Griechen und Deutsche : Tag der Einheit

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Im weitläufigen Garten der Residenz des deutschen Botschafters in Athen drängen sich bereits die Gäste, als der wichtigste Besucher eintrifft. Leibwächter bahnen ihm einen Weg. Es ist Karolos Papoulias, Präsident der Hellenischen Republik. Ein griechisches Staatsoberhaupt beim Botschaftsempfang zum Tag der Deutschen Einheit: Selbst langjährige Beobachter der diplomatischen Szene in Athen können sich nicht daran erinnern, dass es so etwas schon einmal gegeben hat.

In dieser Zeit ist es ein besonderes Signal. Das griechisch-deutsche Verhältnis scheint auf einem Tiefpunkt, die Schuldenkrise hat beide Völker entzweit. Griechische Zeitungen stecken Angela Merkel in eine Nazi-Uniform, Kommentatoren vergleichen die Sparauflagen, für die sie vor allem Berlin verantwortlich machen, mit einer „neuen Besatzung“. Derweil giften deutsche Medien gegen die „Pleite-Griechen“ und beschreiben hämisch „2000 Jahre Niedergang“ Griechenlands „von der Wiege zum Hinterhof Europas“. Und nun geht Karolos Papoulias auf Deutschland zu. Wenn nicht er, wer sonst?

Wie kein zweiter griechischer Politiker personifiziert der 83-Jährige in seinem Lebenslauf die Ambivalenz des griechisch-deutschen Verhältnisses: Als 14-Jähriger schloss er sich den Partisanen an, kämpfte in den Bergen seiner nordgriechischen Heimat Epirus gegen die Nazi-Besatzer. Später studierte Papoulias Jura in Köln, fand während der Obristendiktatur dort politisches Asyl.

Sei es das Ergebnis einer überlegten Personalpolitik des Auswärtigen Amtes oder einfach eine glückliche Fügung: Mit Wolfgang Dold hat Deutschland seit April einen Botschafter in Athen, der in wenigen Monaten mehr von den Be- und Empfindlichkeiten der Griechen verstanden hat als manche seiner Vorgänger in Jahren. Als früherer Botschafter in Israel weiß der 54-Jährige um die Last der Geschichte, die auf den Deutschen liegt. Und deshalb mutet Dold seinen Gästen an diesem warmen Sommerabend eine Festrede der besonderen Art zu: Giorgos Lazouras, Bürgermeister der Stadt Kalavryta, erinnert an die Gräuel der Nazi-Wehrmacht, die am 13. Dezember 1943 in Kalavryta als „Sühne“ für einen Partisanenüberfall mindestens 695 Einwohner des Ortes exekutierte.

Als nach der Rede des Bürgermeisters der „Märtyrerstadt“ Kalavryta die Musiker der Athener Philharmonie die deutsche und die griechische Nationalhymne anstimmen, haben die Gäste einige Minuten Muße, über das Gehörte nachzudenken – kein unbeschwerter, aber ein wichtiger Abend. Gerd Höhler

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