Zeitung Heute : Grenzerfahrung

In Belgien verschärft sich der Sprachenstreit – nicht zum ersten Mal. Keine Stadt verkörpert diesen Konflikt zwischen Flamen und Wallonen so gut wie Louvain-la-Neuve. Denn sie verdankt ihm ihre Entstehung

von
Planstadt.
Planstadt.

Vor den Türen der Universität brüllen die Studenten: „Wallonen raus, Wallonen raus!“ Drinnen brennt ein Hörsaal, die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Es ist Februar 1968. In der belgischen Stadt Löwen herrscht der Ausnahmezustand.

Mittendrin: Michel Gevers, 22 Jahre alt, Vertreter der französischsprachigen Studenten. Nur hier in Löwen können sie als Wallonen noch gemeinsam mit den niederländischsprachigen Flamen studieren, wenn auch in getrennten Kursen. Die Universität, 1425 gegründet, eine der ältesten Europas, besitzt eine ehrwürdige Tradition. Jetzt droht die komplette Spaltung. Eine Katastrophe.

April 2010. Wieder eskaliert der Streit zwischen Wallonen und Flamen in Belgien, die Regierung zerbricht. Wieder ist das Wort „Splitsing“ – Spaltung – in aller Munde. Diesmal geht es aber um das ganze Land.

Juni 2010. Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen gewinnt in Flandern eine Partei, die die Teilung des Landes offen anstrebt. Warum sollten sie auch zusammenbleiben, die französischsprachigen Wallonen im Süden und die niederländischsprachigen Flamen im Norden? Die beiden Bevölkerungsgruppen, die seit Jahrzehnten im Streit liegen?

Manchmal tut scheiden gut, das zeigt zumindest die Geschichte von Louvain-laNeuve, einer Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern südöstlich von Brüssel.

Michel Gevers, 1968 Student in Löwen, ist heute 65 Jahre alt und Professor für Ingenieurswesen an der Universität von Louvain-la-Neuve. Sein Büro liegt auf einem Hügel am östlichen Ende der Stadt. Ohne die dramatischen Ereignisse vor 42 Jahren in Löwen wäre er nicht hier, es gäbe die Universität nicht, es gäbe die ganze Stadt nicht. Gevers öffnet das Fenster und schaut auf eine grüne, sanft gewellte Landschaft. 1968 schnatterten hier die Gänse auf den Feldern, es gab kaum Straßen. Neben seinem Büro steht das Backsteingebäude, mit dem Louvain-la-Neuve 1972 begann, mit einem Teilchenbeschleuniger und ein paar Ingenieuren.

Wenn er sich weit aus dem Fenster lehnt, kann Michel Gevers bis hinüber zum Place de l’Université blicken, einem der beiden zentralen Plätze der Stadt, wo an diesem Nachmittag im Frühsommer die Studenten am Brunnen oder auf dem Asphalt sitzen und die Sonne genießen. In einem der roten Backsteinhäuser, die den Platz einschließen, ist die Uni-Verwaltung untergebracht, gegenüber liegt ein kleines Café. Nichts erinnert an die beinahe gewalttätigen Auseinandersetzungen, die am Anfang dieser Stadt standen.

Michel Gevers schließt das Fenster und setzt sich an seinen Schreibtisch. Er ist ein besonnener Mensch mit weißem Bart und freundlichen Augen. Wenn er an den Februar 1968 zurückdenkt, wird sein Blick sehr ernst. Der französischsprachige Teil der Universität Löwen hatte damals angekündigt, sich ausdehnen zu wollen. Das aber befeuerte die historisch begründete Angst der Flamen, von den Französischsprachigen erdrückt zu werden.

