Zeitung Heute : Großer Junge in einer versteinerten Welt

Skandale, Intrigen, Scherben überall – Gideon Joffe, neuer Chef der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hat viel zu tun. Ist er dem gewachsen?

Constanze von Bullion

Der Herr des Hauses übt noch ein bisschen. Gideon Joffe weiß, da liegen Scherben rechts und links von seinem Weg, und er weiß auch, wie scharf sie sind. Deshalb setzt er die polierten Schuhen wohl so betont entschlossen auf, als er sein neues Büro abschreitet. Er ist ja jetzt ein wichtiger Mann, mit einem Job, auf den so viele schauen, und dass er innerlich gern erst mal in Deckung gehen würde, das muss ja nicht unbedingt jeder gleich sehen.

Gideon Joffe ist seit ein paar Tagen Chef der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, er ist zu diesem Job im Blindflug gekommen, nach nur einigen Wochen als Vorstandsmitglied, man könnte auch sagen: durch eine Art Tornado, der Vorgänger Albert Meyer aus dem Amt befördert und die größte jüdische Gemeinde Deutschlands verstört zurückgelassen hat. Korruption, Intrigen – die Vorwürfe gegen die Gemeindespitze reißen nicht ab, und seit bekannt wurde, dass die Staatsanwälte ermitteln, ist hinter der Fassade des Gemeindehauses in der Fasanenstraße der Teufel los.

Mal wieder, muss man sagen, denn es ist ja nicht ganz neu, dass hier zu implodieren droht, was eigentlich eine blühende Insel jüdischen Geistes- und Kulturlebens sein sollte. Keine jüdische Gemeinde Deutschlands wächst so schnell wie die Berliner, keine zieht so viele Junge, Studierte, Intellektuelle an, und nicht nur aus Osteuropa. Auch aus den USA, aus Israel, aus der halben Welt kommen seit der Wende Zuwanderer, die sich in den Ladenzeilen der Stadt, in der Künstlerszene oder in den Medien niederlassen.

An der Zentrale jüdischen Lebens aber, am Gemeindeparlament und dessen Vorstand, scheint dieser Aufbruch spurlos vorüberzugehen. Und wer Gideon Joffe besucht, den neuen Herrn dieses Universums, findet einen großen Jungen in einer versteinerten Welt, zwischen altmodischen Gemälden von greisen Rabbinern und klugen Büchern, die lange keiner mehr aufgeschlagen zu haben scheint.

Na ja, sagt Joffe und zuckt die Schultern, ist nicht wirklich sein Geschmack, das ganze Zeug, er hätte lieber was Zeitgemäßes überm Schreibtisch. Joffe ist 33 Jahre alt, er hat das Haar entschlossen aus dem weichen Gesicht gekämmt und sich in einen dunklen Dreiteiler verpackt. Er wirkt wie einer, der noch sucht. Nach Worten. Und nach Sicherheit.

Gideon Joffe hat sich in einen kleinen Ledersessel manövriert, er trinkt einen schwarzen Kaffee nach dem anderen und beantwortet tapfer all die Fragen nach seinen Visionen. „Mein Vorbild ist Heinz Galinski“, sagt er, „weil er für Ruhe und Ordnung und großes Ansehen der Jüdischen Gemeinde gesorgt hat.“ Joffe will die Alteingesessenen mit den zugewanderten Russen versöhnen und irgendwie raus aus dem Kleinkrieg der Vorständler, die einander mit Misstrauensanträgen überziehen, verklagen und als Nazis beschimpfen.

Nun ist es ja nicht weiter verwunderlich, dass der neue Chef sich nach ein bisschen Frieden sehnt. Aber Heinz Galinski als Idol? Dieser gestrenge alte Herr, der aus Auschwitz zurückkam und mit der ganzen moralischen Wucht des Überlebenden gegen die Vergesslichkeit der Deutschen kämpfte? Das ist, vorsichtig gesagt, ein Sprung zurück in die Generation der Großeltern. Ganz sachte haben die Jüngeren in der Gemeinde in den letzten Jahren versucht, sich loszumachen vom Selbstverständnis der Holocaust-Überlebenden, haben einen Weg in eine freiere Zukunft gesucht – ohne deshalb zu vergessen. Die Nachwendezuwanderer aus den GUS-Ländern verstehen sich ohnehin meist eher als Verfolgte der Zeit nach dem Krieg. Doch auch, wenn Gideon Joffe als einer von ihnen gilt und es heißt, mit ihm kämen in der Gemeinde jetzt die „Russen“ an die Macht: Das Trauma der Alten hat er nie abstreifen können.

