Zeitung Heute : Grönland: Ren mit Rotkohl, Robbe als Sauerbraten

Ulrike Köppchen

Der junge Mann betrachtet die Eisschicht, die das Meer bedeckt, zuckt mit den Schultern und sagt "Immaqa". Was so viel bedeutet wie "vielleicht". Vielleicht kann das Schiff auslaufen, vielleicht auch nicht. Wenn nicht heute, dann morgen - immaqa. Er jedenfalls wird deshalb nicht die Gelassenheit verlieren, mit der ein Grönländer hinnimmt, was ihm die Natur an Einschränkungen aufzwingt.

Doch der Kapitän des Schiffes ist Däne und kennt kein immaqa. Ein alter Seebär mit Bart und Wollmütze, der im Bauch seines Schiffes lebt. Also werden Kisten mit Proviant und Waffen an Deck gebracht, und die Passagiere klettern an Bord. Langsam pflügt sich das Schiff durchs Eis, begleitet vom Knirschen und Schaben der berstenden Schollen. Eisfreies Meer gibt es hier, 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, nur von Juni bis November.

Hinter uns liegt Ilulissat, mit 4200 Einwohnern drittgrößte Stadt Grönlands und Zentrum der Disko Bucht. Nirgendwo sonst sind die Eisberge so groß, das Klima so stabil und die Infrastruktur so gut: Es gibt vier Hotels, Restaurants, Kneipen. Vor allem im Sommer kommen die Touristen in Scharen. Noch vor wenigen Jahren lebten in Ilulissat mehr Schlittenhunde als Menschen. Heute ist die Zahl der Hunde auf 2000 zurückgegangen, und mehr und mehr Schneescooter knattern durch die Straßen. Wer Grönland kennenlernen will, heißt es, muss aufs Dorf. Dort lebten die Menschen noch von Robbenjagd und Fischfang, sei der Hundeschlitten das wichtigste Verkehrsmittel.

Oqaatsut, auf dänisch Rodebay, ist eines von gut 60 grönländischen Dörfern und liegt nur 20 Kilometer nördlich von Ilulissat. Das Thermometer zeigt minus 12 Grad - Frühling in Grönland. Trotz der Kälte stehen alle Passagiere an Deck, und unaufhörlich klicken die Auslöser der Fotoapparate: Eisberge, Felsenküste im Morgenlicht, das verschneite Bergmassiv der Insel Qeqertarsuaq, noch mehr Eisberge. Ein Passagier, der mit seiner Familie in Oqaatsut Schneehühner jagen will, verteilt Lakritzfische: "Das hilft gegen die Kälte." Jedenfalls schmecken sie nicht schlecht. 300 Meter vor der Anlegestelle in Oqaatsut stoppt das Schiff. Zu dick ist das Eis, wir müssen das restliche Stück zu Fuß gehen. Ich klettere als Letzte von Bord. "Noch kannst du zurück", sagt der Kapitän. "Nutze die Gelegenheit!"

Ohne feste Ordnung sind die knapp 30 bunten Holzhäuschen von Oqaatsut auf die Felsen gebaut, die die Hafenbucht umrahmen. Dahinter hohe Berge und Seen. Viel Auslauf für Wanderer zu jeder Jahreszeit. Kein Verkehrslärm, keine Autos. Wohin sollten Autos auch fahren? Straßen gibt es nicht. 47 Einwohner zählt Oqaatsut, vor 30 Jahren waren es mehr als drei Mal so viel. Auch in Grönland weiß man die Vorzüge von Zentralheizung, fließend Wasser und Strom zu schätzen. Fünf von sechs Grönländern leben heute in Städten. Dabei möchte die grönländische Regierung eigentlich die alte Siedlungsstruktur erhalten, entspricht es doch der grönländischen Tradition, in kleinen Gruppen an weit verstreuten Wohnplätzen zu leben. Doch den gleichen Lebensstandard herzustellen wie in den Städten, die gleiche Versorgung mit Schulen, Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, ist bei einer Gesamtbevölkerung von 56 000 Menschen und angespannter Wirtschaftslage unmöglich. Immerhin hat Oqaatsut seit einigen Jahren Strom.