Die Flamen waren zwar schon immer in der Mehrheit, wurden aber seit der Gründung des Landes 1831 sprachlich und kulturell unterdrückt. Erst in den 1960er Jahren hatte die Flämische Bewegung eine sprachliche Gleichberechtigung erreicht. Wenn sich das Französische um Brüssel herum bis nach Löwen weiter ausbreiten würde, so fürchteten viele Flamen, würde ihre Sprache wieder zurückgedrängt werden. „Jeden Abend gingen die Studenten in Löwen auf die Straße“, erinnert sich Gevers. Die Wallonen sollten in Löwen, in Flandern, auf Niederländisch studieren – oder gar nicht.

„Alle hatten Angst, dass die Stimmung kippt“, sagt Gevers, sie wussten, was auf dem Spiel stand. Um nach einer Lösung zu suchen, schickte jede Universität des Landes Professoren und Studentenvertreter. Gevers wurde zum Verhandlungsführer der französischsprachigen Wallonen bestimmt, weil er in Flandern aufgewachsen ist und beide Sprachen spricht. Vor den Türen des Tagungsraums standen Journalisten aus der ganzen Welt und warteten gespannt auf ein Ergebnis, das die Zukunft des kleinen Königreichs Belgien prägen sollte. „Wir waren ganz nah dran“, sagt Gevers heute, 42 Jahre später. Doch sie fanden keine Lösung.

Die Französischsprachigen gingen. Sie bauten eine neue Universität und eine neue Stadt, 27 Kilometer südlich des flämischen Originals, aber jenseits der Sprachgrenze, in Wallonien, dem Süden Belgiens. Sie nannten sie einfach „das neue Löwen“, Louvain-la- Neuve.

Viele sahen in der Neugründung ein Signal für das bevorstehende Ende Belgiens. Der Streit um die Universität Löwen führte 1968 auch dazu, dass zum ersten Mal eine belgische Regierung an der Sprachenfrage scheiterte, viele weitere folgten. Die Sprachgrenze, die das Land horizontal in der Mitte teilt, war bereits 1962 fixiert worden. Zeitungen und Fernsehsender hatten sich in wallonische und flämische Ausgaben aufgespalten, die Parteien folgten. Heute ist Belgien ein nahezu komplett geteiltes Land.

Für viele Professoren sei es sehr bitter gewesen, aus ihrer Universität, ihrem Büro, ihrem Labor in Löwen hinausgeworfen zu werden, sagt Gevers. Er selbst sei einfach nur traurig gewesen. Er hatte als Wallone 20 Jahre lang in Flandern gelebt und das nie als Problem empfunden. Als die ersten Universitätsgebäude in Louvain-la-Neuve fertig waren, hatte er gerade sein Studium beendet und siedelte als wissenschaftlicher Mitarbeiter um. Anfangs stapfte Gevers durch den Matsch zu den Vorlesungen. „Es war furchtbar“, sagt er, „überall war Dreck. Und es gab nichts außer der Universität.“

Nach zwei Jahren eröffnete das erste kleine Restaurant. Fünfzehn Jahre dauerte es, bis die anderen Universitätsgebäude fertig waren und alle Mitarbeiter und Studenten von Löwen nach Louvain-la-Neuve umsiedeln konnten. Zuletzt kamen die Philosophen.

„Louvain-la-Neuve ist wahrscheinlich einzigartig auf der Welt“, sagt Bürgermeister Jean-Luc Roland. Nicht nur, weil die Geschichte der Stadt die Probleme Belgiens so klar widerspiegle. Sondern auch, weil die Gründer eine perfekt durchdachte Stadt geschaffen hätten – nach dem Vorbild einer typischen belgischen Kleinstadt und nicht etwa im futuristischen Stil der 70er Jahre. Damit die Stadt ein einheitliches Bild ergibt, sehen fast alle Gebäude gleich aus: Sie sind aus rotem Backstein und haben höchstens fünf Stockwerke. Nur an der Abnutzung der Steine erkennt man die älteren Gebäude.

Jean-Luc Roland ist klein und drahtig und seit zehn Jahren Bürgermeister von Louvain-la-Neuve. Auch er gehörte zu den ersten Bewohnern. „Ich habe in Löwen begonnen und hier zu Ende studiert“, sagt er. Heute ist Roland froh darüber, als Student hatte er keine andere Wahl, als mit der Hälfte der Universität nach Wallonien zu ziehen.