Dass Verfolgung und Unbehaustheit ihn noch so prägen, das mag auch an Joffes Eltern gelegen haben, die von Lettland nach Israel zogen und weiter nach Berlin. Die Großmutter kam mit, und es verging kein Tag, an dem sie nicht an das Inferno erinnerte, dem nur wenige in ihrer Familie entkommen waren. „Der Holocaust war stark identitätsstiftend“, sagt Joffe, der plötzlich nicht mehr weiterreden mag. „Dieses Schockerlebnis ist eine ziemlich intime Angelegenheit.“

Das Gefühl des Ausgeliefertseins, das man ihm durch die Generationen weitergereicht hat, hat sich wohl vertieft, als seine Mutter starb; da war er elf. Später studierte er Betriebswirtschaft, weil er damit „weltweit verwendbar“ sein würde; heute ist er Geschäftsleiter eines Hotels. Er ging nach China und lernte die Sprache – man weiß ja nie, ob man plötzlich ganz weit weg muss. Er erlebte in Berlin, wie sein Vater verspottet wurde, und wünscht sich bessere Kontakte zu den Moslems der Stadt, deren oft misslungene Integration er als „gesellschaftliche Bedrohung“ empfindet. Ein Leben auf gepackten Koffern also? „Angst habe ich nicht, aber ich bin mir der Gefahren bewusst“, sagt er. „Man ist in gewisser Alarmbereitschaft.“

Gideon Joffe wird hart arbeiten müssen an seiner empfindsamen Natur, wenn er den Kampf bestehen will, der auf ihn zukommt. Denn neben all den persönlichen Unverträglichkeiten, die seine Gemeinde aufreiben, ist es auch dieses Selbstverständnis der Verfolgten, das fördert, was in Berlin nur zu gut bekannt ist: das Gefühl, irgendwie immer zu kurz gekommen zu sein und sich deshalb nach Kräften bedienen zu dürfen.

Ein paar Zimmer weiter im Gemeindehaus. Ein älterer Herr nimmt am Kopfende eines Konferenztisches Platz. Arkadi Schneiderman ist ein streitbarer Vorständler, der zum Leninbärtchen eine blaue Kapitänsjacke trägt und so den Eindruck macht, als lenke er die Dinge gern. Er war es, der den letzten Vorsitzenden Albert Meyer ins Amt gehoben – und ihn mit einer Flut von Vorwürfen wieder hinausgetrieben hat. Jetzt hat er für Gideon Joffe die Strippen gezogen, und an denen hängt der Herr Vorsitzende wohl vorerst.

Schneiderman stellt ein Tonband an, nur so zur Sicherheit, es gibt ja jetzt viele, die ihn anfeinden. Dabei hat er doch nur ein bisschen in den Akten geblättert. Erst fand er heraus, dass eine Gemeindesekretärin keine Jüdin war und ihre Mutter zu Unrecht eine Rente als politisch Verfolgte bezog, wie er meinte. Die eifrige Ahnenforschung, die bis in russische Archive gereicht haben soll, hat erbitterten Streit ausgelöst. Wie im Reichssicherheitshauptamt werde da gearbeitet, flucht einer. Aber Arkadi Schneiderman macht so was nicht irre, er mache nur „sauber“ in der Gemeinde. Da will er zu Unrecht abgerechnete Dienstfahrten aufgespürt haben, und da gab es – gegen jede Satzung – einen saftigen Privatkredit an ein Gemeindemitglied. Ein Vorstandsmitglied hat sich neulich beschwert, dass zu viele diese Gemeinde melken, deren Etat zu 85 Prozent das Land Berlin aufbringen muss.

Auch die Staatsanwaltschaft hat ja nun angefangen zu graben. Sie ermittelt gegen den Finanzdezernenten Alexander Licht wegen Geldwäsche, weil sein Firmenkonto bei Ermittlungen gegen ukrainische Autoschieber aufgetaucht ist, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigt; Licht hat wiederholt gesagt, ihm sei „davon nichts bekannt“. Auch Ex-Gemeindechef Meyer und Ex-Finanzdezernent Dan Moses kämpfen gegen den Vorwurf, bei einer Ausschreibung gemauschelt und der Firma Dussmann einen Putzauftrag überlassen zu haben, obwohl ihr Angebot keineswegs das beste gewesen sein soll. Arkadi Schneiderman, der Saubermacher, will mit der Anzeige gegen Meyer übrigens nichts, rein gar nichts zu tun haben. Es gibt Leute, die ihm das nicht glauben.

Gideon Joffe gehört natürlich nicht zu ihnen, und wenn man den Neuen fragt, wie er fertig werden will mit all den verkrachten Existenzen und diesem Scherbenhaufen, in dem er steht, dann lächelt er vorsichtig und sagt, er sucht keinen Streit. „Bei mir kann jede Gruppe sicher sein, dass sie Gehör findet.“ Joffe muss jetzt los. Als er verschwindet im Fond eines schwarzen Wagens, sieht er blass aus.

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