Zeitung Heute : Grenzen und Entdeckungen

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Lorenzo Ghielmi am Klavier / Ensemble Baroque de LimogesAls Johann Sebastian Bach 1747 Friedrich den Großen in Potsdam besuchte, hatte er erstmals Gelegenheit, auf einem Hammerklavier aus der Werkstatt Gottfried Silbermanns zu spielen.Bach rühmte, wie uns der Hofkomponist Agricola berichtet, den Klang des neuartigen Instruments, tadelte aber, "daß es in der Höhe zu schwach lautete, und gar zu schwer zu spielen sey".Derselbe Eindruck stellte sich ein, als der italienische Musiker und Musikwissenschaftler Lorenzo Ghielmi nun auf dem Nachbau eines solchen Silbermannschen "Fortepiano" im Musikinstrumenten-Museum spielte.Die klanglichen Stärken des Instruments brachte er bei den Stücken Carl Philipp Emanuel Bachs besonders gut zur Geltung.Den scharfen Kontrasten und musikalischen Charakterzeichnungen des "Sturm und Drang" entspricht das Hammerklavier mit seiner sonoren Tiefe und der großen Modulationsfähigkeit des einzelnen Tons wohl auch besser als den strengen polyphonen Meisterwerken Johann Sebastians. Mit den beiden Ricercari aus dem "Musikalischen Opfer", deren Darstellung auf einem Tasteninstrument ohnehin heikel ist, und Präludien und Fugen aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers standen zudem Werke auf dem Programm, die dem Publikum die schwierige Spielbarkeit des Instruments allzu deutlich vor Ohren führten.Hier geriet Ghielmi an seine technischen Grenzen.Vieles nahm er - wohl auch aus diesem Grund - sehr langsam; zu wenig nutzte er die damals neuen instrumentalen Möglichkeiten, in Lautstärke und Phrasierung stärker zu differenzieren. Diese Möglichkeiten standen Willem Jansen bei dem anschließenden Konzert des "Ensembles Baroque de Limoges" im Kammermusiksaal der Philharmonie nicht zur Verfügung; und trotzdem gestaltete er, vor allem durch Agogik, Bachs d-Moll-Konzert (BWV 1052) auf einem gewöhnlichen Cembalo außerordentlich schwungvoll und farbig.Eine kleine Entdeckung war das lebendige und musizierfreudige c-Moll-Konzert für Violine und Viola da gamba von Johann Gottlieb Graun (einem älteren Bruder des Berliner Hofkapellmeisters Carl Heinrich Graun).Auch C.Ph.E.Bachs Cellokonzert A-Dur (Wq.170), vor allem in seinem langsamen Satz ein wahres Muster- und Meisterwerk der "Empfindsamkeit", würde man gerne viel öfter hören: Christophe Coin - Cellist, Gambenspieler und Leiter des Ensembles - gestaltete das Largo als ergreifenden Trauergesang, auf den das Allegro wie ein befreiender Sturm folgte. Schließlich sang Maria Christina Kiehr mit schöner, ebenmäßiger und leicht dunkel timbrierter Sopranstimme die Bach-Kantate "Non sa che sia dolore" (BWV 209).Das "Ensemble Baroque de Limoges" zeigte sich hierbei als erstklassiges Ensemble für Musik des Barock - hoffentlich gastiert es bald wieder in Berlin! GREGOR SCHMITZ-STEVENS

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