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Zeitung Heute : Greenpeace: Das Auge der Multis

10.12.2000 00:00 UhrVon Otto Diederichs, Holger Stark

Diese Zweifel. Ulrich Delius hatte sie schon damals, im Sommer 1996, als sich Manfred S. mit seiner Kamera in Göttingen bei der Gesellschaft für bedrohte Völker vorstellte. Irgendwie hat das alles nicht gepasst: Wie er drehte. Nur zu zweit, ohne Assistenten. Wie er diesen Film produzieren wollte. Ohne Auftraggeber und Finanzier. Dann diese Ansichten. Ein stramm linker Kurs, sagt Delius, DKP-nah. Als ob er damit besonders gut in der alternativen Szene ankäme. "Ich hatte schon damals meinen Verdacht", sagt Ulrich Delius. Indes: Was soll man einem vorwerfen, der in der Öko-, Umwelt- und Menschenrechtsszene vorspricht und erzählt, er wolle einen Film über die Geschäftspraktiken von Shell in Nigeria drehen? Natürlich waren die Grünen und Guten dieser Republik froh darüber.

Schließlich erhöht jeder kritische Film den Druck auf Multis wie Shell und Regimes wie das in Nigeria.

Manfred S. tourte also durch die Republik, filmte Protestaktionen, notierte Interna und interviewte die Köpfe der Bewegung, darunter auch Delius und die heutige Parlamentarische Staatssekretärin Christa Nickels. Heraus kam ein 60-minütiges Video mit dem Titel "Business as usual" über Shell, das ein paar Mal bei Veranstaltungen gezeigt wurde. Heraus kam auch ein Bericht, der von Unterhaching, wo die Firma von Manfred S. ihren Sitz hat, nach London ging. Empfänger des vertraulichen Papiers war ein Unternehmen namens Hakluyt, das für multinationale Konzerne arbeitet. Was Manfred S. in Gesprächen erfuhr, bereitete er detailliert für die Engländer auf. Die wiederum leiteten die Informationen an ihre Auftraggeber weiter.

Die Öko- und Menschenrechtsszene war in Bewegung, damals, nach der Hinrichtung Ken Saro-Wiwas durch die nigerianische Diktatur Ende 1995. Greenpeace hatte spektakulär die Versenkung der Shell-Bohrinsel Brent Spar verhindert, die Grünen sprachen von einer Mitverantwortung des Ölkonzerns am Tod Saro-Wiwas. Ein Shell-Boykott ließ die Umsätze um bis zu 80 Prozent einbrechen. So konnte es nicht weiter gehen.

Spätestens 1996 schaltete sich deshalb die englische Wirtschaftsdetektei Hakluyt ein. Hakluyt ist eine Firma mit Sitz in London, die von ehemaligen Mitarbeitern des britischen Geheimdienstes MI6 gegründet wurde. In einer Broschüre weist Hakluyt frühere hochrangige Angestellte von Shell und BP als Mitglieder seiner Stiftung aus, die wie ein Aufsichtsrat arbeitet. Die Beziehungen zu Wirtschaft und Politik sind exzellent, die Vorgehensweisen diskret. "Die Idee war, das für die Industrie zu tun, was wir früher für die Regierung taten", so Christopher James, ein ehemaliger MI6-Agent. Das heißt: mit konspirativen Methoden Informationen beschaffen - unter anderem über Greenpeace.

Hakluyt engagierte für den Greenpeace-Job den Dokumentarfilmer Manfred S. aus Unterhaching. S., ein 54-Jähriger mit Lederjacke, schulterlangen Haaren und tiefen Falten, betreibt eine Firma namens "gruppe 2 film- und videoproduktionen", die an Dokumentationen über die Roten Brigaden arbeitete und ein Archiv über militante Gruppen unterhält. Wer sich dahinter verbirgt, ist bis heute unklar. Aus "Gründen der Konspiration" solle nur er selbst bekannt sein, erzählte Manfred S. in der linken Szene. Gleichzeitig legte er über seine Genossen Dossiers samt Steckbriefen an. Seine Kontakte zu Geheimdiensten sind nach eigenen Angaben gut. Ein perfekter Mann also, um in der Ökoszene zu recherchieren.