Der umtriebige Grünen-Politiker führt Gäste gerne durch die Stadt. Er zeigt auf den Hügel, auf dem Michel Gevers heute arbeitet. Dort oben, im Quartier du Biéreau, entstand auch das erste der vier Wohnviertel, die heute das Zentrum einrahmen. Die Universitätsgebäude liegen inmitten der Wohnviertel, ein Campus in der Stadt, eine Stadt im Campus – das war die Idee. „Das Konzept stand gegen alles, was in den 70er Jahren angesagt war“, sagt Jean-Luc Roland. „Die neuen Städte trennten die Funktionen: Hier die Arbeit, da das Wohngebiet, da die Freizeitaktivitäten.“ Louvain-la-Neuve wollte alles mischen, Studenten und andere Bewohner sollten sich treffen.

Die Menschen können auch gar nicht anders. Louvain-la-Neuve ist eine autofreie Stadt. Wer mit dem Zug oder dem Auto kommt, muss erst einige Stufen hinaufklettern, denn die gesamte Innenstadt wurde als hochgelagerte Fußgängerzone angelegt. Darunter befinden sich drei Ebenen Parkplätze, die jeder, der im Zentrum bauen will, erweitern muss. In dieser Stadt läuft man oder fährt Fahrrad. Alle paar Meter bleiben die Menschen stehen, begrüßen sich und plaudern miteinander, bevor sie ihren Weg fortsetzen. Wen man an diesem Nachmittag auch fragt, alle beteuern, wie sehr sie die Stadt „lieben“, wie „genial“ das städtebauliche Konzept sei, wie „ideal“ für Kinder und Familien.

Vielleicht wohnen die Kritiker auch einfach nicht hier, sondern im gerade mal 30 Kilometer entfernten Brüssel. Auch 13 000 der 23 000 Studenten von Louvain-la-Neuve pendeln jedenTag. Einige von ihnen tun das aber auch, weil es nicht einfach ist, in Louvain-la-Neuve eine Wohnung zu bekommen. Die Stadt ist die einzige in Belgien mit einer Warteliste. Manche warten seit über fünf Jahren auf ein Grundstück.

Immer noch verdienen viele Einwohner ihr Geld an der Universität. Doch mittlerweile haben sich am Stadtrand auch Industriebetriebe angesiedelt, ebenso Chemie-, Technologie- und Kommunikationsunternehmen, die eng mit der Uni zusammenarbeiten. Louvain-la-Neuve ist aber auch bei Rentnern sehr beliebt, sagt Bürgermeister Roland. War es vor 30 Jahren noch nahezu undenkbar für Rentner, nach Louvain-la-Neuve zu ziehen, weil sie sich zwischen den Studenten unwohl fühlten, steigt heute die Zahl der über 65-Jährigen rapide an. Das liegt auch daran, dass die Studenten von einst heute selbst an der Pensionsgrenze sind. Und doch prägen immer noch junge Menschen das Stadtbild.

Am Nachmittag treffen sie sich auf dem Grand Place. Zwischen der theologischen Fakultät und dem Kino, einem der wenigen modernen Glasbauten, sitzen Studenten mit Laptops im Café Grand Place und diskutieren bei einem belgischen Bier ihre Aufgaben. Auf den Stufen vor dem überfüllten Café spielt ein Mädchen Gitarre, ein Junge mit Dreadlocks jongliert mit bunten Keulen.

Hinter dem Grand Place steigt der Weg steil an. Hier hängen an vielen Balkons und Türen bunt bemalte Schilder, Plakate oder Bettlaken. Louvain-la-Neuve war von Anfang an ein großes, riskantes Projekt, wer hierherzog, wollte daran teilhaben. Das ist bis heute so geblieben, sagt Roland. Die Studenten hier sind besonders engagiert, ihre Ideen werden mittlerweile von vielen anderen belgischen Universitäten kopiert. Die „Kot-à-Projets“ zum Beispiel. Das sind Projektwohngemeinschaften: „Man wohnt zusammen und macht gemeinsam ein Projekt für ein Jahr“, sagt der 22-jährige Vincent Peeters. 78 dieser Projekte sind über die Stadt verteilt.