Hütten oder Privatzimmer sind die einzigen Unterkünfte für Reisende. Tarri, ein junger Mann im gefütterten blauen Overall, holt mich am Schiff ab. Bei seiner Familie werde ich die nächsten drei Tage verbringen. Er ist klein, hat ein dunkles, verschmitztes Gesicht und redet nur, wenn es unbedingt sein muss. Normalerweise führt seine Frau die Unterhaltung mit den Fremden, doch sie arbeitet in der Stadt und ist nicht zu Hause. Schnell und sicher bewegt sich Tarri auf dem spiegelglatten Eis, ich bemühe mich, Schritt und Gleichgewicht zu halten. Jetzt auf keinen Fall ausrutschen und hinfallen - es wäre der Beweis, dass ich ein "Qallunaq" bin, eine dumme Weiße, hilflos in der arktischen Natur.

Kaum ein Mensch ist zu sehen, wie ausgestorben liegt das Dorf da. Die Glätte sei Schuld, erfahre ich: "Die älteren Leute trauen sich schon seit einer Woche nicht aus ihren Häusern." Ein Föhneinbruch hat es vor einer Woche plötzlich regnen lassen, danach kam die Kälte zurück und alles wurde zu Eis. Wie mit Zuckerguss sind die grauen Felsen von Oqaatsut von einer dünnen Eisschicht überzogen, die sich im hellen Sonnenlicht spiegelt. Nur Hundefüße finden hier Halt. Tarris Hunde, ein gutes Dutzend brauner und weißer Fellknäuels, die just noch faul im Schnee lagen, springen auf, als sie ihren Besitzer erkennen. Sie reißen an ihren Ketten und jaulen, was die Stimmbänder hergeben. Andere Rudel antworten, und im Nu hat sich eine Lärmglocke aus Hundegebell über das eben noch stille Dorf gelegt. In Oqaatsut ist die grönländische Welt noch in Ordnung: Es gibt mehr Hunde als Menschen.

Tarris Haus ist blau und zweistöckig und hat eine Veranda mit Meerblick für die warmen Sommertage und -nächte. Im Flur stapeln sich Schuhe, Jacken, Mützen. Eine Hose aus Eisbärfell ist das einzige "echte" grönländische Kleidungsstück. Kupferrote Ölöfen in jedem Raum, sie vibrieren vor Hitze. Es müssen 30 Grad sein. Die elfjährige Tochter sitzt im bauchfreien Top auf dem Sofa. Warum überheizen sie ihre Häuser immer so? Wollen sie beweisen, dass es möglich ist, bei diesen Außentemperaturen ein Haus warm zu bekommen? Doch es ist anscheinend einfach Tradition: Schon zu Zeiten, in denen Grönländer noch in halb unterirdischen Grassodenhäusern lebten, berichten Reisende von der Hitze in diesen Erdlöchern, von Männern mit schweißglänzenden Gesichtern und freien Oberkörpern auf mit Bärenfell bedeckten Pritschen. Von solcher Lebensweise ist man heute weit entfernt, auch im grönländischen Dorf. Statt dessen im Wohnzimmer eine mächtige Couchgarnitur, Telefon, Fernseher, Stereoanlage, Videorekorder. Souverän gewinnt der achtjährige Sohn an der Playstation die Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Plastik-Keyboard spielt auf Knopfdruck "An der schönen, blauen Donau", von der Wand lächelt in Pastellfarben Jesus.

