Zeitung Heute : Grenzen der Anteilnahme

WALTHER STÜTZLE

Nein, zur Sprachlosigkeit neigt unsere Gesellschaft nicht.Auch das größte Eisenbahnunglück versetzt das Land, dem dieses Schicksal widerfahren ist, nicht in Schweigen.Weder für einen Augenblick noch für ein nachdenkliches Innehalten.Binnen Sekunden ist das Leben von Menschen erloschen, die nichts anderes im Sinne hatten als sich mit Hilfe modernster Transporttechnik von einem Ort zu einem anderen zu bewegen.Aber gefunden haben sie nicht das Ziel, sondern den Tod.Am Ende der Reise stand das Ende des Lebens - doch das Land quasselt und schnattert, ohne Punkt und Komma.Ganz so als sei nichts Besonderes gewesen.Ganz so, als berühre der gemeinschaftlich gefundene Tod so vieler Menschen nur jene, die als Angehörige allein zurückbleiben.Auf Halbmast gesetzte Flaggen sind das höchste der Trauergefühle, die wir uns leisten.Ein vom Wind bewegtes Fahnentuch ersetzt die Bewegung, zu der das Land nicht fähig ist.Und die von Amts wegen zum Kondolieren Befugten.

Deutschland ist ein gründliches Land, ein moderner Staat, dem es an infrastrukturellem Luxus nicht gebricht.Mit der Fahrkarte kauft der Eisenbahnpassagier auch einen reservierten Platz.Und längst vor dem Einstieg weisen Schilder den Fahrgast auf jenen buchstabengekennzeichneten Bahnsteigabschnitt hin, an dem der ICE-Wagen mit dem gekauften Sitzplatz halten wird.Ordentlich, genau, pünktlich, bestens organisiert: so sind wir, in guten wie in schlechten Tagen.Und doch überfordert die Eisenbahnkatastrophe von Eschede selbst bundesdeutsche Fähigkeiten.Vierundzwanzig Stunden nach dem Ende der Fernfahrt des ICE waren noch immer nicht alle Waggons geborgen, war der Weg noch immer nicht frei zu den Opfern in allen Teilen des Zuges.Aufprall und Brücken-Einsturz haben aus Tempo und Material ein Trümmerknäuel geformt, das selbst den Katastrophen-Experten eines vollkommen erschlossenen Landes die Grenzen ihrer Rettungskunst zeigt.

Schwerstes Bergegerät, bestens ausgebildete Ingenieure, qualifizierte Unfallchirurgen und Krankenhäuser, schließlich intakte Transportwege zu Lande und durch die Luft - an nichts fehlt es in Deutschland, auch nicht in Eschede.Und doch lassen sich die verschlungenen Pfade an der Unglücksstelle nur langsam öffnen und erschließen.Sichtbar werden die Grenzen einer mit allen Mitteln und Privilegien des technischen Fortschritts ausgerüsteten Gesellschaft.Doch für wen wird Eschede Anlaß sein, an die Erdbebenkatastrophe in Afghanistan zu denken - wo vierzig Mal mehr Menschen ihr Leben verloren haben und wo die Überlebenden mit bloßen Händen nach den Toten und nach Schutz vor todbringender Naturgewalt suchen!

Unglücke sind auch Medienereignisse.Der Hunger nach Information ist gewaltig.Und die Augen sind größer als der Magen.Fernseh-Anbieter, zumal private wissen das und mischen die Kost entsprechend.Auf DAX-Werte als Wortzeile muß auch beim Blick auf das Trümmerfeld niemand verzichten.Und lange bevor letzte Gewißheit über die Zahl der Opfer besteht sind erste Fragen über Schuld und Schuldige schon gestellt.Keine Geschichte über den rastlosen Einsatz einer genau bekannten Zahl von Helfern, aber luftige Spekulation über eventuell am Gleisbett vorgenommene Manipulationen.Kein Portrait von jenem Bahnhofsvorsteher, der geistesgegenwärtig die ICE-Strecke auf rot geschaltet und damit Folge-Unglücke verhindert hat, aber viel, zu viel Laienhaftes über komplizierte Bahntechnik und mögliche Gründe des Versagens.Wo anteilnehmende Bilder geboten sind, regiert Einschaltquote.Weniger Wettlauf ums nebensächliche Detail wäre mehr gewesen.

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