S. machte schnelle Fortschritte. Er filmte bei einer Protestaktion am 8. November 1996 in Hannover, als die Gesellschaft für bedrohte Völker symbolisch einige Ogoni zu Grab trug. Er suchte in der "Recherche Shell/ Nigeria / Ogoni" Firmen wie Body Shop auf, die als Nigeria-kritisch galten und fuhr nach Hamburg, um mehr über die Greenpeace-Aktivitäten herauszufinden. Denn Greenpeace war für die Erdölindustrie seit der Brent-Spar-Aktion zu einem ernsten Problem geworden. Firmen wie BP oder Shell diskutierten deshalb, wie sie sich verhalten sollten. Einer der Vorschläge: Greenpeace mit hohen Schadensersatzforderungen zu überziehen und damit zu paralysieren.

1997 lieferte Manfred S. mehrere Berichte nach London - "zur Stimmung bei den grünen Kriegern", wie es in einem Dokument heißt. Es ging es um eine Greenpeace-Kampagne mit dem Titel "Atlantic frontier". Der Multi BP sollte dadurch gezwungen werden, auf neue Ölbohrungen zu verzichten. Es war die erste Kampagne nach der Brent-Spar-Aktion - eine Kampgane, "die sehr schnell und sehr geschickt von BP konterkariert wurde", wie sich Greenpeace-Sprecher Stefan Krug erinnert. Denn dank der Berichte von Manfred S. war Hakluyt bestens informiert, was bei Greenpeace diskutiert wurde.

Im Mai 1997 besorgte Hakluyt "ein urfrisches erstes Exemplar" einer Greenpeace-Dokumentation zu den Ölbohrungen - die 64-seitige Broschüre hatte der Auftakt zur Kampagne sein sollen. "Noch nass von der Druckerei", wie Hakluyt-Direktor Mike Reynolds stolz schrieb, übergab Hakluyt das Exemplar an seinen Auftraggeber. Am 8. Mai 1997 beauftragte Reynolds seinen Unterhachinger Mitarbeiter, herauszufinden, wie Greenpeace auf die möglichen Schadensersatzforderungen reagierte: "Was kann GP machen, um sein Vermögen vor dem Konkurs zu retten? Ich würde gerne die Meinung deiner Informanten darüber wissen", so Reynolds - die Angelegenheit sei von "höchster Bedeutung". Tatsächlich klagte BP später gegen Greenpeace und brachte die Öko-Organisation damit an den Rand der Handlungsunfähigkeit. Jan Rispens, der zuständige Öl-Campaigner, der in einem der Berichte namentlich erwähnt wird, ist "erstaunt über das detaillierte Wissen dieser Berichte über das, was bei Greenpeace zu dieser Kampagne überlegt wurde".

Manfred S. sagt, er habe von Hakluyt einen "allgemeinen Rechercheauftrag über Strukturen und die finanzielle Situation bei Greenpeace" erhalten; er vermute BP als Auftraggeber. Hakluyt selbst will nur bestätigen, dass es sich um eine Firma handelte, "die in kontroversen Ländern investiert und die wissen will, in welches Licht sie gerät". Die Deutsche BP reagierte am Freitag ratlos: man könne sich das nicht vorstellen, sagte ein Sprecher, wolle das aber prüfen.

Manfred S. hat derzeit ganz andere Probleme. In linken Zeitungen und dem Internet wird er seit dieser Woche beschuldigt, unter dem Decknamen "Camus" linksradikale Gruppen in der Schweiz ausspioniert und mit Geheimdiensten kooperiert zu haben. Manfred S. weist das weit von sich: Eine "Rechtfertigungsschrift" werde bald mit allen Vorwürfen aufräumen.

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