In Tarris Einbauküche fehlt nichts außer einem Wasserhahn. Auch im Badezimmer gibt es kein Wasser, dafür Nagellack in allen Farben. Tarri zeigt auf einen großen Plastikkanister, der neben dem Ofen steht. Um fließend Wasser in die Häuser zu bekommen, müsste man beheizte Leitungen legen. Das wäre zu teuer. Also holen sich die Dorfbewohner ihr Trinkwasser so wie seit Jahrtausenden in Grönland: Man schmilzt Eis.

In den Regalen des kleinen Dorfladens stehen Coca-Cola-Flaschen, liegen Gewehre aus, Videos und die Zeitung der vergangenen Woche. Hinterm Tresen steht der Pfarrer. Für einen hauptberuflichen Pfarrer ist die Gemeinde zu klein, also verkauft er werktags Videos und predigt sonntags gegen die Sünden der Welt. Zwei Kunden sprechen Dänisch mit unverkennbar thüringischen Akzent: Uta und Ingo kommen aus einem Dorf bei Gera, haben sich in Grönland verliebt. So sehr, dass sie vor drei Jahren ihr gut gehendes Ausflugslokal im Thüringischen aufgaben, um in eine kleine Hütte in Oqaatsut zu ziehen. Sie betreiben ein Restaurant am Hafen und vermieten Hütten an Touristen. Ingo ist 46, Uta 39 Jahre alt. Die beiden erwachsenen Söhne haben sie in Deutschland gelassen. Uta verspricht, etwas zum Abendessen zu kochen und verstaut den Einkauf auf einem kleinen Schlitten. Draußen fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, nach Post zu fragen, und will noch einmal in den Laden, der gleichzeitig "Postamt" ist. Ingo hält sie zurück: "Nicht alles auf einmal!" Am Ende der Welt muss man sich die Höhepunkte des Alltags gut einteilen, sonst wird das Leben schnell langweilig.

Doch die Natur bietet eigentlich genug Abwechslung. Stundenlang beobachte ich von einem kleinen Hügel aus, wie wechselndes Licht die Landschaft in immer neue Farben taucht. Es genügt eine Wolke, die sich vor die fahle Frühlingssonne schiebt, und das Meer, eben noch dunkelblau, erscheint plötzlich grau. Ab und zu krächzt ein Rabe. In der Ferne knallen Schüsse, meine dänischen Mitpassagiere auf Schneehuhnjagd. Ein paar Dorfbewohner fischen auf dem Eis. Sie haben Löcher ins Eis geschlagen und lange Leinen mit Ködern herabgelassen. Jetzt stehen sie regungslos da in ihren dicken Overalls, blinzeln ab und zu in die Sonne, rauchen und angeln. Keiner sagt ein Wort.

Allein vom Robbenfang und vom Fischen können sie hier nicht mehr leben, seit der Fischereikonzern "Royal Greenland" vor drei Jahren die örtliche Fischfabrik geschlossen hat. Jetzt wird nur noch den Winter über in einer kleinen privaten Fabrik getrockneter Heilbutt produziert. Die ehemaligen Fischer und Fänger sind heute Angestellte der Kommune. Tarri zum Beispiel leitet das "Postamt". Für die, die Fremdenzimmer vermieten, bietet der Tourismus einige Nebeneinnahmen. Die Nähe zur Stadt macht Oqaatsut zum beliebten Ausflugsziel, vor allem im Sommer. Für Uta und Ingo beginnt dann die anstrengendste Zeit des Jahres. "60 bis 80 Essen täglich", sagt Uta, die beim Kochen gern experimentiert. Zum Rentier gibt es deutschen Rotkohl, und die Robbe wird als Sauerbraten serviert. "Oft staunen die Einheimischen, was man alles aus grönländischen Zutaten machen kann", sagt sie stolz.

Abschied. Das Schiff sollte längst da sein. Durchs Fernglas beobachte ich, wie es sich aus dem Hafen von Ilulissat schiebt. Es fährt Zickzack, stoppt, kämpft mit dem Eis - gibt schließlich auf. Heute wird kein Schiff mehr kommen. Morgen, vielleicht.

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