Die Studenten spielen Improvisationstheater, betreiben ein Kino, einen Zirkus, sie kümmern sich um Behinderte und um Menschenrechte – und sorgen dafür, dass immer etwas los ist in der Stadt. Die bemalten Plakate und Bettlaken an den Haustüren zeigen an, um welches Thema sich die jeweilige Hausgemeinschaft kümmert.

Vincent Peeters und seine acht Mitbewohner sind die zentrale Anlaufstelle. Die Uni gibt ihnen jährlich 55 000 Euro, „viel Verantwortung“, sagt Peeters. Dafür wird ihnen ein Teil der Miete erlassen. Peeters und seine Freunde wohnen in einem winzigen Haus. Die Zimmer sind höchstens zwölf Quadratmeter groß. „Man muss das schon mögen“, sagt Peeters. Er macht zum zweiten Mal mit.

Vielleicht liegt es an diesen Projekten, dass sich die Studenten enger mit der Stadt verbunden fühlen als anderswo. Jedenfalls bleiben nach dem Studium viele. Das Bildungsniveau ist deutlich höher als im Landesdurchschnitt. Nicht allen gefällt das. „Es ist ein intellektuelles Ghetto“, sagt ein Bewohner. Ein unnatürlicher Mikrokosmos der Gutsituierten, der politisch Aktiven, die grün oder konservativ wählen. „Ich würde lieber in Brüssel wohnen, in einer richtigen Stadt“, sagt er, doch seine Frau wolle hier bleiben. Das Artifizielle einer Retortenstadt hat Louvain-la-Neuve nicht ganz abschütteln können.

Michel Gevers stört das nicht. In seinem Büro auf dem Hügel klingelt jetzt das Telefon. Ein Kollege aus Löwen ist dran, der mit ihm über eine gemeinsame Forschungsgruppe sprechen möchte; wie viele andere Professoren in Louvain-la-Neuve arbeitet Gevers heute eng mit seiner alten Uni zusammen. Es habe 15 bis 20 Jahre gedauert, bis sich seine Enttäuschung und Verbitterung über die Trennung gelegt habe, erzählt er, nachdem er das Telefonat beendet hat. So sei es wohl den meisten seiner Kollegen gegangen. Heute glaubt Gevers, dass beide Seiten von der Trennung damals profitiert haben.

In den Straßen von Louvain-la-Neuve könnte man zu dem Schluss kommen, dass ganz Belgien eine Teilung guttun würde, um den Streitereien, die das Land lähmen, endlich ein Ende zu setzen. „Die Trennung für ganz Belgien? Das wäre der falsche Weg“, sagt Michel Gevers. „Belgien ist so ein schönes Land. Und was würden wir mit Brüssel machen?“ Brüssel ist eine nahezu komplett frankophone Stadt, mitten in Flandern. Eine weltoffene Metropole und Sitz der EU, deren Ratsvorsitz Belgien in dieser Woche übernommen hat. „Gerade jetzt muss das Land doch zusammenstehen“, sagt Gevers. Eine Lösung für den Sprachenkonflikt hat er allerdings nicht. Es geht ihm wie den meisten Belgiern, die sich zwar regelmäßig gegen eine Teilung aussprechen, aber auch nicht weiterwissen.

In der Nachbarschaft von Michel Gevers’ Büro findet am Abend ein Konzert statt. Eine ehemalige Farm wurde zu einem Musikzentrum umgebaut. Zwei Bands treten auf, eine flämische und eine wallonische. „Concerts casse-frontières“ heißt die Reihe. Konzerte, die Grenzen einreißen sollen.

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