Zeitung Heute : Grenzenlose Bauernfängerei

PETER DE THIER

Amerikanische Investment-Betrüger nutzen das InternetVON PETER DE THIER

In den achtziger Jahren wickelten Wall-Street-Haie wie Ivan Boesky und Michael Milken ihre Insider-Geschäfte noch auf konventionellem Wege ab.Sie griffen zu Telefonhörer, um ihre Form von Bauernfängerei zu betreiben.Im Zeitalter des Internet florieren in Amerika nun Betrügereien per Computer.Mittlerweile hat sich auch der Dachverband amerikanischer Wertpapierhändler eingeschaltet.Die National Association of Securities Dealers NASD spricht von einem "mehrstelligen Milliardenschaden, der vor allem Kleinanlegern jedes Jahr durch Börsentips auf dem Netz entsteht". Mary Schapiro, die Vorsitzende der Überwachungsbehörde NASD Regulation Incorporated hat für unbedarfte Investoren eine Faustregel: Börsentips via Internet dürfen grundsätzlich nicht befolgt werden.In der Regel würden sich dahinter "Menschen oder Firmen verbergen, die selbst von Kurssausschlägen profitieren".Dabei könne es sich nach Schapiros Angaben um institutionelle Investoren, dubiose Wertpapierhäuser und gelegentlich auch angesehene Wall-Street-Firmen handeln, die ihre Identität hinter einem Codenamen verbergen. Die Lage ist während der letzten Monate so ernst geworden, daß NASD nun über eine eigene Internet-Adresse Tips und Warnungen ausgibt.Binsenweisheiten sind die Regel: "Nehmen sie keine Empfehlungen an, ohne die genaue Quelle zu kennen" oder "Wenn es zu gut klingt, um wahr zu sein, bleiben Sie skeptisch". Daß die Hinweise so allgemehin gehalten sind begründet Schapiro mit der Weitläufigkeit des Internet."Dieses globale Computernetwork in den Griff zu bekommen, ist für eine einzige Regulierungsbehörde schlichtweg unmöglich".Mehr als die Präsenz des NASD und allgemeine Phrasen seien vorläufig nicht möglich. Dennoch hat die elektronische Überwachung bereits Früchte getragen.NASD Regulation Inc.arbeitet seit Jahresbeginn mit dem Internet "Investmentforum" Motleys Fool zusammen.Motleys offeriert über den zweitgrößten Internet Anbieter America Online insbesondere für Kleinanleger ein Forum zum Austausch von Börsentips an.Alle führenden Online-Dienste in den Staaten haben vergleichbare Produkte. Wie die Behörden aber vermuten, haben sich dubiose Geschäftemacher in die privaten Gesprächsgruppen mit ihre gutgemeinten Zielen eingeschlichen."Selbst ein Unternehmen wie Merril Lynch könnte sich hinter einem beliebigen Paßwort verbergen, und so tun, als handele es sich um gutgemeinte Börsentips von einem Privatanleger" erklärt der Investmentbanker Michael Dooley. Den größten Erfolg landete NASD bisher bei dem kalifornischen Unternehmen Comparator Systems Inc, deren Aktie an der Nasdaq-Börse bis vor zwei Monaten notierte.Comparator behauptete, eine neue Methode zum fehlerfreien Vergleich von Fingerabdrucken bei Kriminellen erfunden zu haben.Im Internet wurde die Aktie heftig diskutiert und als heißer Tip gehandelt.Auf den rasanten Kursanstieg der obskuren Firma reagierte NASD mit einer Überprüfung der kalifornischen Neugründung.Wie sich bald herausstellte, hatten die Firmeninhaber selbst über das Netz unter Tarnnamen die eigene Aktie hochgejubelt uund anschließend abkassiert.Ein Bundesgericht hat mittlerweile sämtliche Vermögenswerte einfrieren lassen, die Unternehmensgründer von Comparator Systems sind wegen mehrfachen Betrugs angeklagt.

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