Griechenland vor der Wahl : Hauptsache anders

Das Linksbündnis Syriza hat große Chancen, die Wahl in Griechenland zu gewinnen. Viele Griechen sind enttäuscht und frustriert. Sie wünschen sich nichts mehr als einen Wechsel. Ein Besuch in Athen.

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Die meisten Menschen in Griechenland sind von der Politik maßlos enttäuscht. Für viele ist die radikale Linke von Alexis Tsipras die letzte Hoffnung.
Die meisten Menschen in Griechenland sind von der Politik maßlos enttäuscht. Für viele ist die radikale Linke von Alexis Tsipras...Foto: Alkis Konstantinidis/Reuters

Frierend steht die junge Frau vor einem Wahlkampfzelt im Zentrum von Athen. Für griechische Verhältnisse ist es an diesem Januarabend ziemlich kalt und ungemütlich. Gehen will sie trotzdem nicht. „Vielleicht kommt er ja nachher noch“, sagt sie und zieht an ihrer Zigarette „Ich warte noch ein bisschen.“ Mit „er“ meint sie den momentan wohl gefragtesten Politiker Griechenlands, Alexis Tsipras. Der sitzt gleichzeitig nur hunderte Meter entfernt im Hauptquartier der Syriza-Partei in einem kleinen, provisorisch zum Fernsehstudio umgebauten Raum. Vor dem Tisch drängen sich die Fotografen und Kameramänner, um ein gutes Bild vom neuen Superstar der griechischen Politik zu erhaschen.

Alexis Tsipras und seine Linke scheinen überrascht vom eigenen Erfolg

Interviews gibt Tsipras nur noch ungern, das griechische Linksbündnis Syriza eröffnet seinen Wahlkampfendspurt lieber gleich mit einem öffentlichen Twitter-Interview. Tsipras beantwortet dabei die Fragen der Menschen unter dem Schlagwort #asktsipras. Mehr als 5000 Fragen sollen es schon gewesen sein, bevor das Interview überhaupt begonnen hat, erzählen seine Mitarbeiter. Es ist ein bisschen so, als wären sie immer noch überrascht von ihrem eigenen Erfolg. Das Gespräch wird live übertragen zu den Menschen, die sich auf dem zentralen Platz im neu aufgebauten Wahlkampfzelt versammelt haben. Zu dem Online-Interview auf der Großbildleinwand gibt es günstigen Cuba Libre.

Am kommenden Sonntag wird neu gewählt in Griechenland. Und auch wenn es niemand im Land „Wechselstimmung“ nennen will, weil für eine solche die Euphorie fehlt, sind doch die meisten Griechen inzwischen davon überzeugt, dass Tsipras und seine Syriza-Partei die Wahl gewinnen werden. Und das obwohl sie in den offiziellen Umfragen nur denkbar knapp mit zwei bis drei Prozentpunkten vorne liegen. „Griechenland schreitet voran. Und Europa ändert sich“, lautet das Motto der Kampagne und viele Menschen in Athen und außerhalb der Hauptstadt wünschen sich genau das: Veränderung. Dabei ist es dann sogar erst einmal egal, ob die Dinge besser oder schlechter werden, sie sollen vor allem anders werden.

Der Frontmann der Linken sei ein Populist sagen seine Gegner

Tsipras ist der Frontmann der Bewegung. Ein Populist, sagen seine Gegner, ein Idealist, sagen seine Anhänger. Jedenfalls einer, der die Menschen für sich gewinnen kann. Die vergangene Woche ist er durch die griechische Provinz getourt. Journalisten, die ihn dabei begleitet haben, schreiben von einem „Wahlkampf wie im Rausch“. Tsipras verspricht den Menschen, die Verträge mit der EU neu zu verhandeln, Milliarden auszugeben, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, Privatisierungen und Sozialkürzungen rückgängig zu machen. Gleichzeitig ist er in seiner Rhetorik inzwischen so gemäßigt, dass er auch internationale Staatschefs nicht mehr automatisch vor den Kopf stößt. Er laufe sich schon warm für das Amt des Premierministers, spotten manche.

Gewinnt Syriza die Wahl, liegt es auch an Leuten wie Panagiotis Kouroumplis

Wenn Syriza die Wahl gewinnen sollte, liegt das aber nicht nur an dem Anführer Tsipras. Es liegt auch an Politikern wie Panagiotis Kouroumplis. Kouroumplis ist bereits über 70 und kandidiert im Athener Umland. Politik macht er schon seit vielen Jahrzehnten, ihn kennen die Leute. Früher war er, der seit seinem zehnten Lebensjahr blind ist, Abgeordneter der damaligen sozialdemokratischen Regierungspartei Pasok, später wechselte er zu Syriza. Er hat gegen den Deal mit den EU-Geldgebern gestimmt, das rechnen ihm die Leute heute hoch an.

Er hat zudem die Partei schon gewechselt, bevor er wissen konnte, dass Syriza vielleicht einmal regieren wird – die Glücksritter, die seit wenigen Monaten erst die Seiten wechseln, sind vielen Griechen zuwider. Doch es sind gerade viele ehemalige Pasok-Abgeordnete wie Kouroumplis, die der Syriza-Partei heute Stimmen bringen. Leute, die nicht zum Image einer Partei passen, die als linksradikal und anarchistisch verschrien ist. Unter anderem sie haben das Bündnis in der Bevölkerung verankert und wählbar gemacht.

Viele Leute drehen sich weg, einige murmeln halblaut Verwünschungen gegen die Politik

Kouroumplis ist an diesem Morgen Mitte Januar auf Wahlkampftour in einem der ärmeren Stadtteile Athens. Am Arm seines Begleiters läuft er über den Wochenmarkt, besucht ein Freizeitcenter für Rentner. Allen, die er dort trifft, verspricht er, dass sich die neue Regierung, wenn sie denn kommt, mehr für sie einsetzen, soziale Ungerechtigkeiten zurücknehmen und die Reichen dafür stärker ran nehmen wird. Nicht alle reagieren freundlich auf seinen Besuch, viele Leute drehen sich weg, einige murmeln halblaut Verwünschungen gegen die Politik im Allgemeinen. „Aber das ist schon sehr gut“, sagt ein Obsthändler. „Die von der konservativen Regierungspartei würden wir mit faulem Gemüse bewerfen, wenn sie sich hierher trauen.“ In Griechenland könnte es in diesem Winter reichen, nicht mit Tomaten beworfen zu werden, um eine Wahl zu gewinnen.

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