Zeitung Heute : Große Erwartungen

Eine Million Elektroautos sollen bis 2020 auf Deutschlands Straßen fahren – ein langer Weg zum Ziel.

Michael Pöppl

Bis zum Jahr 2020 sollen eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen rollen. Dieses ambitionierte Ziel verkündeten Regierung, Wirtschaft und Wissenschaft im August 2009 in ihrem „Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität. Hierzu müsse auch die Industrie ihren Beitrag leisten, unterstrich Bundesumweltminister Peter Altmaier diese Woche bei der Vorstellung eines Projekts der Deutschen Post zur Elektromobilität: „Wir müssen die Fahrzeugflotten von Unternehmen in den Fokus nehmen.“

Die Post will ab Mitte 2013 in Bonn bundesweit erstmals die Zustellung von Briefen und Paketen mit Elektrofahrzeugen erledigen. In einem ersten Schritt sollen bis Ende des Jahres 79 E-Mobile im Einsatz sein, bis 2016 sollen es 141 werden – danach will der Konzern über eine Ausweitung auf weitere Städte entscheiden. Altmaier sieht in dem Projekt, das von seinem Ministerium mit sechs Millionen Euro gefördert wird, den möglichen „Startschuss für eine Innovationswelle“. Die ist auch dringend nötig. Denn die großen Erwartungen an den Entwicklungsplan haben sich bisher nicht erfüllt: Gerade mal 3000 Elektroautos wurden 2012 in Deutschland neu zugelassen – bei insgesamt drei Millionen Anmeldungen. Der Gesamtanteil der Fahrzeuge mit alternativen und sparsameren Antriebsarten wie Hybridtechnik, Erd- oder Autogasmotoren bei den Neuzulassungen lag im vergangenen Jahr bei gerade mal 1,3 Prozent.

Weder das Umweltverdikt der Regierung noch die steigenden Spritkosten bringen die Deutschen dazu, auf Elektrofahrzeuge umzusteigen. „Durch ihre langjährige Hinhaltetaktik haben die deutschen Automobilhersteller die Entwicklung der Elektromobile über lange Zeit gebremst“, sagt Christian Heep, Vorstand Marketing und Geschäftsführer des Bundesverbandes eMobilität (BEM). Er weist auf den hohen Marktanteil an Fahrzeugen mit alternativen Antrieben hin, die derzeit vor allem aus Asien stammen. „Kunden kaufen dann lieber Autos wie den Prius, die sich im Praxistest bewiesen haben.“ Deutschland habe das Wissen und das technische Können, weltweiter Marktführer in dieser Branche zu werden. „Ich verstehe nicht, warum Industrie und Politik diesen Jobmotor nicht nutzen.“

Vor allem die hohen Anschaffungskosten sind für viele Autofahrer ein Grund, beim Kauf von Elektroautos zu zögern, wie im Februar 2012 eine Umfrage der Universität Duisburg ergab. Seit 2010 läuft dort beim „CAR – Center Automotive Research“ das größte deutsche Hochschulprojekte zur Erforschung der Elektromobilität. 230 Testpersonen wurden vor und nach einer Probefahrt zu ihrer Meinung befragt. Bei der Mehrzahl überwog Skepsis. Neben dem Preis kritisierten die Teilnehmer vor allem die begrenzte Reichweite der E-Mobile; im Schnitt reicht eine Batterieladung für 150 Kilometer Fahrt. Völlig ausreichend im Alltag, denn der Großteil der Autofahrer fährt weniger als 50 Kilometer täglich, wie die Wissenschaftler belegen konnten. Weitere Vorurteile wie mangelnde Beschleunigung oder schwierige Bedienung bauten sich spätestens nach den Probefahrten deutlich ab. 60 Prozent der Beteiligten erklärten nun, dass sie sich die Anschaffung eines Elektroautos durchaus vorstellen könnten.

Aus den früher belachten „Ökoschüsseln“ sind längst schicke, technisch raffinierte Flitzer geworden. Durch edle Ausstattung, Touchscreen-Computer und technische Gadgets gewinnen sie junge Käuferschichten. Den „I-Phone-Effekt“ nennt das Weert Canzler. Der Verkehrsforscher beim Wissenschaftszentrum Berlin sieht die Förderung der Elektromobilität nur als Teil einer notwendigen neuen Mobilitätspolitik, die langfristig für ein Umdenken beim Ressourcenverbrauch steht. „Das E-Auto kann umweltpolitisch durchaus eine wichtige Rolle spielen. Aber nur in Verbindung mit intelligenten Steuerungssystemen, der Verwendung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen und im klugen Verbund mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Wie das funktionieren könnte, zeigt ein Projekt der Deutschen Bahn AG: Beim Flinkster-Carsharing sind in mehreren deutschen Großstädten über 100 E-Autos im Einsatz. In Berlin kommen dazu noch 350 Wagen vom Kooperationspartner „Multicity“ von Citroen, einem elektrischen „One-Way-Carsharing“-Programm. Über 2000 DB-Kunden buchen bereits ihre E-Mietwagen über PC oder Smartphone, Standorte und Ladezustand sind online zu erfragen.

Das E-Carsharing funktioniert übrigens nicht nur in der Großstadt. Gerade laufen mehrere ländliche Kooperationsprojekte von Flinkster, zum Beispiel „e-Mobil Saar“ mit dem Bundesverkehrsministerium: Im Saarland ergänzen seit März 2013 an fünf Stationen 20 E-Mietwagen den öffentlichen Nahverkehr. Ab Juni 2013 wird das Kooperationsprojekt mit der Fachhochschule Erfurt „Emotif – Elektromobiles Thüringen in der Fläche“ – Elektrofahrzeuge an den Bahnhöfen von Eisenach, Erfurt, Weimar und Jena zur Verfügung stellen.

Diese Projekte seien mit Sicherheit ein Anfang, so Christian Heep. Aber um bis 2020 eine Million E-Mobile auf die Straße zu bringen, sei vor allem zusätzliche Förderung beim Kauf nötig. Die Befreiung von der KFZ- Steuer sei nur ein erster Schritt. „Eine CO2-abhängige KfZ-Steuerreform könnte zum einen große Spritfresser wirklich teuer machen, zum anderen als Umlagesteuer die Anschaffungskosten für emissionsarme Fahrzeuge fördern, ähnlich wie bei der Einführung grüner Technologien.“ Unterstützung bei seinen Vorschlägen findet der BEM inzwischen fraktionsübergreifend bei vielen Bundestagsabgeordneten, von den Grünen bis zur CDU, denn die zusätzliche KfZ-Steuer würde sich für konventionelle Autos um fünf bis 40 Euro jährlich erhöhen. (mit rtr)

Weitere Infos im Internet:

Nationaler Entwicklungsplan Elektromobilität: www.bmbf.de/pubRD/nationaler_entwicklungsplan_elektromobilitaet.pdf

Bundesverband Elektromobilität: www.bem-ev.de

DB-Carsharing Flinkster:

www.flinkster.de

Projekte: www.e-mobil-saar.de

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