Zeitung Heute : „Große Stadt – schöne Stadt“

Zum Studium kam sie aus Münster nach Berlin. Jetzt fährt Sina Meyer U-Bahn statt Fahrrad und ist gern an der Freien Universität

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Von Niclas Dewitz

„Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“, sang die Band Tocotronic vor einigen Jahren über die Freiburger Fahrradfahrer. Sina Meyer (21) kommt nicht aus Freiburg, aber aus einem ebenso kuscheligen Studentenstädtchen. Die Arzttochter verbrachte ihre Jugend in Münster. Inzwischen hat sie „absolut keinen Bock“ mehr auf Fahrradfahren: „In Münster fahren alle Fahrrad - sonst ist nicht viel los.“ Da musste es, als sie selbst anfing zu studieren, ein paar Nummern größer sein: „Ich wollte unbedingt Chemie studieren und zwar in einem Bachelor-Studiengang. Das war an der FU in Berlin, in Karlsruhe und in Hannover möglich“, erzählt sie. Die Unis von Hannover und Karlsruhe hätten ihr vielleicht auch gefallen - doch bei diesen Städten huscht ein ironisches Lächeln über ihr Gesicht. Vom Herzen her war die Entscheidung schnell getroffen: „Große Stadt - schöne Stadt“, sagt die 21-Jährige über Berlin.

Jetzt fährt sie jeden Tag mit der U-Bahn - bloß keine Fahrräder mehr. Sie ist froh, sich für die FU entschieden zu haben: „Ich bin ein Mensch mit Fernweh. Für Menschen wie mich sind die Chancen während oder nach dem Studium an der FU super.“ Gelehrt und gelernt wird in ihrem Studiengang auf Englisch, damit die Studenten vorbereitet für den Einsatz im Ausland und bei internationalen Unternehmen sind. Die Qualität und der Umfang der Austauschprogramme der FU mit ausländischen Universitäten sind kaum zu überbieten. „Ich weiß noch nicht genau, wohin ich will, vielleicht nach Australien“, meint sie. „Spanien würde mich auch für ein Jahr interessieren.“ Nach dem Grundstudium soll es losgehen - wohin auch immer.

Zuerst ist es natürlich ungewohnt, sich in einer so großen Stadt wie Berlin zurechtzufinden: „Mein erster Eindruck war: Ist das groß! Damals erschien es mir größer als jetzt.“ Sie hat sich schnell eingelebt, obwohl es ihr anfangs schwer fiel, mit den anderen Studenten in Kontakt zu kommen: „Ich habe am Anfang niemanden kennen gelernt“, erzählt sie. „Aber in anderen Studiengängen geht es vielleicht auch kommunikativer zu als in der Chemie.“

Inzwischen hat sie vier Semester an der FU hinter sich: „Man muss auf die Leute zugehen, das funktioniert eigentlich immer“, zerstreut sie die Befürchtungen der „neuen Erstis“, in der großen Stadt allein zu bleiben. Auch ein Job neben dem Studium bringt nach ihrer Erfahrung viele neue Kontakte. Sie selbst arbeitet in einer Videothek in Friedrichshain: „Manchmal ist es schon komisch. Da holen sich nachts die Alkis ihr Bier. Man sieht überall in Friedrichshain ständig lustige Gestalten.“ Sie selbst wohnt inzwischen in diesem jungen, quirligen Stadtteil, gleich um die Ecke, in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen Studentinnen. Für den Fall, dass die Eltern zu Besuch kommen, empfiehlt sie eine Fahrt mit der Nachtbuslinie Nummer 5: „Unter den Linden, Frankfurter Allee - alle Gebäude angestrahlt in der Nacht, das ist schon eindrucksvoll.“ Sie liebt es, Kaffee zu trinken und einzukaufen.

Das Studium hat nicht nur angenehme Seiten. Es ist harte Arbeit. Um sich zu konzentrieren, geht Sina gern in die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Die unter Kennern kurz „Stabi“ genannte Bibliothek gilt als größte Kontaktbörse für einsame Studenten in Berlin. Wer weiß, ob nicht ihr Traumprinz hinter dem nächsten Bücherregal wartet? Dort lassen sich aber auch ganz pragmatische Lerngemeinschaften bilden.

Sina lernt regelmäßig mit Freunden, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Mit ihren Dozenten und Professoren hat sie gute Erfahrungen gemacht: „Manche sind offener, manche ein wenig verschlossen, aber wenn man mit Fragen zu ihnen kommt, helfen sie einem alle gern weiter.“ Die berühmte Berliner Schnauze hat sie bisher noch nicht erlebt: „Im Vergleich zu Münster sind die Leute hier sehr freundlich.“ Schön, wenn die Chemie stimmt.

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