelische Gymnasium in Wilmersdorf übernimmt die Tradition des Grauen Klosters.

2000 Bei einem Schultreffen entsteht die Idee der Neugründung. In frühestens einem Jahr kann damit begonnen werden.

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