Zeitung Heute : Große Opfer

Wut, Gelächter und Ratlosigkeit – wie arbeitslose Berliner den Kanzler erlebten

Constanze von Bullion

Am Anfang lachen sie noch, klopfen sich auf die abgewetzten Hosenbeine und schütteln belustigt die angegrauten Häupter. „Der Umbau der Sozialstaats ist unabweisbar geworden, um seine Substanz zu erhalten“, sagt der gut gekleidete Herr im Fernseher. „Deshalb, und nur deshalb brauchen wir substanzielle Veränderung.“ Als der Kanzler dann erklärt, er habe schon viel auf den Weg gebracht, schwillt das Gelächter zum Gejohle an – drinnen im Bundestag, wo man die Unionsabgeordneten lärmen hört und hier draußen im Haus der Demokratie in Berlin-Prenzlauer Berg, wo gut 20 Arbeitslose und ihre Unterstützer vorm Fernseher sitzen, um Schröders Regierungserklärung zu lauschen. Irgendwas von verbesserten Programmen für Arbeitslose hören sie da. Irgendwas von Vermittlung älterer Arbeitnehmer. Irgendwann schreien sie hier nur noch. Laut. Sehr laut sogar.

Georg Weise schreit nicht. Er verzieht keine Miene, lacht nicht, er schreibt. Weise ist ein schmaler Herr in vorgerücktem Alter, früher war er mal Bauingenieur, jetzt hat er einen Zettel aus seinem Perlonbeutel gezogen, hat ihn akkurat in der Mitte gefaltet und notiert sich in winzigen Buchstaben Stichpunkte zur Schröder-Rede. Bezug von Arbeitslosengeld für über 55-Jährige auf 18 Monate begrenzen. Arbeitslosenhilfe senken. Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen erhöhen. „Die Mentalität der Selbstbedienung hat die Solidarität verdrängt“, sagt der Fernsehkanzler. „Oben oder unten?“, fragt Weise hier draußen, doch es antwortet ihm keiner. Am Nachbartisch ist einer so aufgeregt, dass ihm die Bartspitzen zittern.

Herr Weise, wie gesagt, sieht die Dinge eher sachlich. „Überzeugende Lösungen waren da nicht drin“, stellt er fest, als die Rede vorbei ist. „Die wesentlichen Dinge spricht er nicht an.“ Weise ist schon in Rente, aber er hat einen Arbeitslosenverein gegründet. „Um meine Rente zu sichern, muss ich für Arbeit kämpfen“, erklärt er und kommt umgehend wieder zu seinen Stichpunkten. „Alle Vorschläge, die er macht, mindern die Kaufkraft“, sagt Weise. „Er“, das ist Schröder, der die Lohnnebenkosten senken will. Wieso eigentlich, fragt Weise, da steckt doch die ganze Sicherheit des Arbeitnehmers drin. Rationalisierung, was soll denn das, fragt er. Wer rationalisiere und entlasse, bringe den Staat doch um die allergrößten Summen. Und warum sollen Arbeitslose verzichten? „Man muss sich nicht immer tiefer bücken“, sagt Weise. „Wo bleibt denn da die Menschenwürde?“

Jörg Nowack setzt sich zu Weise an den Tisch. Er ist 30 Jahre alt, ein Sozialwissenschaftler in flotten Szeneklamotten, der im Anti-HartzBündnis aktiv ist. Schröder habe sich rhetorisch auf die Seite der Gewerkschaften gestellt, analysiert er, in der Sache aber von den Arbeitnehmern Flexibilität verlangt. Na und, ist Flexibilität denn schlecht? Schon, findet Nowack, bei dem die Grenzen des Zumutbaren eng gesteckt sind. Einen Job außerhalb von Berlin etwa würde er ablehnen. „Schon Hannover finde ich unzumutbar, ich habe hier mein soziales Umfeld.“ Beifälliges Nicken am Tisch. „Zwei Stunden hin, zwei zurück, wann soll ich einkaufen?“, fragt Nowack, der übermäßigen Stress generell vermeiden will. Man muss schließlich was haben vom Leben, und umgezogen wird dahin, wo es ihm passt. „Die freie Wahl des Arbeitsplatzes ist ein Grundrecht“, sagt er. Keiner in der Runde widerspricht.

Könnte es sein, dass die Wirklichkeit mit Überschall vorbeigerast ist an den Menschen hier, dass es die Welt, in der sie zu leben glauben, schon lange nicht mehr gibt? Doch, doch, sagen sie, als der junge Mann wieder weg ist, es müsse sich was bewegen im Land, es gebe da gewisse Bequemlichkeiten. Aber von hohen Standards könne nun mal keiner runter, der schon unten angekommen sei.

Annegret Gestrich ist arbeitslose Informatikerin, sie ist 54 und lebt von 700 Euro im Monat. 300 Euro gehen für die Miete drauf, 50Euro gibt sie ihrer Tochter fürs Studium, den Fernseher hat sie abgeschafft, um Gebühren zu sparen. Weil das Arbeitsamt keine Fortbildungen mehr bezahlt, schult sie sich selbst im Internet, und für einen Job würde sie Berlin sofort verlassen, wenn es nicht gerade Putzen in Chemnitz ist. Jetzt also drohen noch weitere Kürzungen, fragt sich bloß, wo die noch ansetzen sollen. „Einen Aufbruch sehe ich da nicht“, sagt sie und meint den Kanzler. Als der Fernseher aus ist, hängt Ratlosigkeit über den Tischen und dichter Rauch.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben