Zeitung Heute : Großer Gott!

Ein ganz besonderer Kalender für 2008. Jeden Monat schaut ein anderer schöner Mann in Kirchentracht vom „Calendario Romano“. Fotograf Piero Pazzi über Soutanen und Erotik.

Ich lebe in der Nähe Venedigs, bin 48 Jahre alt und mache seit fast 30 Jahren Bilder von Kunstobjekten, Schmuck und manchmal Menschen in ganz Italien. Bereits seit längerem bringe ich einen Kalender mit Bildern von den Gondolieri Venedigs heraus. Auf der Rückseite der zwölf Bilder gibt es Erklärungen zu historischen Orten der Stadt. So erkläre ich den Touristen die Stadt. Eines Tages kam mir die Idee, etwas Ähnliches für Rom zu entwickeln. Das war 2003.

Am Anfang stand die Frage: Was oder wen zeige ich? Ich wollte ein anderes Gesicht Roms abbilden als das einer imperialen antiken Stadt. Die kennt ja jeder und deren Image ist eher negativ – von der Renaissance über die Monarchie bis zur heutigen Republik. Im Gegensatz dazu ist die katholische Kirche das Herz der Stadt, die Verbindung von Gegenwart und historischer Monumentalität. Vieles von dem barocken Antlitz Roms, den zahlreichen Plätzen der Innenstadt, hat die Kirche gebaut. Und der Vatikan als Sitz des Papstes prägt noch immer die Stadt. Wer könnte das alles besser verkörpern als die vielen Priester, Seminarschüler und Geistlichen in der Stadt? Und so begann ich, Fotos von jungen Geistlichen in traditionellen Gewändern zu machen.

Eines will ich auch klarstellen: Der Calendario Romano ist kein offizieller Kalender des Vatikan. Er bezieht weder eine kritische noch eine positive Haltung, illustriert aber, wofür der Vatikan als souveräner Staat steht: für die Schweizer Garde, die eigenen Apotheken oder andere charakteristische Orte, die man im Kalender sieht.

Ich bin katholisch, würde mich aber nicht als eifriger Anhänger der Kirche bezeichnen. Der Erlös aus dem Kalenderverkauf – man kann sie unter www.calendarioromano.org bestellen – geht auch nicht an wohltätige Einrichtungen, der fließt in meine Tasche.

Nicht alle Modelle sind Priester, einige gehören einer Bruderschaft an, andere sind weltliche Männer, die ich bei besonderen Anlässen aufgenommen habe, zu denen sie typische Gewänder trugen. Und das auch nicht nur in Rom. Das Konzept des Kalenders heißt: römischer Katholizismus, nicht Katholizismus in Rom. Das Foto für den Monat März ist in Spanien entstanden, ich nahm es auf einer Prozession in Sevilla auf, während der heiligen Woche vor Ostern. 72 Prozessionen finden dann statt, manche dauern vier bis fünf Stunden. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Ich schoss tausende Fotos, aber eines hat mich gepackt. Es ist von den beiden Fotos unten links das rechte. Man sieht den jungen Mann, wie erschöpft er ist, und eine Frau, die ihm einen Bonbon oder einen Keks in den Mund schiebt. Das ist ein einfacher, spontaner, unschuldiger Moment, auch wenn er im Nachhinein wie eine Versuchungsszene aussieht. Zeitungen berichteten im November, dass der Mann ein sizilianischer Immobilienmakler sei. Ich habe ihm sofort einen Kalender mit den besten Wünschen für das neue Jahr geschickt.

Ich frage die Männer, ob ich sie fotografieren darf. Einige lehnen ab, andere sagen zu – so wie der Priester, der auf dem Mai-Blatt zu sehen ist. Ich habe ihn in einem Restaurant in Venedig gesehen. Er war gerade mit seinem Essen fertig, auf dem Tisch lag eine Zigarettenschachtel, daneben stand eine Flasche Magenbitter. Ich fand das originell, und er hatte kein Problem damit.

Auf meiner Website habe ich junge Kirchenleute dazu aufgerufen, sich zu melden. Doch da kamen nur wenige Reaktionen. Ein spanischer Priester hat mich einmal kontaktiert. Er besaß als Kind einen Kalender über die Missionen auf der ganzen Welt, der hatte in ihm den Wunsch geweckt, Priester zu werden. Sich von mir fotografieren zu lassen, war seine Art, Gott für den Hinweis zu danken. Und vor zwei Jahren erreichte mich sogar eine Anfrage aus Brasilien. Ich antwortete dem jungen Mann, dass ich nicht in sein Land fahren, er mir aber ein Foto schicken könne. Das tat er. Darauf sieht man einen 25-Jährigen mit dunkler Haut, er ist in eine Tunika gehüllt, hinter ihm hängt eine geschnitzte Madonna an einer dunkel getäfelten Tür. Ich finde das Foto gut, ich werde es für den 2009er Kalender benutzen. Der erscheint bereits im März, dann haben die Touristen ein Jahr Zeit, ihn zu kaufen.

Von dem 2008er Kalender haben wir 70 000 Stück verkauft, bald wird es eine Auflage nur für den amerikanischen Markt geben. Manche behaupten, der große Erfolg liege in der subtilen Erotik der Bilder begründet. Ich weiß, dass die meisten Kunden Frauen aus dem lateinamerikanischen Raum sind und Homosexuelle. Darauf ziele ich nicht ab. Meine Fotos sind frei von solcher Intention, es hängt vom Auge des Betrachters ab, was er darin sieht. Und das kann ich ja schlecht verbieten.

aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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